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Ophüls-Festivalleiterin Svenja Böttger kritisiert "Neustart Kultur"-Vergabe.

Interview mit Svenja Böttger, Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken : „Es wird einen riesigen Filmfriedhof geben“

Das 42. Filmfestival Max Ophüls Preis musste im Januar wegen Corona rein online stattfinden. Jetzt, da die Filmtheater wieder geöffnet sind, zeigt das Festival bis Samstag in elf saarländischen Kinos die Gewinnerfilme. Dazu ein Interview mit Ophüls-Leiterin Svenja Böttger: über ihren ersten Kinobesuch nach dem Lockdown und die schwierige Lage der Filmfestivals. Denn die bleiben beim Rettungsprogramm „Neustart Kultur“ außen vor.

Was war der erste Film, den Sie sich jetzt nach der Öffnung der Kinos angeschaut haben?

BÖTTGER Meinen ersten Film durfte ich in Linz beim „Crossing Europe“ Festival schauen. Ich bin abends angekommen, und es gab noch Karten für den französischen Horrorfilm „Kandisha“, der fabelhaft war. Mein prägendster Film nach der langen Zeit der geschlossenen Kinos war eine Woche später der wunderbare Dokumentarfilm „The Bubble“ über eine große Seniorensiedlung in Florida. Da ist mir nicht nur klar geworden, wie toll es ist, endlich wieder in einem Kino zu sitzen, sondern wie wichtig die große Leinwand für Kinofilme ist – die Farben, das breite Cinemascope-Format – es war wirklich herrlich, endlich wieder in eine Welt abzutauchen und sich von der Geschichte voll und ganz hineinziehen zu lassen. Das schafft eben nur das Kino.

Wie jetzt beim Ophüls-„Sommerkino“.

BÖTTGER Im November 2020, als klar wurde, dass das Ophüls-Festival im Januar digital würde stattfinden müssen, haben wir beschlossen: Sobald die Kinos wieder offen sind, zeigen wir eine Auswahl vor Ort, um die Kinos und die Filmkultur hochleben zu lassen und die Filmtheater zu unterstützen. Filme gehören ins Kino, auf die große Leinwand. Wir haben im Saarland noch eine tolle Dichte an Kinos, aber diese wird nur bestehen bleiben, wenn das Publikum zurückkehrt. Sonst sind die Filmtheater bedroht – und damit ein großes Stück an lokaler Kinogeschichte.

Wird das Ophüls-Festival 2022 auch wieder die saarländischen Kinos jenseits von Saarbrücken bespielen?

BÖTTGER Ja, die Reihe „MOP uff de Schnerr“ wollen wir sogar, wie letztes Jahr schon geplant, ausweiten. So gesehen ist unser „Sommerkino“ auch ein Test für die ganze Logistik verschiedener Standorte im Saarland.

Im Januar konnte das Festival nur digital stattfinden – was sind die Erkenntnisse aus dieser Online-Ausgabe?

BÖTTGER Dass bei der digitalen Version der physische Kontakt, das Netzwerken und der Austausch über Filmkultur sehr fehlt. Das war uns zwar vorher schon bewusst, aber das haben wir im Januar noch einmal hautnah erlebt. Wir haben aber ebenfalls gesehen, dass die digitalen Web-TV-Formate, die wir neu entwickelt haben – „Blaue Woche“ und „MOP Festivalfunk“ – sehr gut angenommen wurden. So gut, dass wir sie unbedingt behalten wollen und in die physische oder hybride Form des Festivals adaptieren wollen. Aber klar ist: So zufrieden wir mit der Online-Edition  auch sein konnten, war das ein ziemlicher Kraftakt eines Teams im absoluten Ausnahmezustand. Uns ist allen klar: nächstes Jahr bitte wieder zurück in die Kinos und in den Live-Betrieb!

Aber planen müssen Sie schon mit einer Online-Variante, oder?

BÖTTGER Ja, wir planen aktuell mit drei Konzepten – einmal hybrid als Mischung aus Vor-Ort-Kino und Digitalem, wenn wir nicht zu 100 Prozent in die Kinos zurückgehen dürfen. Für den Branchenteil wird es in jedem Fall ein Digital-Angebot geben. Eine reine Online-Ausgabe müssen wir auch weiterhin planen, weil die Situation unsicher ist und laut Virologen die Zahlen im Winter wieder steigen werden. Aber wir sind optimistisch und planen auch eine reine Präsenz-Veranstaltung. Ziel ist es, so weit zurück in den Live-Betrieb zu gehen, wie uns möglich ist.

Sie sind Mitbegründerin der AG Festival, in der sich über 100 deutsche Filmfestivals zusammengetan haben – wie geht es den Festivals aktuell, nach Absagen, Verschiebungen und notgedrungenen Umgestaltungen wegen Corona?

BÖTTGER So lala. Wir merken als Filmfestivals gerade sehr deutlich, dass unsere Innovationskraft, die wir seit einem Jahr an den Tag legen, die ständigen Veränderungen und unsere Angebote der Filmkultur von der Bundespolitik total verkannt werden. Die Filmfestivals werden, was viele vielleicht gar nicht wissen, bisher nicht vom milliardenschweren „Neustart Kultur“-Rettungsprogramm der Bundesregierung  berücksichtigt. Wir haben uns aktiv darum bemüht mit vielen Gesprächen, aber vergebens. Dabei haben wir uns längst neu gestartet und brauchen finanzielle Unterstützung. Diese erfahren wir aber auf Bundesebene viel zu wenig. Wir werden nicht mitgedacht. Es ist ein sehr schwieriges Jahr auch für Festivalmacherinnen und -macher, sie müssen permanent Lösungen finden, Konzepte ändern, mehr Geld investieren in neue Strukturen. Das Ophüls-Festival etwa hat sich für die jüngste Ausgabe ein Aufnahmestudio bauen müssen und benötigt viel Fachpersonal, um alle Anpassungen umsetzen zu können. Die Filmfestivals werden zwar von den Ländern und den Kommunen regelmäßig unterstützt – aber kaum vom Bund. Das würden wir uns sehr wünschen – oder mindestens eine Begründung, warum wir an der vorhandenen finanziellen Hilfe in Form von „Neustart Kultur“ nicht teilhaben dürfen.

Corona hat auch die Filmproduktion im vergangenen Jahr erschwert. Wird man das auch bei den Einreichungen für das nächste Ophüls-Festival merken?

BÖTTGER Aktuell haben wir noch einen sehr großen Filmstau, durch verschobene und verkleinerte Angebote bei Festivals und Kinostarts. Da sind viele Produktionen im Wartestand, die noch auf einen Kinostart hoffen oder auf eine Festivalteilnahme. Produzentinnen und Produzenten sagen voraus, dass es einen riesigen Filmfriedhof geben wird mit teilweise grandiosen Werken, die durch die Verknappung der Startplätze gar nicht mehr rauskommen werden. Im Moment wird sehr viel gedreht – aber wenig dezidiert fürs Kino, gerade im Debüt- und Nachwuchsbereich. Es wird mehr für Streaming-Dienste und fürs Fernsehen produziert. Ich bin gespannt, ob man das bei Ophüls 2022 bei den Einreichungen merken wird. Das wissen wir erst im Herbst. Aber die Rezession im Kinobereich wird kommen.

Festivalinformationen unter
https://ffmop.de