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Staatstheater Saarbrücken: Kritik zu Stijn Celis Ballett "Winterreise"

Ballettpremiere Saarbrücken : „Winterreise“ oder: Nun ist die Welt so trübe

Der Saarbrücker Ballettchef Stijn Celis unterzieht Schuberts „Winterreise“ einer Radikalkur. Dem Publikum war’s recht.

Kein Bächlein, kein Brunnen vor dem Tore, keine Linde, geschweige denn eine Schneelandschaft. Die Spielfläche der Alten Feuerwache ist ein durch geometrische Zeichen beherrschter grüner Raum mit einem Wander-Steg, der den Namen nicht verdient, weil er den Tänzern Steine in den Weg legt (Bühne: Sebastian Hannak). Zwei Heizkörper an den Seiten verraten, dass sich die „Winterreise“, 1827 vertont, diesmal nicht nur im Freien abspielen wird, sondern dort, wo wir Modernen vermeintlich zuhause sind: in den eigenen vier Wänden. Denn mittendrin im ausgekahlten Bühnenbild steht eine käfigartige Mini-Behausung in Weiß, auf Rollen.

Man kennt sie, die Vorliebe des Saarbrücker Ballettchefs für eine schlanke Ästhetik. Doch im Idealfall bringt Stijn Celis trotz Purismus ein staunenswertes Gefühlsfeuer in Gang, wie etwa in seinem „Prometheus“-Stück von 2019. Deshalb lag eine große Vorfreude nahe, als das Saarbrücker Staatstheater Schuberts „Winterreise“ ankündigte, eine Ikone, ein Faszinosum der Musikgeschichte. Im Dezember sollte Premiere sein, nun wurde sie am Donnerstag nachgeholt.

Seit fast 200 Jahren steht der romantische Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller dafür, welche Verstörungs-Kraft dem Kontrast innewohnt zwischen formaler Schlichtheit und einem aufwühlend-emotionalen Thema – Liebesschmerz, Einsamkeit, Todessehnsucht: „Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht..“ Passt schon, nein, passt also wunderbar, wenn der auf Heißkaltes spezialisierte Celis nun seine Version der „Winterreise“ vorlegt, mag auch die Messlatte einschüchternd hoch liegen: John Neumeier und Christian Spuck lieferten 2001 und 2018 Meister-Choreographien, der erste mit dem Hamburger, der zweite mit dem Züricher Ballett. Beide wählten die orchestrierte Fassung der „Wintereise“ von Hans Zender (1993), die das expressive Potenzial der Musik intensiviert. Celis entschied sich jedoch für das klassische konzertante Modell, Sänger (Sung Min Song, Tenor) und Klavier (Yu-Hsuan Lin). Und wenn Celis A sagt, dann sagt er auch B, was bedeutet, das Reduktions-Konzept durchzuhalten. Doch in diesem Fall wird der Vorzug zum Fallstrick.

Celis wählt ein einziges Thema für seine Motivkette: Stillstand. Außerdem, und das dürfte der mutigste Schritt gewesen sein, holt Celis das düster verrätselte Geschehen ganz dicht an uns heran, verlegt es in die Corona-Erfahrungs-Welt. Man beobachtet junge Menschen, heimatlose Berufs-Nomaden wie die Tänzer selbst. Die Wanderschuhe stehen vorne am Bühnenrand. Vertanzt wird Isolation. Celis verteilt das „lyrische Ich“ des Müller-Zyklus auf mehrere Tänzer. Sie tragen Einheits-Kluft, einen zeitlosen schwarzen Anzug (Kostüme: Markus Maas). Keiner gewinnt an Individualität, jeder von ihnen kennt nur den Schmerz, der den Körper in Verrenkungen oder ins Verharren zwingt: „Nun ist die Welt so trübe“. Der Held umarmt ein Kissen, vergräbt sich wie ein Kind in einem Pulli oder kuschelt mit dem Heizkörper. Man sieht viel Innehalten statt Aufbruch, zeitlupenhafte Bewegungen, das Tanz-Vokabular folgt keiner Vorwärts-Bewegung, sondern zeigt, im Gegenteil, wie groß angelegte Sprünge und Armbewegungen in der Luft festgeklebt bleiben, die Energie in den Körper zurückdrängt. Selbst das verlorene „Liebchen“ wird als unglücklich Getriebene gezeichnet.

Das hat durchaus choreographische Klasse, erfreut auch durch tänzerische Präzision, freilich resultiert der Reiz der 24-teiligen „Winterreise“ aus dem Wechsel von Stimmungen und Themen zwischen Horror-Hundegebell und Wirtshaus-Seligkeit. Doch die Saarbrücker Produktion kennt keine Brüche, keinen Atmosphären-Umschwung. Der Hauptgrund dafür ist – Celis Konsequenz. Er will sich auf Vereinzelung konzentrieren und keine romantische Gemütsverfassung illustrieren. Deshalb verzichtet er auf Ensemble-Szenen, selbst kleine synchron geführte Gruppen sind rar. Das Ergebnis ist fatal: Die immer ähnlichen Solo-Auftritte verschwimmen zu einem Einheitsmuster, kein Einzelauftritt berührt wirklich. Und: Man behält kein einziges großes Bild für dieses gewaltige Werk der Musikgeschichte von diesem Abend in Erinnerung, das ist ein K.O.-Kriterium.

Was über die Enttäuschung hinweg hilft? Die Musik. Sung Min Song und Yu-Hsuan Lin tragen mit ihrer unpathetischen Interpretation durch die 75 Minuten und liefern die erhoffte Wiederbegegnung mit einem Kunstwerk, das einem eisig ins Herz sticht, weil es frühlingsträumt, während es im Schattenreich irrlichtert. Viel Applaus.

Die nächsten Termine der „Winterreise“ sind ausgebucht. In die Feuerwache dürfen nur 60 Zuschauer. Man braucht einen tagesaktuellen (offiziellen) Schnelltest und muss seinen Pass vorlegen. Das geschieht vor dem Theater, dort erhält man ein rotes Bändchen, das den Eintritt ermöglicht.