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Die Doku "Die Unbeugsamen" über Politikerinnen in der Bonner Republik startet in Saarbrücken

Interview zum Film „Die Unbeugsamen“ in der Camera Zwo in Saarbrücken : „Was ist das für eine Männerrepublik gewesen“

Der Filmemacher dokumentiert die Bedeutung und die Schwierigkeiten der Politikerinnen in der Bonner Republik – zu sehen in Saarbrücken.

Torsten Körner (55) ist Fernsehkritiker, Autor von Sachbüchern, unter anderem über Götz George, Franz Beckenbauer und Willy Brandt – und seit 2016 Dokumentarfilmer. „Schwarze Adler“ über dunkelhäutige deutsche Fußballstars sorgte im Frühsommer für Furore. Nun erfolgt der ursprünglich bereits 2020 avisierte Kinostart von „Die Unbeugsamen“ über Politikerinnen in der Bonner Republik. Der vorzüglich recherchierte Film aus den Untiefen des Patriarchats setzt den Vorkämpferinnen der parlamentarischen Gleichbehandlung ein Denkmal.

Herr Körner, was war der Auslöser für diesen Film? Die MeToo-Debatte?

KÖRNER Die Arbeit an dem Film begann 2015, also noch vor der MeToo-Debatte. Ausgangspunkt waren Recherchen 2012 zu meinem Buch über Willy Brandt und die Bonner Republik. Dabei wurde mir klar, was das für eine Männerrepublik gewesen ist. Und mir ist auch klar geworden, dass da eigentlich viel zu erzählen wäre aus der Sicht von Frauen. Und dann wollte ich den Spieß umdrehen und in der Erzählung aus der Männerrepublik eine Frauenrepublik machen. So fing das an.

War es nicht eher eine Typenrepublik?

KÖRNER Naja, Männer- oder Typenrepublik, das widerspricht sich ja nicht. Es gab ja in den repräsentativen Funktionen vor allem Männer. Ich finde auch, dass Männerrepublik kein zutreffendes Etikett ist. Aber es steckt eine legitime Provokation darin, die Republik im Blick zurück aufzufächern, zu differenzieren. Die Wichtigkeit, die Frauen in der Gesellschaft hatten, bildete sich politisch nicht ab.

Wie weit ist es wichtig bei einem solchen Sujet, dass man sich in den Wertekanon der Zeit begibt, die man abzubilden trachtet?

KÖRNER Man muss schon gucken, was in der Zeit damals los war. Man sollte nicht die Vergangenheit mit den gleichen Wertmaßstäben und Haltungen von heute aus beurteilen. Das würde der Zeit nicht gerecht. Auch die eigene Position als Erzähler stünde gleichermaßen arrogant und unhistorisch da. Wenn man aber über Sexismus sprechen will, ob und wie eine Frau belästigt und beleidigt wurde, dann muss man aufzeigen, dass Männer sich in einer Weise verhielten, die auch in damaliger Zeit nicht in Ordnung war. Und das hat dann auch nichts mit einer politisch korrekten Haltung zu tun, die man über Vergangenes stülpt. Es ist heute falsch und es war damals falsch. Da gibt es eine Kontinuität im Wertekanon.

Sie zeigen in Ihrem Film entsprechende Denkweisen, aber sie werten oder verurteilen nicht.

KÖRNER Ja, ich verzichtete auf jeglichen Kommentar, um keine Denkmuster oder Einordnungen vorzugeben. Einmal soll das Publikum sich sein eigenes Urteil bilden, außerdem wollte ich die Situation der Politikerinnen damals nicht auf die Sexismusfrage verengen. Es soll ja nicht bloß gezeigt werden, dass die Frauen damals Opfer waren, sondern dass sie sachpolitisch was drauf hatten und eloquent waren, charismatisch sein und Macht ausüben konnten. Aber wenn ich gewollt hätte, wäre auch ein noch weitaus düstereres Bild vom Umgang der Männer mit Frauen in jener Zeit möglich gewesen. Das Material dazu war da.

Gab es Anfeindungen, dass Sie als Mann es wagen, dieses Thema aufzugreifen?

KÖRNER Nein, ich denke aber auch, wenn wir uns das gegenseitig verbieten, dass etwa ein Mann eine Geschichte über Frauen erzählt, also nur noch identische Persönlichkeiten voneinander berichten, dann verarmt diese Gesellschaft und dann fällt sie auch auseinander. Denn es sollte doch darum gehen, über Differenzen hinweg auch Gemeinschaftliches und darüber hinaus Werte zu betonen.

Liegt die Arbeit eines Dokumentarfilmers darin, eine Geschichte zu erzählen?

KÖRNER Ja, nach meinem Verständnis geht es darum, eine Geschichte erzählen zu wollen, wobei die Zuschauerinnen und Zuschauer zu Co-Autorinnen und -Autoren werden, die für sich miterzählen. Das macht für mich ganz wesentlich unser Menschsein aus. Wir müssen erzählen, um Gemeinschaft zu finden, um etwas zu begreifen, um Identität zu erlangen.

Aber wollen Sie nicht auch belehren und erhellen?

KÖRNER Das sehe ich eher als Gegensatzpaar. Denn Erhellen ist zwar schön, dahinter steckt auch der Gedanke der Aufklärung. Aber man sollte es nicht in Belehrung abgleiten lassen.

Wie viele Stunden Material haben Sie für den Film gesichtet?

KÖRNER Das kann ich gar nicht beziffern. Der Sichtungsaufwand, das waren rund vier Jahre. Aber das habe ich ja nicht alles allein gemacht. Film ist Teamarbeit, und dazu hatten wir ein Team von drei Rechercheurinnen, die als erste in die Archive einstiegen. Aber die engste Mitarbeiterin war hier die Editorin Sandra Brandl, die als Frau natürlich noch mal ganz anders auf die Politikerinnen blickte und mit ihrer Arbeit an der Montage und dem Rhythmus der Bilder eine gleichwertige Co-Autorin war.

Damit sind wir bei der Kunst der Disziplin in der Frage, was im Film bleibt und was raus muss?

KÖRNER Oh ja, da fließt manches Herzblut, wenn eine lieb gewordene Szene es dann doch nicht in den Film schaffen darf. Aber da muss man vernünftig sein. Der Film ist jetzt 100 Minuten lang und er wirkt weder überladen noch vermittelt er das Gefühl, dass etwas leichtfertig weggelassen wurde.

Woher weiß man, was in den Film gehört und was nicht?

KÖRNER Das zu erläutern ist schwierig, weil man es mit einem Aushandlungsprozess zu tun hat. Im Zuge der Montage entwickeln die O-Töne und Materialien eine Chemie, was zueinander gehört. Sicher, es geht darum, dass eine Person treffend skizziert und profiliert wird, dass aus Zusammenhängen Erkenntnisse sichtbar werden. Es geht aber auch darum, dass die Einzelteile sich zu einem schlüssigen Ganzen fügen. Das Material wird dabei tatsächlich zu einer Instanz mit eigenem Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht. Das erfordert eine Sensibilität, die aber für mich unbedingt dazugehört. Ich würde nie auf einen billigen Effekt oder schnellen Punktgewinn hin schneiden, wenn das die Protagonistinnen in ihrem Ansehen beschädigen würde. Das verbietet sich medienethisch.

 Regisseur Torsten Körner, dessen Doku-Debüt „Schwarze Adler“ Furore machte.
Regisseur Torsten Körner, dessen Doku-Debüt „Schwarze Adler“ Furore machte. Foto: Heinrich Benjamin

„Die Unbeugsamen“ startet am Donnerstag in der Camera Zwo (Sb).