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Staatstheater Saarbrücken: Deutsche Erstaufführung von „Gabriel“ gerät zum Triumph

Regisseur Sébastien Jacobi gelingt Meisterstück in Saarbrücken : Im Staatstheater – Deutsche Erstaufführung von „Gabriel“ gerät zum Triumph

Stück-„Entdeckungen“ sind heikel, zeigen sie oft nur, warum manches Drama zu Recht vergessen wurde. Bei „Gabriel“ verhält es sich anders. Die deutsche Erstaufführung am Samstag in der Saarbrücker Feuerwache geriet zum Triumph.

Die Sache mit Adam und Eva müssen wir uns nach diesem erstaunlichen Theaterabend nochmal genauer überlegen – dank Sébastien Jacobi. Der Staatstheater-Schauspieler hat das kaum gespielte George-Sand-Stück „Gabriel“ nach 182 Jahren (!) für die deutsche Bühne entdeckt. Nicht nur als Übersetzer, sondern auch als Regisseur oder sagen wir gleich als Gesamt-Kunstwerker. Denn die Bühne und die Videos stammen ebenfalls von Jacobi für ein – sein – kleines Meisterwerk: souverän entwickelt, ideenreich, von verführerischer Finesse. Nein, in der Alten Feuerwache läuft kein aktuelles Gender-Stück, sondern ein philosophisch ausschwingendes Beziehungsdrama um Geschlechterrollen und Machtkämpfe, gewürzt freilich mit Spelunken-Abenteuern, Mord und dynastischen Intrigen von shakespearerschen Ausmaßen. Es tobt das pralle Leben, doch zugleich ist Nachdenken Pflicht an diesem ersten Premierenabend der neuen Saison in der Alten Feuerwache.

Etwa darüber: Am Anfang schuf Gott also – Seelen, kein Geschlecht. Sowas lässt sich leicht behaupten, aber lässt es sich leben? Eine, die wusste, wie grausam der Beziehungsalltag das Ideal der gleichberechtigten Partnerschaft zurichtet, war die wegweisende französische Schriftstellerin George Sand (1804-1876). Eine der ersten Frauen, die unter männlichem Pseudonym schrieb – so erfolgreich, dass sie ihre zahlreichen Liebhaber davon miternähren konnte. Nachdem sie mit dem „Genie“-Musiker Frédéric Chopin einen in jeder Hinsicht ungemütlichen Winter auf Mallorca verbracht hatte, schrieb sie „Gabriel“ (1839), die Tragödie einer starken Frau aus einer italienischen Adelsfamilie des 17. Jahrhunderts, die aus ökonomischen Gründen von ihrem Großvater (Fabian Gröver) zur „Erhabenheit“ der Männer erzogen wird. Als Mann erringt sie die Freundschaft und Liebe von Astolphe, doch nach ihrem Coming-out als Frau erlebt sie die Zerrüttung der Beziehung durch seinen Dominanzanspruch – qua sozialer Rolle.

 Komponist HENRI tritt mal mit Guitarre als kraftvoll-intensiver  Rocksänger auf, lässt aber auch sein Klavier romantisch im Chopin-Sound perlen. 
Komponist HENRI tritt mal mit Guitarre als kraftvoll-intensiver  Rocksänger auf, lässt aber auch sein Klavier romantisch im Chopin-Sound perlen.  Foto: Saarländisches Staatstheater/Astrid Karger

Madonnas Korsage und Rollkragen-Outfit

Gleich zu Beginn führt ein Song zum biblischen Schöpfer, und Jacobi schlägt mit einem pathetischen barocken Choral einen ungewohnt hohen, feierlichen Ton an. Erste Videobilder zeigen Pferde, mit denen man Freiheit und Natur assoziiert. Später werden Live-Bilder gestreamt von dem, was sich hinter vielen Vorhängen und rauchigen Glasscheiben abspielt. Die Schauspieler klettern durch Fenster und Durchbrüche in verschiebbaren Häuser-Holzkisten – eine minimalistische Kunst-Kulisse mit wenigen Stühlen ohne historische Verortung. Nur die Kostüme von Cinzia Fossati rufen mit Gehröcken und Zylinder das Zeitalter George Sands auf. Doch auch Madonnas Korsage kommt vor oder das Rollkragen-Outfit der 50er-Jahre-Intellektuellen. Das Team verwebt und verklebt mühelos alle nur erdenklichen Epochen und schafft dadurch einen immensen Echoraum.

 Gabriel (Barbara Krzoska) bemalt ihren Körper mit legendärem Yves-Klein-Blau – und das hat einiges zu bedeuten.
Gabriel (Barbara Krzoska) bemalt ihren Körper mit legendärem Yves-Klein-Blau – und das hat einiges zu bedeuten. Foto: Saarländisches Staatstheater/Astrid Karger

Jacobi spielt unter anderem Szenen ein, die im Atelier von Yves Klein gedreht sein könnten. Astolphe und Gabriel bemalen ihre Körper mit legendärem Yves-Klein-Blau, drücken sie auf Leinwände. Blau ist die Farbe des Himmels und der Ozeane, des Immateriellen, der Sehnsucht und der Unendlichkeit. Am Ende des Abends wird man ahnen: „Gabriel“, das ist bei Jacobi vor allem eins: eine Hommage an die Freiheit jedes Menschenkindes, es selbst zu werden.

Jacobi zeigt das Paar auch zu Beginn ihrer Liebe in Schwarz-Weiß-Film-Sequenzen: Gabriel und Astolphe genießen ihre vermeintliche Männerfreundschaft im Saarbrücken der Gegenwart, an vertrauten Orten, spielen Roulette, rauchen Drogen, treiben sich in Bars herum. Der Stummfilm-Stil entrückt das Geschehen.

Der Mann als „biologische Katastrophe“

Auch die Musik von HENRI folgt diesem Prinzip. Der Komponist lässt sein Klavier mal romantisch im Chopin-Sound perlen, tritt dann mit Gitarre als kraftvoll-intensiver Rocksänger auf oder stimmt Chansons an. Die Musik untermalt hier nichts, sie beeindruckt als gleichberechtigter Teil einer ästhetischen Gesamtkomposition, deren tragendes Gerüst die Schauspiel-Kunst bleibt. Die Figuren wirken wie das Kondensat ihrer Charaktere: Gaby Pochert gibt Gabriels Erzieher Marc als unerbittlichen, zugleich coolen Lehrmeister, Christiane Motter zieht als Astolphes Kurtisane die große Diven-Nummer ab oder reichert die große Klage der Settima über die Zurücksetzung einer Mutter derart mit Bitterkeit und Aggression an, dass jeder Psychotherapeut in Verzückung geraten könnte. Großartig auch Motters feministischer Exkurs über den Mann als „biologische Katastrophe“ samt karikierender Opernarie über Onanie.

Das komödiantische Moment kommt in dieser Aufführung sowieso nicht zu kurz, auch Jan Hutter, der dem Hallodri-Charmeur Astolphe alle psychologisch genauen Farben zwischen Exzentrik, Verletzlichkeit und Macho-Gehabe mitgibt, bekommt eine amüsante „Schwuchtel“-Einlage. Brüche wie diese lassen in dieser Inszenierung immer wieder Lücken fürs analytische Zuschauen.

Nur Barbara Krzoska als Gabriel/le von Bramante hält ihren Ton durch, der uns zum Mitfühlen bringt, zeigt uns eine noble Seele und schlauen Kopf in Großaufnahme. Ist eine Idealbesetzung für die heroische Fortschrittsdenkerin, die daran scheitert, den Geliebten, der gegen ihre Überlegenheit anrennt, „auf die Höhe ihrer Gedanken“ zu bringen.

Man sitzt und staunt, man sitzt und freut sich – darüber, eine Produktion fernab aller modischen Schaumwellen des Pop-Theaters zu erleben. Die Saarbrücker Inszenierung atmet eine neue Ernsthaftigkeit, zeigt ein neues Interesse an Literaturtheater – und entdeckt einen Gesamt-„Spielmeister“, dessen Qualitäten man nur feiern kann – Sébastien Jacobi.

Termine: 14., 17. und 18. September sowie 1., 2. und 13. Oktober. Karten: Tel. (0681) 30 92-486; kasse@staatstheater.de