1. Saarland
  2. Saar-Kultur

Interview mit Leiterin Sylvie Hamard über Festival Perspectives in Saarbrücken

Interview mit Sylvie Hamard, Leiterin des Perspectives-Festivals : „Dann verschieben wir das Festival nochmal“

Schwierige Zeiten für das Perspectives-Festival. Wegen Corona muss es diesmal in zwei Blöcken stattfinden: im Mai digital, im Juli/August vor Publikum – wenn alles gutgeht. Ein Gespräch mit Festivalleiterin Sylvie Hamard: über Festivalnöte, warum es der freien Kunst in Frankreich besser geht als in Deutschland, über „Querdenker“ und die angeschlagene deutsch-französische Freundschaft in Zeiten von Corona und Grenzschließung.

Frau Hamard, 2020 mussten Sie die Perspectives wegen Corona absagen, der kommende Jahrgang wird ungewöhnlich: mit einem digitalen Block im Mai und mit hoffentlich öffentlichen Vorstellungen im Juli und im August.

HAMARD Ja, aber wir waren eigentlich optimistischer. Wir hatten für Mai ein Open-Air-Programm geplant, um coronahalber auf der sicheren Seite zu sein. Es hätte mit Masken, Abstandsregeln, weniger Zuschauern, möglicherweise Tagestests eigentlich funktionieren müssen – deshalb verstehe ich das Ganze nicht. In Frankreich sagen die Virologen, dass man sich draußen nicht ansteckt. Deswegen bin ich schon enttäuscht – aber so ist eben jetzt die Situation.

Haben Sie auch daran gedacht, das Festival schlimmstenfalls nochmal abzusagen wie 2020?

HAMARD Nein. Uns war klar, dass wir auf keinen Fall absagen. Im ungünstigsten Fall hätten wir ein rein digitales Programm angeboten – aber keine Live-Streams oder Aufzeichnungen von gefilmten Theaterproduktionen, von Tanz oder Zirkus. Das wäre für mich kein Festival. In Frankreich gibt es einen neuen Sender namens „Culturebox“, der Theater- und Tanzstücke zeigt. Ich habe es ein paar Mal versucht, aber gefilmte Stücke kann ich mir nicht im Fernsehen oder am PC anschauen. Ich weiß dann schon, ob die gut sind oder nicht – aber es übertragen sich keine Gefühle, man spürt nichts.

Wie haben Sie dann das Programm für den ersten, digitalen Festivalblock zusammenstellen können?

HAMARD Ich war sehr skeptisch, was digitale Bühnenkunst angeht – aber mein Team hat mich gedrängt, mir besonders gute Produktionen anzuschauen, die eben keine Inszenierungs-Mitschnitte sind, sondern explizit für den digitalen Raum geschaffen worden sind. Als ich „werther.live“ gesehen habe – das ist jetzt unser Eröffnungsstück am 20. Mai – wusste ich: Wenn das so gut sein kann, dann hat das Ganze Sinn. Die Künstler haben sich neue Wege überlegt, wie man sich weiter ausdrücken kann, wie man weiter arbeiten kann in einer Situation ohne Bühne. Da wird anders geschrieben und anders gespielt – das ist sehr spannend.

Der digitale erste Block des Festivals kommt nur aus Deutschland – gab es keine französischen Stücke?

HAMARD Ich hätte sehr gerne ein deutsch-französisches digitales Programm angeboten – aber die französischen Künstlerinnen und Künstler haben sich damit zu wenig beschäftigt. Es gab aus Frankreich sehr wenige Angebote, und diese haben uns nicht überzeugt. Aus Deutschland kam viel, was mit dem Digitalen wirklich gearbeitet und einen eigenen Weg gefunden hat.

Woher kommt dieser Unterschied?

HAMARD Ich weiß es nicht. Zahlreiche Festivals und Theaterhäuser haben ein paar Stücke gestreamt, aber überzeugende digitale Konzepte habe ich in Frankreich nicht erlebt.

Das französische Theater ist ja nicht konservativer als das deutsche?

HAMARD Nein, das nicht. In Frankreich haben zahlreiche Künstler beschlossen, einige Theater zu besetzen, um durch solche Aktionen zu zeigen, dass sie existieren und dass Kunst und Kultur vielleicht nicht ernst genug genommen wird. Aber die digitalen Medien haben sie nicht viel erforscht.

Als die Perspectives 2020 ausgefallen sind – wie war das für Sie und das Team?

HAMARD Sehr hart, wir hatten lange nicht dran geglaubt, absagen zu müssen, aber dann ging alles sehr schnell. Ich hatte allerdings zwei Wünsche an die politischen Träger des Festivals und an die Sponsoren: dass die Mitarbeiter des Teams bis zum Ende bezahlt werden, als ob das Festival stattgefunden hätte – das sind Menschen mit kurzen Arbeitsverträgen, teilweise Studenten.. Und ich wollte eine Entschädigung für die Künstler – ich bin sehr glücklich, dass das alle akzeptiert haben. Dann haben wir weitergeplant und dachten, 2021 würden wir richtig feiern, dass alles wieder vergleichsweise normal ist. Jetzt wissen wir, dass es anders ist.

Kann man Gelder von einem abgesagten Festivaljahrgang, die nicht ausgegeben wurden, in den nächsten hinüberretten?

HAMARD Nein, das wäre auch nicht in Ordnung. Die Situation ist schwierig genug für alle, da kam es nicht in Frage, einen Rest des Etats auf die Seite zu legen. Ich wollte nur, dass die Kosten für 2020 gedeckt sind, und das ist geschehen.

Wie steht es um die Sponsoren? Die haben wegen Corona ja möglicherweise selbst Probleme und müssen sich gut überlegen, wen sie unterstützen.

HAMARD Unsere Sponsoren sind 100 Prozent weiter dabei, auch in dieser schwierigen Situation, was mich sehr freut.

Die Corona-Lage ändert sich ständig – wie kann man da überhaupt planen? Für die Veranstaltungen im Juli kann man auch nicht wirklich garantieren.

HAMARD Es ist sehr kompliziert und sehr ermüdend. Man hat ständig Fragen, die niemand beantworten kann. Man plant, weiß aber nicht, was wirklich realisierbar sein wird. Wir hatten mehrere Pläne: Im Idealfall ein Festival wie gewohnt in Sälen und Open-Air, wenn auch mit begrenzter Kapazität. Dann eine hybride Variante, digital und mit Publikum vor Ort – und schlechtestenfalls rein digital. Unser Problem ist ja auch, dass wir ein deutsch-französisches Festival sind und sich die Corona-Regeln der Länder unterscheiden.

Worin etwa?

HAMARD Zum Beispiel beim Abstand der Akteure auf der Bühne. Als wir noch hofften, wir könnten im Mai in Sälen spielen, hatten wir ein Zirkusstück eingeplant: mit Franzosen, die in Saarbrücken spielen. Doch in Deutschland, anders als in Frankreich, müssen sie Abstand auf der Bühne halten – das ist bei einem Stück mit Akrobatik unmöglich. Bei beschränkter Personenkapazität in einem Spielort zählt jeder Darsteller oder Darstellerin, Techniker oder Technikerin mit. Also könnte man am besten Solo-Stücke buchen oder nur mit zwei Darstellern und wenig Technik, damit man noch genug Publikum in den Saal bekommt. Aber das kann ja kein künstlerisches Kriterium für eine Programm-Auswahl sein – sondern nur ein logistisches.

Was wäre, wenn die Lage im Juli und August so schlecht wäre, das man nur ohne Publikum spielen könnte und alles streamen müsste?

HAMARD Wenn es katastrophal sein sollte, dann verschieben wir nochmal um ein paar Monate.  Wir hoffen aber sehr, dass wir in beiden Ländern spielen können.

Wie hoch ist die technische Hürde bei einem Festival mit Digital-Programm?

HAMARD Technik, die nicht funktioniert, ist schrecklich. Wir haben uns Profis geholt und  geben dafür schon ein bisschen Geld aus. Nach jeder Aufführung gibt es  ein Publikumsgespräch mit den Künstlern, außerdem wird es eine telefonische Beratung für Ticket-Käufer durch das Festival geben, falls jemand mit der Technik nicht ganz zurecht  kommt. Die Leute sollen keine Sorge vor der Technik haben, denn es ist nicht kompliziert.

Die Lage der Künstlerinnen und Künstler in Deutschland ist wegen Corona äußerst schwierig – wie ist das in Frankreich?

HAMARD Etwas besser, denn dort gibt es das „statut d’intermittent du spectacle“ – wenn man mindestens 507 Stunden in einem Jahr nachweislich engagiert war, bekommt man ab dann Unterstützung, wenn man nicht arbeiten kann. Ein Bühnenautor zum Beispiel kann während des Schreibens eines Stückes Unterstützung bekommen, weil er in dieser Zeit nichts verdient. Das ist eine große Unterstützung für viele Künstler. Arbeitet man in einem Jahr aber weniger als 507 Stunden, verliert man dieses „statut“.

Und während Corona?

HAMARD Da gilt das letzte Arbeitsjahr vor der Pandemie – deshalb verliert niemand seinen „statut“ wegen Corona.

Ist die französische Politik kulturfreundlicher als die deutsche?

HAMARD In Frankreich kämpfen manche Politiker auch gegen den „statut“. Aber das wird nicht gelingen, da würde es eine Revolution der Künstler geben. Die Lage für die Künstler in der freien Szene in  Deutschland ist da viel schwieriger.

Gibt es in Frankreich vergleichbare „Querdenker“-Strömungen wie in Deutschland?

HAMARD Die deutschen Kolleginnen hier erzählen mir davon, aber in Frankreich ist das anders. Natürlich gibt es Branchen, die die Maßnahmen in Frankreich kritisieren – aber eine relevante Gruppe, von Menschen, die die Realität des Virus nicht zur Kenntnis nehmen, gibt es in Frankreich nicht. Geschichten etwa, dass der Virus erfunden wäre, das habe ich in Frankreich bisher kaum gehört.

Vor einem Jahr wurde die deutsch-französische Grenze vorübergehend geschlossen, im Saarland gab es zumindest vereinzelte Pöbeleien gegen französische Berufspendler. Da scheint die vielbeschworene deutsch-französische Freundschaft nicht sehr stabil, oder?

  „Werther.live“ eröffnet das Festival am Donnerstag.
 „Werther.live“ eröffnet das Festival am Donnerstag. Foto: Punklive/Punktlive

HAMARD Ja, es gab durchaus Ressentiments. Eine französische Bekannte von mir, die seit langem in Saarbrücken lebt, ist in einem deutschen Supermarkt angepöbelt worden, sie sollte sich schämen, hierherzukommen. Man darf aber nicht vergessen, dass das Saarland Franzosen in seine Krankenhäuser geholt hat, als die Krankenhäuser in Lothringen voll waren. Ich fand das damals eine sehr starke Geste – es ist also nicht so, dass die Deutschen die Franzosen nicht bei sich haben wollen. Es ist eben eine sehr schwierige Situation. Dass die Regierungen in Frankreich und Deutschland einzeln entschieden haben und nicht immer als erstes die deutsch-französische Freundschaft im Blick hatten, kann ich auch verstehen. Ich weiß nicht, ob jede Corona-Maßnahme richtig ist – das werden wir vielleicht erst in ein paar Jahren wissen. Aber es ist eine schwierige Situation, weil wir so etwas noch nie hatten. Was getan wird, wird ja nicht getan, um die Menschen zu gängeln. Man muss akzeptieren, dass die Situation so ist, wie sie ist.