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Doku über Bergbau im Saarland - und die Katastrophe in Luisenthal 1962

Die Doku „Als die Kohle verschwand“ : Erinnerungsprall, wehmütig, aber immer auch wieder witzig - Premiere eines Saarbrücker Bergbaufilms

Am Freitag hat die Bergbau-Doku „Als die Kohle verschwand“ Premiere in Saarbrücken. Dabei geht es auch um die Katastrophe in Luisenthal.

Horst Schmadel packt die Seife aus – ein dickes, sattgelbes Stück, „Haut-Schutz“ ist draufgeprägt – mit dem Bergbau-Symbol Hammer und Meißel zwischen „Haut“ und „Schutz“. Man glaubt fast, sie riechen zu können. „Jede Grube hatte ihre eigene Seife“, sagt Schmadel, „und jeder sagte: ‚Unsere ist die beste‘“. Der ehemalige Bergmann ist einer der Handvoll Menschen, die im  Dokumentarfilm „Als die Kohle verschwand“ ihre Erinnerungen teilen, von Zeiten erzählen, als es im Saarland noch unter Tage ging; als Bergleute ihre Lyoner auf den Transformatoren aufwärmten; und als bei dem Unglück in Luisental 299 Bergleute ihr Leben verloren.

 Horst Schmadel vor seinem ersten Schacht.
Horst Schmadel vor seinem ersten Schacht. Foto: HBK/David Rohner

Dem Filmemacher David Rohner, der an der Hochschule der Bildenden Künste (HBK) in Saarbrücken studiert, ist ein sehenswerter Film gelungen. Erinnerungsprall, wehmütig, aber immer auch wieder witzig. Seine Gesprächspartner hat er mit einem guten Händchen ausgewählt: charismatische Personen mit Erzähltalent – und gutem Gedächtnis. Da ist der erwähnte Horst Schmadel, da ist der singende Ex-Bergmann Walter Engel vom Saarknappenchor, da ist Josef Thomas, der von der Katastrophe in Luisenthal erzählt – und da ist Jürgen Höll: Der war in der Grube Ensdorf kein „Unter-Tage-, sondern ein Über-Tage-Mann“, wie er erklärt – er kümmerte sich im „Versandbüro“ um den Abtransport der geförderten Kohle. Heute bastelt und werkelt er in seinem Haus in Griesborn an einem wahnwitzig detaillierten Modell seines alten Arbeitsplatzes, das ein Glücksfall für den Film ist: Wie das harte Geschäft unter und über Tage abgelaufen ist, erklären Höll und ein Kollege anhand seiner grandiosen Modell-Anlage im Maßstab 1:87 – eine sehr persönliche und undidaktische Mini-Lehrstunde.

Einige Wehmut zieht sich durch den Film, wenn Schmadel sich skeptisch die verlassene Anlage der Grube Warndt anschaut, „da sind heute mehr Katzen als damals Bergleute“, während die verblichene gelbe Telefonzelle dort an eine lange vergangene Zeit erinnert. „Kein Anschluss unter dieser Nummer“, kommentiert Schmadel. „Tot.“ Auf einem gehäkelten Deckchen zuhause steht eine heilige Barbara, Schutzherrin der Bergleute. „Ich bin kein gläubiger Mensch“, sagt Schmadel und lächelt, „aber sie hat mir schon oft geholfen“. Um die Gefahr unter Tage geht es immer wieder im Film, der geblendete Blick in die Sonne nach einer Schicht im Dunklen sei wichtig, sagt Schmadel, „ein Symbol für einen überlebten Tag“.

Von der Katastrophe in Luisenthal erzählt Josef Thomas. Erst sei von drei Toten die Rede gewesen, dann von immer mehr, schließlich von nahezu 300. Er schildert, wie er unter den Toten immer mehr Kollegen erkennt, wie er nach Hause kommt und in der Küche seine Frau mit anderen Frauen zusammensitzen sieht. „Und ich wusste, jeder Ehemann von denen war tot. So etwas kann man nicht vergessen. Das begleitet einen ein Leben lang.“ Es sind tief berührende Szenen im Film, der sich klug zurückhält. Er lässt die Menschen erzählen, es gibt keine hektischen Schnitte, keine künstliche Dramatisierung, die Kamera von Kadir Akgül schaut genau hin, aber lässt den Menschen ihren Raum.

Von viel Kameradschaft wird erzählt, von lebensnotwendigem Zusammenhalt unter Tage, auch wenn man sich gegenseitig manchmal die Lyoner mopst. „Es war, wie wenn man eine Familie verlässt“, erzählt Thomas vom letzten Arbeitstag. Romantisiert werden die Arbeitsbedingungen dabei aber nicht. Staub, Hitze, Gefahr. „Ich hatte noch alle Finger, von der Silikose hatte ich noch nicht gewusst, ich hatte den Eindruck, ganz gut davongekommen zu sein“, sagt Thomas und fügt mit einigem Stolz hinzu, „und ich habe einen guten Eindruck hinterlassen“. Berufsethos.

 Andreas Fulda bei der Probe des Saarknappenchors.
Andreas Fulda bei der Probe des Saarknappenchors. Foto: HBK/David Rohner

Musikalisch illustriert wird der Film von Proben des Saarknappenchors – wenn der Zeilen singt wie „Es gräbt der Bergmann in dem Schacht (…) tief unten in der dunklen Nacht“ geht das ohne Umweg ans Herz. Sänger und Ex-Bergmann Walter Engel erzählt von einer China-Tournee 1995 und von vielen jungen Menschen dort im Publikum – „anders, als wenn wir hier Konzerte geben“. Auch darum geht es im Film: Wie schnell verblassen Erinnerungen? Was bleibt, wenn die Zeitzeugen nicht mehr da sind? Horst Schmadel wünscht sich deshalb, dass man aus dem Förderturm in der Grube Warndt eine Aussichtsplattform macht. „Aber lange sollte man nicht mehr warten.“

„Als die Kohle verschwand“ läuft am Freitag ab 18 Uhr im Rahmen der bundesweiten Dokumentarfilmtage „Let’sDok“ in der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK). Danach laufen die HBK-Filme „Die Frau ohne Eigenschaften“ von Siwei Li (11 Minuten) und „Die Kundin“ von Camilo Berstecher Barrero  (65 Minuten). Für den Besuch gilt die 3G-Regel, der Eintritt ist frei, aber man muss ich vorher anmelden unter:
www.yellow-camera.com/letsdok
Infos: www.hbksaar.de/news/reader/lets-dok