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Neue Doku erzählt von Kinogeschichte im Saarland und den Lichtspielen Wadern

Saarländische Kino-Doku „Heimat Kino“ : Große Kinoliebe und geschmuggelter Cognac

Die Doku „Heimat Kino“ setzt den Filmtheatern des Saarlands ein Denkmal und verbeugt sich vor den unerschütterlichen Kino-Fans und -Betreibern. Premiere ist am Freitag in dem Kino, das in der Doku die Hauptrolle spielt: die Lichtspiele Wadern.

Nach der Wieder-Öffnung der Kinos wird wohl jeder sein persönliches cineastisches Erweckungs-Erlebnis gehabt haben. Endlich wieder im Kino sitzen, erleben, wie der Vorhang verheißungsvoll zurückgleitet und den Blick freigibt auf die lange vermisste Leinwand. Kinos sind eben magische Orte, entsprechend groß ist die Liebe zu ihnen.

Eine filmische Liebeserklärung an das Kino an sich, an die Kinos des Saarlandes und an ein ganz spezielles im Hochwald erlebt am Freitag seine Uraufführung: „Heimat Kino“. Der Homburger Regisseur und Autor Thomas Scherer hat eine halbstündige Verbindung aus Spielhandlung, Dokumentation und Interviews gedreht – er spürt der Historie der Filmtheater an der Saar nach und erzählt deren Geschichte beispielhaft anhand der Lichtspiele Wadern, einer Filmtheater-Perle, die jede Menge erlebt hat.

 Die Lichtspiele Wadern – hier drehte Regisseur Thomas Scherer auch das actionhaltige Finale seiner Comedy-Serie „Unter Tannen“.
Die Lichtspiele Wadern – hier drehte Regisseur Thomas Scherer auch das actionhaltige Finale seiner Comedy-Serie „Unter Tannen“. Foto: rup/Rolf Ruppenthal

Der Film bettet das in eine originelle, mysteriös angehauchte Handlung ein. Ein junger Mann (Klaus Ebert) sitzt in den Waderner Lichtspielen, der Vorhang gleitet mit dezentem Rattern zur Seite; doch dann wird der Film Schwarzweiß, flitzt rasant in die Vergangenheit und verkündet per Zwischentitel: „Wenige Stunden zuvor“. Da plaudert der junge Cineast vom Anfang mit einem Videothekar (gespielt von Regisseur Scherer) und grübelt über einen Film nach, der ihm immer wieder durchs Langzeitgedächtnis flimmert – leider aber ohne Titel, so dass er den Film partout nicht findet, ob nun als alte Kopie oder als DVD oder Stream. Der Videothekar kann nicht weiterhelfen, gibt dem jungen Mann aber ein Paket, das vor Jahrzehnten (!) für ihn hinterlegt worden sei.

Mit diesem Paket beginnt eine Zeitreise – erstmal in die 1970er und 1980er, denn aus dieser Zeit findet der Cineast allerlei Kinoreliquien wie Zeitschriften, Bücher – und Popcorntüten. Wohlige Nostalgie stellt sich ein, sitzt der junge Mann doch in einem Technikraum der Lichtspiele, der von der Zeit vergessen zu sein scheint: Hier hängen noch Plakate vom „Paten“, von „Dick Tracy“ und Schwarzeneggers „Kindergarten-Cop“. Der Cineast kommt ins Grübeln und erzählt von der Geschichte der Waderner Lichtspiele, stellvertretend für alle saarländischen Kinos abseits der Städte und illustriert mit nostalgischen Fotografien: Als das „neue Medium Kino“ seinen Siegeszug beginnt, entstehen in den Städten Kinobauten, weniger mondän ist es da auf dem Land. Da tingeln erstmal fahrbare Kinos. Doch in Wadern etwa zeigt der findige Gastronom Franz Dubois in seiner „Ratsschenke“ Filme, 1923 vorerst einmal wöchentlich,  danach auch während der Woche. Nach dem Zweiten Weltkrieg blüht der Kino-Boom stärker auf denn je, erst in den 1980ern wird es schwierig: Der Videorekorder kostet die Filmtheater ebensoviel Kundschaft wie die neuen Privatsender. Wer das als Landkino übersteht, wird ab den 1990ern von den luxuriösen Multiplexen in den Städten bedroht. Die Lichtspiele halten durch – bis zur Schließung 2011. Und da kommen ausgesprochenene Kino-Enthusiasten ins Spiel (und im Film zu Wort), die einen Verein gründen, das Kino 2012 wieder öffnen und seitdem erfolgreich führen: die Filmfreunde Wadern.

Einige von ihnen erzählen im Film von ihren persönlichen Kino-Erlebnissen. Da ist Beatrice Schmitt, Kino-Fan und Buchhändlerin (Bücherhütte Wadern), die seit ihrem ersten Filmbesuch in einem stetig wachsenden Buch ihre Kino-Gänge verzeichnet. Oder Hanns Peter Ebert, der Vorsitzende des Vereins, der sich kinohalber an kaum etwas stärker erinnert als an das Kinoplakat des Films „Trio Infernal“ mit einer nur mäßig bekleideten Romy Schneider und einer blutrot gefüllten Badewanne. Theo Dubois schließlich, aus der kinobetreibenden Dubois-Familie, erzählt von einst geschmuggelten Spirituosen („französischer Cognac, noch aus der Saarzeit“), die unter der Bühne der Lichtspiele gelagert wurden. Er führt auch hinter die Kulissen und hinab in den Keller, wo einst in der „Haifisch-Bar“ kräftigst gefeiert wurde.

 Der Cineast (Klaus Ebert, links) erhält vom Videothekar (Thomas Scherer) die lange ersehnte Filmrolle – welcher Film ist es?
Der Cineast (Klaus Ebert, links) erhält vom Videothekar (Thomas Scherer) die lange ersehnte Filmrolle – welcher Film ist es? Foto: WP Films

Kino-Historie, saarländische Geschichte, Nostalgie, eine Liebeserklärung an die Welt der Filmtheater – das bekommt „Heimat Kino“ sehr gekonnt unter einen filmischen Hut. Man muss auch die Lichtspiele Wadern nicht einmal kennen, um hier gepackt zu werden. Den Erinnerungen und Geschichten könnte man noch länger lauschen. Da ist es eine gute Nachricht, dass Scherer, dessen Film Ende August beim Festival Heimat Europa im Hunsrück laufen wird, mehr damit vor hat: Er will sich um Doku-Fördergelder des Bundes bemühen, um eine Langfilm-Doku zu drehen — über das ganze Saarland und dessen Kinogeschichte.

 Beatrice Schmitt
Beatrice Schmitt Foto: WP Films

Premiere: Freitag 20 Uhr, Lichtspiele Wadern. Wegen der coronahalber reduzierten Platzzahl muss man sich anmelden unter info@lichtspiele-wadern.de. Das Kino verspricht ein  buntes Programm über die Geschichte des Kinos im Saarland; als Vorprogramm läuft Thomas Scherers neuer Kurzfilm „Von Männern, Vögeln und Pilzen“.
www.lichtspiele-wadern.de