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Saarbrücken: Warum "Gabriel" von George Sand kein "Gender-Stück" ist.

Premiere von „Gabriel“ in der Alten Feuerwache: „zwischen Shakespeare und Tarantino“ : Uraufführung von „Gabriel“ in Saarbrücken: „Wir müssen Theatergeschichte schreiben!“

Am Samstag erlebt „Gabriel“ in der Alten Feuerwache in Saarbrücken seine deutsche Uraufführung. Um Geschlechterrollen geht es unter anderem. Also ein zeitgeistiges „Gender-Stück“? Absolut nicht, erklärt der Regisseur Sébastien Jacobi.

Eines soll „Gabriel“ auf keinen Fall werden: „Eine Diskurs-Rumpelkammer“. Regisseur Sébastien Jacobi will aktuelles Theater bieten, aber keinen opportun zeitgeistigen Beitrag zur oft hysterisch diskutierten Gender-Debatte, „auch wenn das Stück die Themen bietet, nach denen im Moment alle suchen“: Geschlechterrollen, eine repressive Gesellschaft, der Versuch, zementierte Stereotypen aufzulösen. „Gabriel“ spielt im Italien der Vergangenheit, wo der junge Gabriel von Bramante, umschwirrt von zwei Bediensteten, zum wohlerzogenen und gebildeten Edelmann heranwächst. Doch bei einem Besuch des Großvaters offenbart der dem Enkel Ungeheuerliches: Gabriel ist, rein biologisch betrachtet, eine Frau, was sie, mangels Vergleich mit anderen Körpern, nicht wusste. Seine/ihre Erziehung als Mann war Teil eines großen Verwechslungsspiels, das sich um dynastischen Machterhalt dreht. Mittendrin: Gabriel (gespielt von Barbara Krzoska), der/die sich wundert über die Geschlechterdiskussion: „Was mich angeht“, sagt sie, „so habe ich nicht das Gefühl, dass meine Seele irgendein Geschlecht hätte.“ Doch spielt das eine Rolle – in einer rigiden Gesellschaft und in einem mafiösen, bisweilen mörderischen Machtspiel?

Geschrieben hat das Stück George Sand im Jahr 1839. Sie hieß eigentlich Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, wählte aber ein maskulines Pseudonym, weil in ihrer Zeit (sie lebte von 1804 bis 1876) Autorinnen aus Sicht von Verlagen schwer vermarktbare Exotinnen waren. Sand schrieb Romane, Stücke, zeitkritische Texte, sie pflegte Künstlerfreundschaften etwa mit dem Komponisten Franz Liszt, dem Maler Eugène Delacroix und dem Schriftsteller Honoré de Balzac. Liebesbeziehungen hatte sie unter anderem mit dem Komponisten Frédéric Chopin und dem Schriftsteller Alfred de Musset. „Sie hat Revolution, Künstlertum, Kinder, Liebhaber, den Lebensunterhalt und 40 Bücher unter einen Hut bekommen“, sagt Sébastien Jacobi, der von Sand fasziniert ist. „Sie hat mit Sinn fürs Realistische für ihren Lebensunterhalt künstlerisch gearbeitet, während ihre Lebensgefährten da lieber die mackermäßig genialische Pose gepflegt haben.“ Umso bedauerlicher findet es Jacobi, dass Sand in Deutschland „auf den Grabbeltischen gelandet ist oder im Antiquariat“, vieles sei vergessen, nur ein Werk nicht: der gallige Reisebericht „Ein Winter auf Mallorca“, in dem sie von einer Überwinterung auf der Insel erzählt, die trostlos ausfällt – nicht zuletzt wegen eines eher sauertöpfischen Begleiters Chopin und der unfreundlichen Mallorciner, die ein unverheiratetes Paar moralisch verdächtig fanden.    

„Gabriel“ ist ein in Frankreich selten, in Deutschland noch nie gespieltes Stück: Die Premiere am Samstag in der Alten Feuerwache ist somit eine deutsche Uraufführung. Wie es dazu kam, ist eine Geschichte für sich: Jacobi, Schauspieler und Regisseur, inszeniert 2013 in Frankfurt das Stück „Lorenzaccio“ von Alfred de Musset, einem der Lebenspartner von George Sand. „Die Idee zum Stück stammt allerdings von Sand“, sagt Jacobi. Deshalb beschäftigt er sich daraufhin tiefer mit deren Werk. Das tut auch eine Journalistin der FAZ und fordert 2019 in einem Artikel die deutsche Übersetzung eines wenig bekannten Stücks: „Gabriel“. Jacobi liest es und ist begeistert –  „es liegt irgendwo zwischen Shakespeare und Tarantino“ – und hat eine Idee. Warum soll er, dessen Mutter Französin ist, das Stück nicht übersetzen? Er tut es und bietet es dem Saarländischen Staatstheater, wo er mittlerweile engagiert ist, mit dem Satz an: „Wir müssen Theatergeschichte schreiben und das machen!“ Die Theaterdirektion ist begeistert vom Stück, mit dem sich der Regisseur nun seit über zwei Jahren beschäftigt. Aber nicht nur die: Als Jacobi erfährt, dass auch andere Bühnen, unter anderem in Karlsruhe,  am Stück dran sind, unabhängig von ihm und seiner Übersetzung, „bin ich doch etwas nervös geworden. Wir wollen doch die ersten sein“.

 Bei den Proben zu „Gabriel“: Barbara Krzoska (links) als die Titelfigur, Jan Hutter als Astolphe.
Bei den Proben zu „Gabriel“: Barbara Krzoska (links) als die Titelfigur, Jan Hutter als Astolphe. Foto: SST/Astrid Karger

Das sind Jacobi und seine „Gabriel“-Mitstreiter nun, mit einem Werk, das der Regisseur, Übersetzer (und diesmal auch Bühnengestalter) nicht als „Gender-Stück“ verstanden werden will. „Es ist einfach ein großes Stück für eine Frau, eine komplexe Figur wie Peer Gynt oder Hamlet – das war in der Entstehungszeit extrem selten.“ Zu viele Frauenfiguren in zu vielen Dramen seien vor allem Katalysatoren für andere, männliche Figuren, „oder sie werden geschunden und gehen ziemlich oft ins Wasser“. Die Figur Gabriel sei da etwas anderes, weder Märtyrerfigur noch Freiheitskämpferin; sie stelle einfach philosophische Fragen, „es geht weniger um Frauenrollen und die Frage, ob man heiraten soll oder nicht, sondern um den Liebesbegriff, um Freiheit, Identität“. Gabriel habe das Geschlechterdenken schon hinter sich, ähnlich wie George Sand. Doch im Stück ist die Gesellschaft noch nicht so weit wie sie – Gabriel droht zerrieben zu werden.

Bei der Übersetzung hat Jacobi bisweilen die Ausführlichkeit von Sand („sie war eben vor allem Romanschriftstellerin“) ebenso wie das Personal etwas eingedampft, die Sprache aber nicht verändert; die empfindet er als durchaus rasant, zugleich literarisch und voller Gefühl. Die Inszenierung soll „anspruchsvoll sein und unterhaltsam zugleich, kulinarisch und komplex“, mit Musik von Rick-Henry Ginkel, die unter anderem auf Liszt und Chopin verweisen werde.

Beim Thema der Geschlechter wünscht Jacobi sich etwas mehr Gelassenheit. „Es wird ja heute ein Riesengedöns drum gemacht, wenn mal eine Frau den ‚Faust‘ spielt, das gilt dann gleich als Riesen-Eingriff – das ist doch Quatsch.“ Travestie gehöre ja schon immer zum Theater, „eigentlich ist Theater ja Travestie – Theater lebt davon, dass etwas behauptet wird.“  Die legendäre Schauspielerin Sarah Bernhardt etwa „hat ständig Männer gespielt – warum soll nicht eine 80-Jährige ‚Peer Gynt‘ spielen? Man weiß doch, dass das Theater ist. Da hatte das Theater früher mehr Offenheit.“ Falsch wäre es, „jetzt alle Stücke, die heteronormativ sind, umzuschreiben. Die müssen wir in die Diskussion einbinden.“ Und zu dieser Diskussion will „Gabriel“ beitragen – eben ohne eine „Diskurs-Rumpelkammer“ zu sein.

Premiere: Samstag, 19.30 Uhr, Alte Feuerwache.
Weitere Termine: 14. September (ausverkauft), 17. und 18. September, 1., 2. und 13. Oktober, weitere Termine für Oktober sind geplant.
Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.
Infos: www.staatstheater.saarland