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Ex-“Tatort“-Darsteller Robert Atzorn: Darum schaut er keinen "Tatort" mehr

Er spielte Kommissar Jan Casstorff : Ex-“Tatort“-Star Robert Atzorn: Warum er heute keinen „Tatort“ mehr schaut

Schauspieler Robert Atzorn, bekannt als „Unser Lehrer Dr. Specht“ und Hamburger „Tatort“-Kommissar Jan Casstorff hat ein Buch über seine Karriere geschrieben – aus dem er bei der HomBuch in Homburg zusammen mit seiner Frau Angelika lesen wird. Im SZ-Interview sprechen die beiden über die Risiken, die das Schauspielerleben für das Eheleben bereit hält - und erklären, warum sie keinen „Tatort“ mehr schauen.

Herr Atzorn, haben Sie Regisseur Peter Zadek verziehen? Der ließ Ihnen ja einst nach einem Vorsprechen, wie Sie schreiben, ausrichten, Sie wären „das spießigste Arschloch, das er je auf einer Bühne gesehen hat“.

ROBERT ATZORN (lacht) Ja, ich habe ihm verziehen, aber das hat gedauert – bis er mich drei Jahre später dann doch engagieren wollte, 1984 für „Ghetto“ in Berlin. Ich konnte wegen anderer Termine nicht, habe abgesagt, und damit war die Sache für mich in Ordnung.

Die Anekdote ist eine von vielen in Ihrem Buch, in dem es viel um berufliche Fehlschläge geht, um Zurückweisungen. Für Ihren Beruf muss man ein besonders dickes Fell haben, oder?

ROBERT ATZORN Absolut. Auch deswegen haben wir das Buch geschrieben – um  klarzumachen, dass bei dem Beruf nicht immer der Champagner fließt und rote Teppiche ausgerollt werden. Die Realität ist ganz anders. Als ich erstmals wirklich bekannt wurde, war ich schon Mitte 40. Ein sehr später Durchbruch. Beim Schreiben des Buchs konnte und musste ich mich nochmal daran erinnern, was ich vor dem Erfolg eigentlich aushalten musste.

Wobei Sie von den Erfolgen weniger erzählen als von den Misserfolgen, da ist Ihr Buch erfrischend uneitel.

ROBERT ATZORN Das ist ja genau das Spannende, was mich auch bei anderen Kolleginnen und Kollegen am meisten interessiert: Was war denn vor dem Erfolg? Außerdem ist es langweilig, von Erfolg zu erzählen. Was soll ich denn schreiben? „Ich war so toll als Dr. Specht?“ Das muss nicht sein. Interessanter finde ich, wie schwer es manchmal sein kann: Wenn ich den „Faust“ spiele und die Stimme weggeht. Die Nackenschläge und Absagen, die ich einstecken musste, auch schlechte Kritiken. Den Erfolg erwähne ich ja auch, aber mehr anekdotisch. Als es lief bei mir, dann lief es eben. Das weiß man ja auch als Zuschauer.

Ein Grundthema des Buchs sind die Traumata bei Ihren Eltern und den Eltern Ihrer Frau durch die Kriegszeit. Ihr Vater kam aus der Gefangenschaft, als Sie fünf Jahre alt waren. Sie schreiben, dass Ihr Vater keine Emotionen gezeigt hat, dass lebenslang ein Gefühl der Fremdheit zwischen Sohn und Vater blieb.

ROBERT ATZORN In den ersten Jahren war mein Opa für mich da. Als mein Vater dann in die Familie kam, fragte ich mich: Das soll mein Papa sein? Das war für mich befremdlich, eigentlich brauchte ich ihn gar nicht, ich hatte ja meinen Opa. Als Kind fragte ich mich immer, was mein Vater denn hat, dass er so zurückgezogen ist und nichts von seiner Vergangenheit erzählt. Viele, viele Jahre später, an meinem 73. Geburtstag, habe ich eine Familienaufstellung gemacht. Erst da habe ich verstanden, wie schwer er es hatte und wie traumatisiert er war. Dann konnte ich ihm auch verzeihen, dass er mir nicht genug Liebe gezeigt hat. Unsere Eltern waren nicht mehr in der Lage, normale Gefühle auszudrücken - das hatten sie durch die Kriegsjahre verdrängt, vielleicht verdrängen müssen.

ANGELIKA ATZORN So war diese Zeit früher, man hat kaum über Gefühle gesprochen. So etwas wie therapeutische Hilfe gab es damals nicht, erst in den 1970ern und 1980ern Jahren dachte man über eine seelische Aufarbeitung nach – vorher war das ein Tabu. Diese traumatischen Erlebnisse werden manchmal bis zu sieben Generationen weitergegeben, manche Dinge kommen noch beim Ur-Urenkel heraus.

Das zweite große Thema Ihres Buchs ist die Ehe – und die Kompromisse, die man macht, gerade wenn man Familie hat. Man hat bei der Lektüre das Gefühl, dass Ihre Frau da zu mehr Kompromissen bereit war. Sie hat berufliche Angebote abgelehnt, wodurch Sie das nicht tun mussten.

ROBERT ATZORN Ja, auch deswegen wollte ich das Buch schreiben – um herauszustellen, wie wichtig Angelika für mein ganzes Leben war und ist.

 Angelika und Robert Atzorn sind seit 46 Jahren verheiratet.
Angelika und Robert Atzorn sind seit 46 Jahren verheiratet. Foto: Janine Guldener

ANGELIKA ATZORN Ich habe auch an der Bühne gearbeitet, als Tänzerin, wollte in Richtung Musical gehen. Aber dann kommt der Mann, Kinder will man auch, und dann fragt man sich, was das Wichtige im Leben ist. Menschliches war mir immer wichtiger als der Beruf – der ist vergänglich. Ich will jetzt nicht philosophisch werden, aber ich sehe es so: Wir kommen als Seelen auf die Welt, nur zum Lernen, und dann entwickeln wir uns wieder zum Göttlichen hin. Letztlich war mir eine Beziehung immer wichtiger als alles andere. Und beruflich haben sich dann auch andere Türen geöffnet, wie es eben ist, wenn man sich dem Fluss des Lebens überlässt – ich habe Yoga entdeckt und unterrichte das bis heute. Das ist für mich erfüllender geworden, als es die Bühne wohl geworden wäre. Wir sind jetzt 46 Jahre verheiratet und mussten da auch manches meistern. Wenn ich sehe, wie andere Beziehungen auseinandergehen, tut mir das immer weh – warum haben die bloß aufgegeben?

Was können Sie denen raten, die nicht aufgeben?

ROBERT ATZORN Ständige Kommunikation und absolute Ehrlichkeit – sich selbst und dem Partner gegenüber. Ich musste erst lernen, Gefühle auszudrücken. Angelika hat da immer gebohrt, und anfangs dachte ich „Was will die Frau eigentlich von mir?“. In meiner Familie hat es diesen Austausch, wie es einem wirklich geht, nie gegeben.

ANGELIKA ATZORN Er hatte mal Theaterproben und kam mit der Rolle nicht zurecht, darüber haben wir eine halbe Nacht lang diskutiert. Nach der nächsten Probe kam er nach Hause, ich fragte, wie es gelaufen sei, und er sagte nur: „Gut.“ Da bin ich ausgerastet. Bei uns ging es auch hoch und runter, aber wir haben weitergemacht. Und irgendwann ist das eine sehr tiefe Beziehung. Man muss sich immer wieder daran erinnern, wie gerne man sich eigentlich hat.

Herr Atzorn, 2017 haben Sie Ihre Schauspielkarriere für beendet erklärt. Haben Sie das jemals bereut?

ROBERT ATZORN Keine Sekunde lang. Mir geht es absolut hervorragend. Ich habe mich 50 Jahre mit dem Beruf beschäftigt, der sehr viel Fremdbestimmung bedeutet, was mir immer mehr auf den Nerv ging. Früher hatte ich mich auf jedes neue Drehbuch gefreut, aber diese Freude war einfach weg. Und da dachte ich: Hör auf. Wenn das Feuer nicht mehr brennt, ist das Ganze nur noch Arbeit, wo es doch vorher Begeisterung war. Und da habe ich aufgehört. Ich kann jetzt so viele Sachen machen, die vorher kaum möglich waren: Ich bin zum ersten Mal bei Geburtstagen von Freunden dabei, früher war ich meistens weg. Wir können Weihnachten in Ruhe mit der Familie feiern, wir wohnen am Chiemgau in einer schönen Gegend. Es ist die glücklichste Zeit meines Lebens.

Schauen Sie noch Fernsehen, etwa die „Tatorte“, die nach Ihren kamen?

ATZORN Nein, wir schauen im Moment gar nichts – wir haben nicht mal mehr einen Fernseher. Es interessiert mich nicht mehr. Ein bisschen was erfahre ich von meinen Söhnen, was so läuft, aber das reicht. Ich habe das Gefühl, dass ich auch mit dem Buch an einen Schlusspunkt gekommen bin. Ich weiß, dass ich in meinem nächsten Leben, falls ich nochmal auf die Erde kommen sollte oder darf, nicht nochmal Schauspieler werde. Ganz sicher nicht. Das habe ich intensiv ausgelebt, bin weiter gekommen als ich mir das erträumt habe – jetzt geht es mir richtig gut.

Robert Atzorn: Duschen und Zähneputzen. Was im Leben wirklich zählt. Eden Verlag, 272 Seiten, 22 Euro.
Angelika und Robert Atzorn lesen am Donnerstag, 9. September, ab 19 Uhr bei der HomBuch im Siebenpfeiferrhaus aus „Duschen und Zähneputzen“. Die Lesung ist ausverkauft.

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