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Staatstheater Saarbrücken: Premiere für "Ariadne auf Naxos"

„Big Bang Theory“ als Oper : Opern-Urknall in Saarbrücken

Saisonstart mit Wums: Das Regieteam hat die Strauss-Oper „Ariadne auf Naxos“ am Saarbrücker Staatstheater konsequent auf modern gedreht. Doch was hat das mit der TV-Erfolgsserie „Big Bang Theory“ zu tun?

Aufgebahrt liegt sie da, die Oper. A schöne Leich, hätte Komponist Richard Strauss, ein gebürtiger Münchner halt, vielleicht gesagt. Ein Kranz samt Schleife hält fest: „1600 – 2021“. Ja, über 400 Jahre hat sie durchgehalten. Wurde geliebt, verehrt, war manchmal sogar der Nabel der besseren Gesellschaft. Zuletzt aber doch gealtert, hart bedrängt von Fernsehen, Video, Streaming. Und dann jetzt noch diese Pandemie, die auch die Theater verödete....

Was für ein Bild! Was für eine Szene, die die beiden Regisseurinnen Alexandra  Szemerédy und Magdolna Parditka  sich da trauen! Zur Eröffnung der Opernsaison in Saarbrücken, immerhin an einem „Staatstheater“: die Oper beerdigt. Einfach so. Auch wenn’s nur ironisch gemeint ist.  

 Dahingeschieden: Angelos Samartzis („der Tenor“/„Bacchus“) betrauert das Ableben der Oper - eine zentrale Szene der Saarbrücker „Aridane“-Inszenierung. 
Dahingeschieden: Angelos Samartzis („der Tenor“/„Bacchus“) betrauert das Ableben der Oper - eine zentrale Szene der Saarbrücker „Aridane“-Inszenierung.  Foto: Saarländisches Staatstheater/martinkaufhold.de

Aber sagen wir, wie es ist: Diese „Ariadne auf Naxos“ ist seit langem - und mit Abstand - das stärkste Stück Oper, was man im Großen Haus erleben darf. Und wer die Oper so frech, so witzig, so unbekümmert im Zugriff und zugleich so klug für uns Heutige zu befragen versteht, der kann die gesamte Kunstform eben auch beerdigen. Wenn die Reanimation dann einer Neugeburt gleicht.

So, jetzt erstmal Luftholen, nach soviel Begeisterung. Und zum Faktischen:Theater übers Theater, das war das Werk von Richard Strauss und Hugo von Hofmannstahl von Beginn an. Seit der Uraufführung 1912 in Stuttgart, beziehunsgweise dann in der überarbeiteten Version, anno 1916 in Wien. Ein spartenübergreifender, spartenvermengender musikalisch prickelnder Champagnercocktail, serviert in dekadenten Zeiten. Hehre Oper, „Ariadne“ eben, verschmolzen mit einem leichten Tanzstückchen, weil’s der reiche Hausherr so will – und seinen Gäste nicht die Zeit für beides nacheinander „zumuten“ will. Schon damals: die Kunst am Tropf der Geldgeber.

Oft aber wird daraus heute „nur“ ein eher heiterer Theaterabend, bei dem man darauf wartet, dass die Koloratur-Artistin des jeweiligen Hauses, Zerbinettas Arien hochjubelt. Das macht die Saarbrücker Neuverpflichtung Liudmila Lokaichuk nach klitzekleinen Startschwierigkeiten auch bravourös – so wie die Sängerin mit viel Spielwitz und kecken Sopran in ihre Rolle hineinspringt.     

 Der Intendant und die „böse“ Politik: Hartmut Volle steht als Theaterchef auf der Bühne gehörig unter der Fuchtel der Politik(erin), gespielt von Andrea Wolf. Wie es sich bei dem Schauspieler-Paar im normalen Leben verhält, wissen wir nicht.    
Der Intendant und die „böse“ Politik: Hartmut Volle steht als Theaterchef auf der Bühne gehörig unter der Fuchtel der Politik(erin), gespielt von Andrea Wolf. Wie es sich bei dem Schauspieler-Paar im normalen Leben verhält, wissen wir nicht.     Foto: Saarländisches Staatstheater/martinkaufhold.de

Doch das Werk als Ganzes packen die Regisseurinnen Alexandra  Szemerédy und Magdolna Parditka (ach was, es sind Rundum-Bühnenfrauen, weil sie Kostüme und Bühnenbild gleich miterledigen) zusammen mit Dramaturgin Frederike Krüger entschieden radikaler an.

Sie setzten beim ohnehin oft bearbeiten Vorspiel an, definieren Rollen neu und um, machen all dies zur Standortbestimmung des Theaters im Jahr 2021 mit Texten zum Theater von Aristoteles bis Dürrenmatt, von Schiller bis Streeruwitz: Welches Recht hat der, der zahlt, der Subventionen bewilligt? Und welches Recht zur freien Kunst darf sich die Bühne partout nicht nehmen lassen? Der (von Hartmut Volle gespielte) Intendant wird da hart bedrängt von einer eisern fordernden „Politikerin“ (Andrea Wolf). Furios.

Diesen Einfluss von außen hat das Regieteam logisch auch optisch vom Spiel, von der Kunst abgerückt. Aus dem Orchestergraben fährt ein Podium hoch, auf dem vor der eigentlichen Bühne debattiert, gestritten und gefeilscht wird. Manko nur: Durch die gesamte Anordnung rückt das Orchester mit Dirigent Justus Thorau weit nach hinten ins Bühnenhaus. Der Klang kommt via Lautsprecher, was es für Thorau, der mit dem Staatsorchester Strauss’ permanten Wechsel zwischen komischen und heroischen Tönen ansonsten grandios austariert, naturgemäß schwer macht, die Balance zwischen Stimmen und Musikern im Ohr zu behalten. Und steht dann so ein stimmliches Kraftpaket wie Angelos Samartzis an der Rampe, der als Tenor mit der glänzenden Pauliina Linosaari (Primadonna/Ariadne) mit Verve die große Oper zelebriert, dann ist das Orchester fast chancenlos – auch wenn man von Samartzis wunderbarem Tenor gar nicht genug hören kann.

Für das Wechselspiel zwischen der „Ariadne“ und der Tanzmaskerade (so wie es Strauss und Hofmannsthal ursprünglich wollten) haben Szemeréda/Parditka eine Art Schlitten bauen lassen. Links die große Oper, zumindest deren Kostümlager, rechts quasi das Reich des Leichten. Letzteres katapultieren die beiden Regisseurinnen in die Welt der „Big Bang Theory“, eine der erfolgreichsten TV-Serie der letzten Jahre überhaupt – mit genialen Wissenschaftlern, die im Alltag und im (Liebes-)leben allerdings oft scheitern. Fast durch die Bank hochbegabte Kindsköpfe, die die Heisenbergsche Unschärferelation genauso aus dem Ärmel schütteln wie das Personal des Star-Wars-Universums.

Im popbunten Big-Bang-Set albern Sung Min Song, Algirdas Drevinskas, Markus Jaursch nach Herzenslust mit Laserschwertern rum, singen großartig und gehen mit Max Dollinger und Liudmila Lokaichuk in den erotischen Infight. Und so wie der Bühnenschlitten ständig hin und her fährt zwischen großer Kunst und Unterhaltung, zerreißt  es auch symbolisch die Figuren. Darf es nur Anspruch oder darf es nur Unterhaltung sein? Plastischer und vergnüglicher kann man diese Differenz nicht deutlich machen – und die Frage stellen, ob es ein unlösbarer Widerspruch sein muss. Nein, natürlich gibt es Hoffnung, schließlich rührt die große Oper mit tiefen, (wahren) Gefühlen am Ende alle. Selbst die kaltherzige Politik(erin) wirkt ergriffen.....

Ob aber sie, die Politik, auch, wenn die in der Pandemie ausgegeben Milliarden wieder eingenommen werden müssen, weiterhin das Theater und die Kunst wie bislang unterstützen werden, das wird nicht auf der Bühne verhandelt. Das ist die Wirklichkeit.

Aufführungen: 25. September und 20. Oktober. www.staatstheater.saarland