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„Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ läuft im Filmhaus in Saarbrücken

Kritik zu „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ : Die Sonne auf dem Hügel der Wahrheit

Eine Frau flieht aus ihrer eisigen Ehe in Wien in die sonnendurchflutete Schweiz – zur alternativen Lebensgemeinschaft „Monte Verità“. Davon erzählt der gleichnamige Kinofilm und nimmt sich viel vor.

Was schnürt ihr stärker die Atemluft ab? Ihr Asthma – oder ihre eisige Ehe mit einem gestrengen Ehemann, der sich einen Sohn statt zweier Töchter wünschte? Wie auch immer: Nach der jüngsten Gefühllosigkeit des Gatten und einer versuchten Vergewaltigung („das ist mein Recht“, sagt der Mann), flieht die junge Hanna aus dem Wien der Oberschicht in den Süden der Schweiz, auf einen Hügel bei Ascona – dort, wo der Psychiater Otto Gross lebt. Der war in Wien der einzige Mediziner, der ihr keine „Genitalneurose“ unterstellte, sondern ihre Seelenqualen in der schalen Ehe erkannte. Dort, in der Lebensgemeinschaft Monte Verità lernt Hanna zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Welt kennen – bürgerliche Korsette werden ideell wie tatsächlich abgestreift, hier wird naturnah gelebt, auch vegan; Hermann Hesse deklamiert Passagen aus seinem Roman „Siddartha“ oder aus Texten des Anarchisten Erich Mühsam, Isadora Duncan wiegt sich im Ausdruckstanz. Man will anders leben als die anderen in der allzu bürgerlichen Welt. Hanna muss sich hier erst einmal eingewöhnen.

Der Schweizer Regisseur Stefan Jäger – sein berührender Film „Hello Goodbye“ über selbstbestimmtes Sterben lief 2008 in Saarbrücken beim Ophüls-Festival – will viel mit seinem Film erzählen: die fiktive Geschichte der Befreiung einer Frau aus einem Ehekerker und nebenbei die reale Historie beziehungsweise das ideelle Fundament des Monte Verità. Stützen kann er sich dabei auf gute Darstellerinnen und Darsteller – vor allem auf Maresi Riegner (Opüls-Nachwuchspreisträgerin 2020) als verstockte, gebremste Hanna, die sich anfangs schwer tut mit diesem neuen Lebenskonzept und zudem unter Schuldgefühlen leidet, hat sie mit dem Ehemann doch auch ihre beiden Töchter verlassen.

Natur wird fühlbar

Das größte Pfund des Films ist die Kamera-Arbeit von Daniela Knapp – die Österreicherin macht diesen Hügel der Wahrheit zu einem lichtdurchfluteten Ort, sie lässt die blühende Natur fühlbar werden, mit viel Sonne, Grün, Detailaufnahmen im breiten Cinemascope-Format – ein Film fürs Kino. Allerdings müssen diese Bilder darüber hinweghelfen, dass einiges schematisch wirkt in dem Drehbuch von Kornelija Naraks: Der eisige Ehemann ist eher ein Motor von Hannas Flucht denn eine nachvollziehbare Person. Auch andere Figuren bleiben merkwürdig blass; da ist etwa die Koloniemitbegründerin Ida Hofmann (Julia Jentsch), die gerne Kalendersprüche sagt wie „Sei besonders“ oder „Du wirst Deine eigene Sprache finden.“ Viel mehr erfährt man nicht.

Papierne Drehbuchsätze

Wenig elegant ist auch die Drehbuchidee, dass Hanna sich aus dem Off heraus in Briefen an ihre Töchter erklärt. Das beschert dann papierne Sätze wie „In dieser Nacht fühlte ich zum ersten Mal das, was mich mehr ängstigte als alles andere – ich fühlte mich frei.“ Da ist der Kitsch nicht weit, während potenziell Interessanteres und Kontroverses nur angerissen werden. Dass der Psychiater Otto Gross (Max Hubacher) etwa mit einigen seiner Patientinnen schläft, „eine Therapieform“ sagt er im Film lapidar – auch mit Hanna, bei der nach langer dröger Ehe hier sozusagen der Knoten endlich platzt. Es sei ihr gegönnt, aber besonders subtil geht der Film da nicht vor. Wie diese Lebensgemeinschaft funktionierte, was die Gemeinsamkeiten und was die Konflikte in diesem Dorf der Individualisten waren, bleibt nur angedeutet. Das lässt diesen filmischen Hügel oft wie Flachland wirken..

„Monte Verità“ läuft ab Donnerstag
im Saarbrücker Filmhaus. Kritiken zu den
anderen Neustarts gibt es am Donnerstag in unserer Beilage treff.region.