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Neunkirchen: Vorfreude bei Jury-Präsident Ulrich Matthes auf Rohrbach Filmpreis

Günter Rohrbach Filmpreis in Neunkirchen : Jury-Präsident Ulrich Matthes: „Am meisten hatte ich Angst um die geschlossenen Kinos“

Am Freitag kommt Schauspieler Ulrich Matthes als Jury-Präsident zur Verleihung des Günter Rohrbach Filmpreises nach Neunkirchen. Matthes (62) arbeitet am Deutschen Theater Berlin und spielt im Kino in Filmen wie „Der Untergang“, „Der neunte Tag“ und „Ein verborgenes Leben“. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Herr Matthes, Sie proben gerade am Deutschen Theater Berlin – was proben Sie denn?

MATTHES Den „Zerbrochenen Krug“, ich spiele den Dorfrichter Adam. Premiere ist am 18. Dezember. Es sind meine ersten Proben seit zwei Jahren. Gedreht habe ich zwar in der Corona-Zeit, aber Theaterproben hatte ich keine, was schrecklich war. Und bei der ersten Probe habe ich mich so geschämt, mit so einem Leibchen und einer Jogginghose auf der Probebühne zu stehen, das war ganz ungewohnt und merkwürdig. Das hat sich dann aber gegeben.

Am Freitag kommen Sie zum Günter Rohrbach Preis nach Neunkirchen. Inwieweit hatten Sie beruflich bisher Kontakt zu Rohrbach? Er hat ja den Film „Aimée & Jaguar“ produziert, in dem Sie mitspielen.

MATTHES Ja, aber vor allem habe ich ihn über die Filmakademie erlebt, als Teil des ersten Präsidentenpaares zusammen mit Senta Berger. Er ist ja ein unglaublich kluger, eloquenter, toller Mann des Films. Er hat enorm viel für den deutschen Film getan, und so war ich sehr geehrt und freudig, als er mich anrief und mich fragte, oh ich den Vorsitz über die Jury übernehmen will.

Was sind für Sie als Jurymitglied die Kriterien für einen gelungenen Film?

 Ulrich Matthes 2019 bei der Eröffnung der 69. Berlinale.
Ulrich Matthes 2019 bei der Eröffnung der 69. Berlinale. Foto: dpa/Christoph Soeder

MATTHES Zunächst mal bin ich ein ganz unschuldiger Zuschauer, der sich vom Film berühren, interessieren, überraschen lässt. Natürlich bin ich auch Profi, und bei einer Jury-Tätigkeit ist es dann nochmal anders, als wenn ich mit Popcorn im Kino sitze. Ich mache mir Gedanken, was die Filme unterscheidet, wie gelungen das Drehbuch ist, die Besetzung, der Umgang mit den Schauspielern. Ist die Geschichte interessant und adäquat umgesetzt – und sind die Bilder stark? Durch das viele Netflix-Schauen haben wir uns das Kino ja etwas abgewöhnt und unterschätzen, welche große Wirkung ein gelungenes Kinobild hat, eine Landschaft, auch die Landschaft eines Gesichts, ein Blickwechsel.

Wobei Sie ja kein normaler Zuschauer, sondern vom Fach sind und vielleicht auch die Beteiligten beruflich kennen. Macht es das nicht schwerer, sich von einem Film packen zu lassen?

MATTHES Im besten Fall bleibt man der begeisterte und begeisterungsfähige Mensch, der sich bewegen lässt und darüber hinaus noch ins Nachdenken kommt. Das ist ganz intuitiv: Die Geschichte interessiert mich, die Sätze klingen wahrhaftig, und die Bilder machen etwas mit mir. Im besten Fall sitzt man da mit offenem Mund und staunt, im schlechtesten Fall mit zusammengekniffenen Lippen und denkt sich: au weia! 

Sie sind festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin, arbeiten zugleich fürs Kino und fürs Fernsehen. Wie bekommen Sie das zeitlich unter einen Hut?

 2008 mit dem Film „Novemberkind“ zu Gast beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken: Ulrich Matthes (links), Anna Maria Mühe und Regisseur Christian Schwochow.
2008 mit dem Film „Novemberkind“ zu Gast beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken: Ulrich Matthes (links), Anna Maria Mühe und Regisseur Christian Schwochow. Foto: Iris Maurer

MATTHES Bis auf ein paar Jahre, wo ich es mal frei versucht habe, war ich immer festes Mitglied eines Theaters – in München, an der Schaubühne, jetzt seit 17 Jahren am Deutschen Theater, wo ich ja fleißig spiele. Dadurch sind mir immer wieder auch Rollen entgangen. Da ich das Kino und das Theater gleichermaßen liebe - im Bewusstsein, dass es ganz unterschiedliche Medien sind - würde ich das gerne 50/50 aufteilen. In manchen Jahren gelingt das, in anderen nicht.

Sie sprechen auch Hörbücher ein – ist das ein willkommener Moment für einen Schauspieler, in dem er nicht nur ein Teil einer Teamleistung ist, sondern ganz allein verantwortlich ist und sein eigener Regisseur noch dazu? 

MATTHES Ja, man kann nur mit der eigenen Stimme ein Panoptikum von Charakteren und eine ganze Welt hörbar machen. Diese Reduktion, für die man sich sehr gut vorbereiten muss, ist reizvoll. Das ist ein schönes drittes Standbein.  

Sie arbeiten mit etablierten Regisseurinnen und Regisseurinnen, immer wieder aber auch mit Nachwuchsfilmemachern. Weiß man da schnell, ob man es mit einem großen oder vielleicht doch nicht so großen Talent zu tun hat? Wie war das etwa bei „Winterschläfer“, dem zweiten Film des damals kaum bekannten Tom Tykwer? 

MATTHES  Man merkt ganz schnell, mit wem man es zu tun hat – ich hatte da enormes Glück mit meinen Berufsanfängern, etwa auch mit Christian Schwochow, mit dem ich zum Beispiel „Novemberkind“ gedreht habe, der auch in Saarbrücken beim Ophüls-Festival lief. Mit ihm habe ich gerade „Munich“ für Netflix gedreht, an der Seite von Jeremy Irons. Bei Christian und bei Tom Tykwer habe ich schon bei den ersten Gesprächen und dann erst recht am Set gemerkt, wie souverän und empathisch beide mit Schauspielerinnen und Schauspielern umgehen – das war sofort spürbar. Sie müssen sich nicht mit einer falschen Autorität als Regisseur durchsetzen. Und so arbeite ich gleichermaßen gerne mit einem Oscar-Preisträger wie Volker Schlöndorff oder mit Terrence Malick wie mit blutigen Anfängerinnen und Anfängern. Ich bin da sehr neugierig und hatte bisher großes Glück. 

Sie sind seit 2019 Präsident der Deutschen Filmakademie? Wie geht es der coronagebeutelten Branche? 

MATTHES Am meisten hatte ich Angst um die geschlossenen Kinos. Gedreht wurde ja weiterhin, mit einem strikten Masken- und Testkonzept. Alle waren froh, arbeiten zu können! In die große Krise gerieten die Verleihe und die Kinos. Ich hatte Angst, dass ein Kinosterben in Deutschland beginnt. Das hat es nun nicht gegeben, und das ist der  - zugegebenermaßen anfangs schleppenden -  Unterstützung der Bundesregierung zu danken. Monika Grütters und dann auch die Kanzlerin und Olaf Scholz haben sich dann sehr bemüht.

Die Kinos sind wieder offen, wie aber ist die Lage für Verleihe, die viele ihrer Filme lange nicht zeigen konnten?

MATTHES Das ist ein Problem, das mich selbst mit dem Kinofilm „Geborgtes Weiß“ betrifft, den ich mit Susanne Wolff als meiner Partnerin gedreht habe, direkt vor Corona. Er sollte im Herbst 2020 ins Kino kommen, er kommt jetzt im Februar 2022. Da so viele Produktionen entstanden sind, fressen die sich jetzt gegenseitig auf. Die Verleihe müssen sich noch viel genauer überlegen, wie sie jetzt ihre kleinen, aber feinen Arthouse-Filme zwischen diesen Mega-Blockbustern wie James Bond platzieren. Selbst so wunderbare Produktionen wie die jüngsten Gewinner der Deutschen Filmpreises, „Ich bin dein Mensch“ und „Fabian“, haben jeweils nur gut 100 000 Zuschauer, weil sie aufgefressen worden sind von „Der Rausch“ und vom Bond. Es gibt viele tolle kleine Filme, die vor Corona viel bessere Chancen hatten. Grundsätzlich hoffe ich, dass die Menschen jetzt einfach wieder in die Kinos gehen, auch wenn sie sich an Netflix und das Filmeschauen auf dem Sofa gewöhnt haben. Aber: Liebe Leute, wenn Ihr die Kinos in eurer Stadt erhalten wollt, dann geht hin! Die Kinobetreiberinnen und -betreiber haben da ihren täglichen und sehr persönlichen Kampf, bitte unterstützt die!

Wie oft waren Sie eigentlich in Saarbrücken beim Ophüls-Festival zu Gast?

MATTHES Zweimal. Ein Mal mit „Novemberkind“ und einmal als stinknormaler Besucher für zwei Tage. Aber in Neunkirchen war ich noch nie! Das lerne ich jetzt kennen und darauf freue ich mich.

Die Preisverleihung beginnt am Freitag, 20 Uhr, in der Gebläsehalle in Neunkirchen. Karten: Tel. (0 68 21) 202-111 oder -121 und filmpreis@neunkirchen.de.
www.guenter-rohrbach-filmpreis.de