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Interview mit Band Powerwolf aus Saarbrücken über Wacken und neues Album

Interview mit der Band Powerwolf aus Saarbrücken : „Wir wollen endlich von der Kette gelassen werden“

Studioaufnahmen unter schwierigen Corona-Bedingungen, das neue Album „Call of the Wild“, die Krise der Konzert-Szene und die Katholische Kirche. Dazu ein Interview mit Powerwolf-Keyboarder Falk Maria Schlegel.

Sie sind der größte (und lauteste) Musik-Export aus dem Saarland: Die Saarbrücker Band „Powerwolf“ ist mit ihrem ironisch unterfütterten, sehr eingängigen Heavy Metal und ihren spektakulären Shows international sehr erfolgreich. Das neue Album „Call of the Wild“ ist am Freitag erschienen. Wir haben mit Keyboarder Falk Maria Schlegel gesprochen.

Wie war das vergangene Jahr für die Band und Sie?

SCHLEGEL Es war ja für niemanden ein Wunschjahr. Für uns war irgendwann der Punkt gekommen, an dem wir das ganze Corona-Geschehen ausgeblendet haben, so gut es geht, und uns noch mehr darauf fokussiert haben, das Album zu schreiben und aufzunehmen. Es war ein Gefühl des „Jetzt erst recht“. Normalerweise ist man im Sommer ja draußen, bei Festivals, schnuppert Konzertluft und tankt Energie. Das war im vergangenen Sommer ganz anders. Aber es ist uns gelungen, unsere Energie nochmal zu bündeln, auch eine gewisse Lebensfreude reinzupacken, trotz allem.

Wie lief die Albumproduktion während Corona?

SCHLEGEL Anders als geplant. Wir wollten erst zum Aufnehmen nach Schweden, dann wurde es zu schwierig mit Flügen und Quarantäne. Dann wollten wird nach Holland zu Joost van den Broek, der unser Best-of-Album gemixt hatte. Wir dachten, Holland macht alles einfacher – aber dann wurde es ganz absurd, als es Risikogebiet wurde, Grenzkontrollen angekündigt wurden und es erste Aufstände auf den Straßen gab, wo Leute gegen die Corona-Auflagen demonstriert haben. Die Fahrt zum Studio ist ja der einfachste Part der gesamten Albumproduktion – in diesem Fall war sie mit das Schwierigste.

 Falk Maria Schlegel ist Organist/ Keyboarder bei „Powerwolf“.
Falk Maria Schlegel ist Organist/ Keyboarder bei „Powerwolf“. Foto: Matteo Fabiani

Wie nimmt man Heavy Metal mit Abstandsgebot im Studio auf?

SCHLEGEL Normalerweise sind wir alle gerne zusammen im Studio, um uns dann ein bisschen auf die Nerven zu gehen. Diesmal mussten wir einzeln ins Studio, und es wurden noch PCR-Tests verlangt. Die haben noch richtig wehgetan, das Stäbchen ging ziemlich hoch in Richtung Gehirn.

Es gibt auch Chorpassagen auf dem Album – wie nimmt man in diesen Zeiten Chöre auf?

SCHLEGEL Die acht Stimmen einzeln. Das hat länger gedauert als üblich, aber ohne Chöre geht es bei uns nicht. Insgesamt haben wir über sechs Wochen lang aufgenommen, einen Monat gemixt, fast ein Jahr dran geschrieben. Das kommt einem aber nicht so vor, wenn man drinsteckt, das ist halt weniger Arbeit als unsere Leidenschaft.

Und auch eine Art Rettungsanker in finsteren Zeiten?

SCHLEGEL Wir hatten wirklich Glück im Unglück. Wir kamen vor dem Lockdown gerade von unserer Südamerika-Tournee zurück, haben noch einen der letzten Flüge aus Mexiko-City ergattert, fast wären wir dort gestrandet. Zuhause konnten wir uns in die Arbeit stürzen und manchmal die aktuelle Nachrichtenlage, die RKI-Zahlen und so weiter, einfach ausblenden, weil man es sonst nicht mehr ertragen hätte. So gesehen, war die Musik eine wunderbare Rettung.

 Powerwolf
Powerwolf Foto: Napalm Records

Ist das Album ein wenig schneller und härter als der Vorgänger?

SCHLEGEL Ich glaube schon. Eine Ballade ist dabei, aber der Rest ist ziemlich flott. Vielleicht war das unbewusst eine Reaktion auf die Situation – die Welt scheint stillzustehen, da haben wir dann gerne den Fuß auf dem Vollgas.

Aber thematisch ist es keine Auseinandersetzung mit Corona?

SCHLEGEL Nein, und das ganz bewusst. Ich glaube, die Leute sind dieses Themas auch müde. Thema sind vor allem Mythen und Legenden der Werwölfe, etwa die von der Bestie von Gévaudan, nach der ein Monster in Frankreich Hunderte Menschen getötet haben soll. Dazu gibt es zig Theorien – vom simplen Wolf bis zur Strafe Gottes, wie es die Kleriker gesagt haben. Mit „Blood for Blood“ haben wir etwas über den irischen Werwolf-Mythos „Faoladh“ geschrieben, ein Schutzgeist für Kinder und Verwundete. Diese Werwolf-Mythen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich, drehen sich am Ende aber immer um Glauben und auch um Religionskritik. Für uns ein gefundenes Fressen, weil das ja ein bisschen unser Themengebiet ist – Religion, Religionsgeschichte.

Wie auch in „Glaubenskraft“ – ist das das erste deutschsprachige Stück der Band?

SCHLEGEL Nein, das dritte schon. Das Stück ist nicht direkt eine Religionskritik, aber uns hat es doch sprachlos gemacht, wie die Katholische Kirche mit den Missbrauchsfällen umgegangen ist – dass da etwa bestimmte Gutachten nicht zugelassen wurden und gerne ein Mantel des Schweigens ausgebreitet wird. Das Wort „Glaubenskraft“ kann man nun in beide Richtungen interpretieren – positiv und negativ, im Sinne eines blinden, sturen Glaubens. Bei diesem harten Thema hilft die deutsche Sprache, weil sie ungemein hart klingen kann.

Das Festival in Wacken, 2020 abgesagt, findet ja diesmal Mitte September statt, in kleinerer Form. Ist die Bühnenproduktion der Band, die zuletzt sehr aufwendig war, entsprechend abgespeckt?

SCHLEGEL Nein, die Produktion wird größer. Das Konzert wird für uns als Band und für das Publikum wie eine Erlösung – da nur mit halbem Besteck hinzufahren, können wir uns nicht vorstellen. Da muss es schon richtig knallen.

Und wie konkret sind die Pläne für die Tournee, auch wenn die Situation nach wie vor unsicher ist?

SCHLEGEL Wir proben, wir planen das Set, wir bauen – wir tun so, als wäre alles ganz normal, wir müssen ja vorbereitet sein. Wir fokussieren uns auf die Live-Saison und schauen, was kommt.

Können sich in dieser Situation die Künstler und Veranstalter der Unterstützung der Politik da sicher sein?

SCHLEGEL Die Politik müsste da mehr Sicherheit geben. Hygienekonzepte sind notwendig, aber auch sehr teuer – wenn wir wegen Abstandsregeln etwa in einer Arena wie der Hanns-Martin-Schleyer-Halle nur vor 1000 Leuten spielen könnten, müsste der Veranstalter enorme Schulden machen. Da braucht es einen Ausgleich.

Wie groß ist der Powerwolf-Apparat insgesamt?

SCHLEGEL Bei uns sind, je nachdem ob wir gerade auf Tour sind oder nicht, 30 bis 50 Leute beschäftigt. Die Musikindustrie ist einer der größten Arbeitgeber in Deutschland – das war der Politik am Anfang der Corona-Krise wohl nicht so klar. Man merkt in der Szene, dass viele sich andere Jobs gesucht haben, vieles ist weggebrochen, es muss sich neu aufbauen. Das wird nicht leicht. Aber alle hoffen darauf, dass es wieder losgeht. Und wir wollen im Herbst den Leuten die neuen Songs um die Ohren hauen. Wir wollen endlich von der Kette gelassen werden.

Saarbrücken ist das letzte Konzert der kommenden Tournee – ist die Heimat bewusst als letztes Konzert gewählt?

SCHLEGEL Diesmal nicht – es sollte im Juli ja ein Konzert vor der Congresshalle geben, das musste jetzt auf den 23. Oktober in die Saarlandhalle verschoben werden. Bei der Tournee davor war das so geplant, und es war ein perfektes Heimspiel – bei keinem Konzert ist man nervöser, weil einfach alle da sind, die man kennt. Es war wunderbar, nach der Tournee nach Hause zu kommen und diese Wertschätzung zu erfahren. Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Nach dem Konzert bin ich alleine den Ludwigsberg runtergegangen, nach einer tollen Show und nach vier Wochen Tournee, das war ein herrliches Gefühl. Das hätte ich gerne wieder so – und genau so werde ich‘s machen.

Das Album „Call of the Wild“ ist bei Napalm Records erschienen.
Die Tournee beginnt am 1. Oktober in Stuttgart und führt die Band unter anderem nach Paris, London, Wien, Amsterdam und Mailand. Finale ist am 23. Oktober in der Saarlandhalle in Saarbrücken.
Informationen und Karten unter
www.powerwolf.net/Tickets