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Saarbrücker Stadtgalerie zeigt Biennale-Künstlerin Sadr Haghighian

Neue Ausstellung in Saarbrücken : Stadtgalerie zeigt Biennale-Künstlerin Sadr Haghighian

Katharina Ritter, neue Leiterin der Stadtgalerie, zeigt in ihrer ersten Schau Werke der Biennale-Künstlerin Natascha Sadr Haghighian. Mit Joni Majer und Sebastian Kurth setzt sie ihren zweiten Akzent: Junge Kunst aus der Region.

Unwirtlich fühlt es sich an in der Stadtgalerie. Ein graues Gitterzaunelement versperrt – wenn auch nur symbolisch – den Weg zur Videoinstallation von Natascha Sadr Haghighian, in der die Künstlerin mit einem „Steinkopf“ ebenso unwirtliche Räume abschreitet. Sie nennt sie „ruinös“. Große Steinattrappen liegen wie in einem Flussbett im Weg, zwischen Zäunen und gemalten Tafeln von Pressekonferenzen. Haghighians Videoarbeit war Teil des Projekts „Ankerzentrum – surviving in the rouinous ruins“, das sie unter dem Namen Natascha Süder Happelmann für den Deutschen Pavillon auf der Venedig Biennale 2019 entwickelte.

Schon das „Eindeutschen“ ihres iranischen Namens ist ein Statement und gehört zum Konzept: Es geht um Identität(en), um Diskriminierung, Rassismus und Fluchterfahrungen. Alles dreht sich um das Ein- und Ausgesperrtsein in einer nicht nur ökologisch, sondern auch moralisch zerstörten Welt. Denn Namen sind wie Orte, sie rufen Assoziationen hervor. Und je fremder ein Name klingt, desto negativer ist er in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft (immer noch) besetzt. Dass die gerne den Kopf in den Sand steckt, Leid und Ungerechtigkeit ausblendet und die Begegnung mit dem Fremden scheut, zeigt die Kunst-Professorin aus Bremen als wandelnder Stein(kopf). Als solcher besucht sie in ihren Videos deutsche Ankerzentren, das Rettungsschiff Iuventa in Sizilien und eine riesige Tomatenverarbeitungs-Fabrik in Süditalien. In der Tomatenindustrie schuften Tausende oft illegal unter schlimmen Bedingungen – in Europa. Man sieht sie nicht im Film, aber man hört ihre Stimmen, ihren Protest. Auch vor den Ankerzentren in Süddeutschland ist es menschenleer. Haghighian begegnet dort niemandem, obwohl in den Zentren Tausende Menschen leben. Die Künstlerin durchwandert eine leere, in ihrer Sterilität feindselige, uns gut bekannte Welt. Und eine, die seit Jahrhunderten nach den brutalen Spielregeln eines ausbeuterischen kapitalistischen Systems funktioniert, das Menschen als Arbeitskräfte ausbeutet, um die Produktion unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. So wie in der industriellen Tomatenverarbeitung.

  Natascha Sadr Haghighian bleibt, wie zur Venedig-Biennale 2019, schon mal unter einem Steinkopf.
Natascha Sadr Haghighian bleibt, wie zur Venedig-Biennale 2019, schon mal unter einem Steinkopf. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Das macht die Künstlerin in Anspielung auf die marxistische Theorie sichtbar – und stellt die brandaktuellen Bezüge her, über die man so gerne nicht reflektieren möchte: nämlich wie Migration und Flucht mit unserer ruinösen Art des Wirtschaftens zusammenhängen. Und was das für die Menschenwürde der Unterprivilegierten, Fremden, Vertriebenen und Geflüchteten bedeutet. Der versteinerte Kopf als Symbol für Ignoranz und Gleichgültigkeit. Wir wollen nicht(s) sehen.

Im zweiten Obergeschoss steht ein Panzer, aber nur, wenn man es weiß. Haghighians raumfüllende Installation aus Holzpaletten und darauf montierten Lego-Platten „pssst Leopard 2 A7+“ ist eine Klanginstaalation und bezieht sich auf den in Deutschland hergestellten Kampfpanzer, der „für die Befriedung von Aufständen und Protesten im städtischen Raum“ vorgesehen ist, wie es heißt. Per Kopfhörer können Besucher 60 Klangbeiträge, aber auch Interviews anhören und zwar genau dort, wo sonst das Geschützrohr steht. Man muss dafür auf die Fläche steigen – und wer weiß, dass sie die gleichen Grundflächenmaße eines solchen Panzers hat, bekommt ein mulmiges Gefühl.

 Joni Majer ergründet Identitäten und das ideale Gesicht.
Joni Majer ergründet Identitäten und das ideale Gesicht. Foto: Joni Majer

Wie Mensch, Natur, Tier und Technologie interagieren, voneinander abhängig sind, beschäftigt die Künstlerin. Sie befragt diese Zusammenhänge vor dem Hintergrund ihrer ökonomischen Bedeutung. Deutschland exportiert das Kriegsgerät „Leopard“, aus Afrika wanderte die (ebenfalls bedrohliche) Tigermücke nach Süditalien ein. Um die dreht sich eine weitere, komplexe Installation aus dem Jahr 2017. Darin kommt unter anderem der Fledermaus eine besondere Bedeutung: Sie frisst die Tigermücke und dämmt so das Zika-Virus ein. Aber das war vor Corona...

Außerdem zeigt Ritter zwei junge Saarbrücker Künstler: Florian Huth und Joni Majer. Huth beschäftigt sich mit der „Kunst des 20. Jahrhunderts“, indem er sie auf ganz eigene Weise kopiert, zitiert und unter Einbindung digitaler Möglichkeiten neu modelliert. So hat er Formen von Bäumen des berühmten „1000 Eichen“-Kunstprojektes von Joseph Beuys ausgewählt und (vereinfacht gesagt) digital bearbeitet, um sie dann als Holzskulpturen fräsen zu lassen. Entstanden sind wunderschöne Arbeiten, die man am liebsten anfassen und mitnehmen möchte. Huth kommentiert die moderne Kunst, was unterhaltsam ist, wenn man sich darauf einlässt.

Joni Majers Grafiken setzen einen weniger verkopften Kontrapunkt. Obwohl es gerade bei ihr um Köpfe geht, die sie beeindruckend minimalistisch mit schwarzem Strich zu Papier bringt. Ihre Zeichnungen sprühen vor Fantasie, Witz und Können im Kommunikationsdesign. Erstmals hat sich Majer vom Blatt gelöst und arbeitet dreidimensional. „I’ll fix you“ heißt die kleine Masken-Serie aus schwarz lackiertem Ton, mit der sie sich auf die Suche nach dem idealen Gesicht begeben hat. Joni Majer wird man zukünftig öfter in der Stadt begegnen: Im neuen Museumsbistro „Kunstherz“ im Saarlandmusuem hat sie bereits eine Wand gestaltet. Demnächst soll eine Gebäudefassade folgen.