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Saar-Festival Perspectives zeigt interaktives Netztheater "Werther.live"

Festival Perspectives : Werther trifft Lotte auf Ebay und liebt per Chat

In Corona-Zeiten läuft das Saarbrücker Festival Perspectives vom 20. Mai an nur im Netz. Beim interaktiven Online-Theaterstück „Werther.live“ wird der digitale Raum zur Bühne. Wie das in Echtzeit geht, verrrät Regisseurin Cosmea Spellecken.

Der Pandemie und der damit verbundenen Beschränkungen wegen läuft das Saarbrücker Festival Perspectives vom 20. Mai bis 29. Mai zunächst nur im Netz. Gleich zum Start am 20. Mai mit „Werther.live“, einer Produktion, die als interaktivesTheater rein digital vom Kollektiv punktlive konzipiert wurde. Auf Grundlage des berühmten Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe (1774) agieren die Protagonisten ausschließlich über soziale Medien. Lotte und Werther lernen sich über Ebay kennen, treffen sich auf Zoom, schreiben tiefgründige Mails, telefonieren, chatten. „Werther.live“ hatte im November 2020 online Premiere – und sofort riesigen Erfolg. So wurde es unter anderem beim Nachtkritik-Theatertreffen 2021 unter die zehn besten Stücke gewählt und für das Berliner Theatertreffen nominiert.  Die SZ sprach mit der Regisseurin und Initiatorin des Projekts Cosmea Spelleken (25).

Wie kam das Projekt zustande?

SPELLEKEN Es ist im letzten Mai aus einem Corona-Frust und Langeweile heraus entstanden. Ich selbst komme vom Film, nicht vom Theater. Bei einer Zoom-Konferenz mit einer befreundeten Schauspielerin haben wir uns nach dem dritten Glas Weißwein darüber aufgeregt, dass es total einfallslos ist, einfach nur was von der Bühne abzufilmen und es hochzuladen. Es müsste doch Geschichten geben, die zu einem online-Format passen, dachten wir uns.

 Regisseurin Cosmea Spelleken hatte die Idee zum digitalen Werther.
Regisseurin Cosmea Spelleken hatte die Idee zum digitalen Werther. Foto: punktlive

Und wie kamen Sie auf Goethes „Werther“?  Der junge, einsame, depressive Protagonist voller Zukunftsangst, unglücklich verliebt, unverstanden und planlos passt ja verblüffend gut in diese kontaktarme Zeit voller Pessimismus...

SPELLEKEN Der „Werther“ stand sofort im Raum. Es ist ein Briefroman, also wird viel geschrieben. Wie in der jetzigen Situation auch, wo Leute sich nicht treffen können. Ich dachte mir, der „Werther“ funktioniert bestimmt auch über E-Mails, Whatsapp und Instagram. Es gab aber auch Überlegungen zu neueren Stücken wie „No way today“, „Gut gegen Nordwind“ oder Stücke, die schon für das online-Format geschrieben wurden. Aber auch Stoffe wie „Cyrano de Bergerac“ oder sogar Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Verwechslungskomödie, bei der sich Leute in andere Profile hacken, hatten wir diskutiert.

Wie haben Sie ihr Team zusammengestellt?

SPELLEKEN Ich habe Freunde kontaktiert, die waren sofort dabei. Wir haben komplett online gecastet über Schauspieler-Videos und Casting-Portale. Auch die Konstellations-Proben liefen per Zoom. Wir haben uns noch nie persönlich in der ganzen Gruppe getroffen.

Noch nie?

SPELLEKEN Einzelne Personen schon, aber Werther-Darsteller Johnny Hoff und Klara Wördemann, die die Lotte spielt, sind sich noch nie im echten Leben begegnet. Wir waren auch total überrascht, dass das funktioniert. Aber es gibt jetzt schöne Rituale: Nach den Vorstellungen sitzen wir in Zoom zusammen und lesen uns gegenseitig Nachrichten vor, die wir bekommen haben. Manchmal treffen wir uns online zum Brunch. Wir telefonieren viel und haben eigentlich das Gefühl, die anderen im Team gut zu kennen. Es ist anders, aber sehr vertraut.

Wie nah dran am Original sind Sie? Kurze Schlüssel-Passagen aus Goethes Roman werden zwar immer wieder eingeblendet, aber hauptsächlich verfolgt man live die Chats und Zoom-Meetings der drei Darsteller Werther, Lotte  und Willi, Werthers bestem Freund. Lottes Verlobter Albert taucht nur kurz auf...

SPELLEKEN Das Stück ist sehr improvisiert. Auf der Grundlage der Briefe aus dem Original habe ich Szenen zusammengeschrieben, die als Grundbausteine den Plot vorantreiben. Die Schauspieler nehmen diese Grundbausteine und improvisieren damit. Die Texte und Worte, die sie auf Zoom und in den Chats benutzen, sind in jeder Vorstellung anders.

..und nicht immer sind es die gleichen Konstellationen....

SPELLEKEN Genau. Lottes Freund Albert zum Beispiel taucht nur im live-Stück auf, wenn dessen Darsteller Michael Kranz in der gleichen Stadt ist wie Lotte-Darstellerin Klara Wördemann. Klara hat nämlich eine eineiige Zwillingsschwester und Michael (Albert) ist deren Freund. Deshalb gibt es auch so viel Bildmaterial von „Albert“ und „Lotte“  auf Instagram. Das ist nicht immer Klara mit Michael als Lotte und Albert, sondern auch mal Klaras Schwester Maria.

 Sreenshot aus "Werther.live" des Kollektivs Punktlive.
Sreenshot aus "Werther.live" des Kollektivs Punktlive. Foto: Punklive/Punktlive

Das ist  ganz schön verwirrend und auch anstrengend. Es läuft ein Zoom-Meeting, parallel dazu wird auf Whatsapp gechattet, Instagram oder Facebook eingeblendet. Man sieht google-Anfragen, zum Beispiel  zu Literatur. Das alles passiert live – und schnell. Für digital nicht so afine Zuschauer ist das eine echte Herausforderung, zumal sie mit den  Protagonisten auch noch live chatten können über Instagram und Facebook...

SPELLEKEN Es dauert immer ein paar Szenen, bis das Publikum versteht, dass da tatsächlich in dem Moment auf Instagram oder Facebook was hochgeladen wird. In  den Whatsapp-Chat hingegen schreibt nur unser Team, denn der läuft über die privaten Telefonnummern der  Darsteller. Gegen Ende des Stückes gibt es immer viel Interaktion, nicht nur mit Werther, auch mit den anderen Figuren.

Man braucht als Zuschauer schon einen gwisse Erfahrung mit den sozialen Medien...

SPELLEKEN Es funktioniert auch bei älterem Publikum, aber klar, die Jüngeren finden sich total wieder. Lustigerweise haben die meisten in unserem Team zuvor auch nicht viel mit Social Media zu tun gehabt. Weder Johnny, Klara noch ich waren auf Instagram. Wir mussten uns das alles erarbeiten und sind am Anfang oft gescheitert.

Das beruhigt mich jetzt...

SPELLEKEN Ich selbst habe erst seit vier Jahren überhaupt ein Smartphone. Und ich habe immer gesagt, wenn ich mal was fürs Theater mache, dann ganz sicher nichts mit Video und Social Media (lacht).

Kritiker feiern ihr Stück, es gab internationale Resonanz. Hätten Sie damit gerechnet?

SPELLEKEN Nein, überhaupt nicht! Das Projekt ist aus reiner Lust am Experimentieren entstanden.  Es war gar nicht klar, ob das überhaupt funktionieren kann. Wir kriegen sehr viel positives Feedback. Und es gibt viele Schulklassen, die es sich anschauen.

Hat es sich finanziell gelohnt?

SPELLEKEN Wir können uns zwar keine Tarifgehälter auszahlen, aber inzwischen sind die Kosten gedeckt und wir spielen etwas ein. Vor allem ist jetzt die Aufmerksamkeit geweckt und es lassen sich Folgeprojekte planen.

Und gibt es schon eines?

Spelleken Ab Sommer planen wir „Die Möwe“ von Tschechow als Netztheaterstück. Premiere soll im Winter sein. Gerade bemühen wir uns um Förderung und eine Co-Produktion.

Sie kommen eigentlich vom Film, hat das geholfen bei diesem Projekt?

Spelleken Ich studiere Filmregie in Wien. Aber in der Filmszene bekommt dieses Projekt relativ wenig Aufmerksamkeit. Es gibt da eine Art Konkurrenz: Der Film nimmt das Theater nicht so ganz ernst und umgekehrt. Insofern sitze ich zwischen den Stühlen. Ich finde, in einer Zeit, in der unsere Lebensrealität sowohl analog als auch digital ist, dass man das auch künstlerisch mehr mischen sollte. Ich hätte, das Projekt nicht gemacht, wäre ich nicht aus dem Film gekommen. denn dort lernt man, für den Bildschirm zu inszenieren. Es ist eine andere Art von medialem Denken. Das ist auf der Bühne anders als im Film. Es ist sehr spannend, diese Formen zu fusionieren. Beim Film gibt es eben keine räumliche Co-Präsenz.

Wie schwierig war denn die technische Umsetzung?

Spelleken Wir sind sehr oft  gescheitert, waren verzweifelt (lacht). Es gab auch schon Vorstellungen, die technisch in die Hose gegangen sind. Wir hatten sehr viele Knoten im Kopf, allein schon, weil es keinen gewohnten Workflow gibt. Was ist eine Requisite? Das Verlobungsbild von Lotte und Albert? Wann wird es wo hochgeladen?

Die Schauspieler produzieren also ihr eigenes Stück und laden Dateien live  hoch?

Spelleken Genau. Teils laden es die Schauspieler selber hoch, teils andere Teammitglieder. Alle sitzen bei sich zuhause mit Laptop und Handy. Johnny als Werther teilt seinen Bildschirm und streamt ihn über ein Programm zu Lotta (Regieassistenz). Deren Rechner ist die Schnittzentrale.Sie kann zwischen Johnnys Bildschirm und unseren Einspielern switchen und hin und herschneiden. Vernetzt sind wir alle über einen Chat, quasi für die Regieanweisungnen. Es ist extrem komplex. Wenn das Internet aussetzt, wird es problematisch. Wir sind immer sehr aufgeregt vor den Vorstellungen.

Was war bisher die höchste Zuschauerzahl?

Spelleken 1250 Zuschauer. Ein großes Theater voll!

Werther.live läuft im Rahmen des Festival Perspectives am 20. Mai.

Mehr Infos zu dem Festival erhalten Sie unter www.festival-perspectives.de/