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Festival Perspectives: Atemberaubende Akrobatik im Live-Stream

Dokumentation über die Akrobatik-Compagnie XY : Von der magischen Kraft des Kollektivs

2016 gastierte die Compagnie XY schon einmal mit atemberaubender, poetischer Akrobatik bei den Perspectives. Zur diesjährigen digitalen Ausgabe zeigt das Festival die Doku „Der Schwarm“ von Ilka Franzmann über die Proben zur neuen Produktion.

„Vertrauen ist der Kern unserer Arbeit.“ Das sagt Airelle Caen, eine der „Flyerinnen“ der Compagnie XY, die zu den renommiertesten des französischen Cirque Nouvelle, des zeitgenössischen Zirkus, gehört. Als eine der drei Akrobatinnen (Flyerinnen), die die gefährlichsten Saltos, Sprünge und Würfe ganz oben auf den beeindruckenden Menschentürmen übernehmen, vertraut sie ihr Leben  immer wieder dem Kollektiv an. „Das Kollektiv hat eine enorme Kraft“, sagt Kollegin Paula Wittib. Was da passiert bei dieser gefährlichen, intimen Zusammenarbeit sei „magisch“.

Diese magische Kraft hat Regisseurin Ilka Franzmann in ihrem Film „Der Schwarm – die Compagnie XY im Höhenflug“ sichtbar und fühlbar gemacht. In poetischen, ruhigen Bildern, Nahaufnahmen der intensiven Körperarbeit der Akrobatik-Truppe, Probeszenen und Ausschnitten aus dem Stück „Möbius“ erzählt sie von den mentalen und körperlichen Anstrengungen dieses Kollektivs – indem sie die Mitglieder selbst erzählen lässt und sich der Kommentierung enthält. Die Doku  läuft im Rahmen einer Medienkooperation des Festivals mit dem Sender Arte.

Bei den Proben begleitet

Dafür hat Franzmann die 22 Akrobaten und Akrobatinnen im Sommer 2020 bei der Probenarbeit begleitet. Vier Monate lang hatte sich die Compagnie nicht gesehen, ihre Tournee mit dem Stück „Möbius“ war wegen der Pandemie abgesagt worden. Dann lud das Grec Festival in Barcelona die Truppe kurzfristig für den Sommer ein – schnell traf man sich für Proben in Paris und  studierte „Möbius“ wieder ein – in nur zehn Tagen und in angepasster Form. Denn eine der Akrobatinnen hatte sich verletzt, Positionen mussten neu verteilt und geprobt werden. 

„Man spürt eine Art Einsamkeit“, beschreibt Airelle Caen das Fehlen eines wichtigen Mitglieds der Compagnie. Denn die funktioniert nur als harmonische Einheit, als lebendiger Organismus, in dem jeder und jede die ihm oder ihr zugewiesene Aufgabe gewissenhaft erfüllt und erfüllen muss. „Wir sind wie eine Maschine, in der die Zahnräder ineinandergreifen“, sagt Mikis Minier-Matsakis. Auf ihn bauen die anderen als „Basis“. „Ich fühle mich  wie ein Traktor, der Waggons zieht“, beschreibt sich Mikis. Wie er finden die interviewten Akrobaten wunderbare, poetische Bilder für ihre Arbeit. Und ihre Angst. Denn die schwingt immer mit. In der Akrobatik wie im Leben. „Ohne Angst wird es gefährlich“, sagt Flyerin Maélie Palomo.

Niemand gibt den Ton an

Die Compagnie XY ist ein Kollektiv, in dem niemand den Ton angibt. Alle Stücke werden gemeinsam entwickelt, alle reden mit. Das fällt es manchmal schwer, als Individuum gesehen zu werden, auch davon erzählt der Film, wenn er die Szenen zeigt, in denen aus den Akrobaten Tänzer werden, die auch mal  – wenn auch nur kurz – alleine auf der Bühne stehen. „Was das Publikum sieht, ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Abdeliazide Senhadji. In ihrem Film lässt Ilka Franzmann die Zuschauer unter die Wasseroberfläche blicken. Sehenswert. Zumal man sich auf „Möbius“ freuen darf, wenn die Compagnie XY im kommenden Jahr damit die Perspectives eröffnen – hoffentlich.