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Städtische Galerie Neunkirchen zeigt Stefanie Gerhardt "kopfüber himmelwärts"

Stefanie Gerhardt in der Städtischen Galerie : Ausstellung in Neunkirchen: Wenn Babys meterhoch abstürzen

In der Ausstellung „kopfüber himmelwärts“ in Neunkirchen setzt die Künstlerin Stefanie Gerhardt ein Frage-Spiel in Gang. Davon kann man schwindlig oder klüger werden.

Die Leiterin der Städtischen Galerie Neunkirchen Nicole Nix-Hauck hat ein Händchen für ausgefallene, im Saarland noch nicht entdeckte Künstlerpositionen abseits der Kunstmarkt-Trends. Diesmal präsentiert sie die Freiburger Künstlerin Stefanie Gerhardt (Jahrgang 1974). Auf die Fährte dieser Künstlerin begab sich Nix-Hauck, nachdem sie bei einem befreundeten Künstler ein Bild von Gerhardt gesehen hatte. Sie ist überzeugt: „Die Werke berühren die Menschen emotional, weil sie etwas Unaussprechliches fühlen.“ Die Galeriechefin zeigt 35 Arbeiten von Gerhardt aus den vergangenen zehn Jahren, eine Art Werkschau also, und sie verspricht „Arbeiten, die einen atmosphärischen Sog ausüben“.

Tatsächlich spürt man im großen Ausstellungssaal sehr schnell ungewöhnliche „Schwingungen“. Keine von Gerhardts Figuren schaut uns an. Der Junge auf der Schaukel senkt seinen Blick, die alte Frau auf dem Gemälde „Grand-Mére“ kehrt uns den Rücken zu, ein Schwan versteckt seinen Kopf im Gefieder. Alle wirken ähnlich: ganz bei sich, nahezu meditativ versunken. Ja, einsam auch.

 Vor der Corona-Pandemie entstanden:  Stefanie Gerhardts „Jiaozi Place“. Die Menschen mit Maske arbeiten nicht in einem medizinischen Labor, sondern in einer chinesischen Großküche. 
Vor der Corona-Pandemie entstanden:  Stefanie Gerhardts „Jiaozi Place“. Die Menschen mit Maske arbeiten nicht in einem medizinischen Labor, sondern in einer chinesischen Großküche.  Foto: Stefanie Gerhardt VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Stefanie Gerhardt

Nur ein riesiger Hase starrt uns frontal ins Gesicht, wahrlich ein „Mystical Bunny“ (2021), dessen vermeintlich weißes Fell in unzähligen Pastellfarben funkelt. In seiner Monumentalität wirkt er fast wie ein bedrohliches Raubtier. Es war bekanntlich ein weißes Kaninchen, dem das Mädchen im Märchen „Alice im Wunderland“ ins Ungewisse folgte, um zunächst ins Bodenlose zu fallen. Auch sie war in sich verkapselt. Ohne Zweifel spürt Gerhardt in vielen ihrer Arbeiten ähnlichen Momenten und Gefühlszuständen nach. Es geht um das Abstürzen, um Verschwinden und Auftauchen als Metapher für Leben und Tod – und um den magischen Spalt, der sich zwischen der in Kunst gebannten „Realität“ und dem auftut, was unsere Imagination hinzufügt. Besonders beeindruckt dabei, mit welcher totalen medialen Offenheit Gerhardt an ihre Themen herangeht. Man sieht in Neunkirchen Objekte, Skulpturen, Installationen, Videos, Malerei.

Und unablässig bombardiert man sich selbst während des Rundgangs mit Fragen. Ist das, was sich da bei Gerhardt „Nachts im Wald“ (2016) in einer Schneekulisse abspielt, eine Abendmahl-Szene oder eine Gruppe von Flüchtlingen? Sind die gelben Pünktchen auf dem weißen Kreis nur eine kompositorische Zutat für ein abstraktes Bild oder Motten, die kurz vor ihrem Verglühen vor einer Lichtquelle zucken? Und wo bitte befindet sich in einem schummerigen, milchigen Farb-Verlauf ohne Konturen der „Wasserbaum“ (2020)? Nicht in jedem Einzelfall endet die Fragerunde gewinnbringend, manche Bildanalyse endet auch banal. So beispielsweise bei den jüngsten Arbeiten in quadratischen Kleinformaten. Diese abstrakten Kompositionen im Stil eines Rupprecht Geiger zelebrieren kaum mehr als eine Beschränkung auf Farbwerte und eine Horizontal-Linie (Bergkamm) oder einen Neo-Impressionismus (Kieselbilder). Gegenstandlose Malerei mit Gegenständen? Womöglich freuen sich Eingeweihte über das augenzwinkernde Spiel mit der Tradition. 

Noch eine weitere Stilrichtung der Kunstgeschichte ruft Gerhardt auf: den Surrealismus. Man fühlt sich nicht selten wie in einer De-Chirico-ähnlichen Traum-Szenerie. Gerhardt verfremdet Straßen- und Häuseransichten durch das Übereinanderschieben von Perspektiven, krasse Menschenleere und eine „unnatürliche“ Farbgebung. Nur auf den ersten Blick kommt eine endlos lange Hochhaus-Fassade als drastisch gegenständliches Motiv daher. Doch schnell wird das Bild „Ins Blaue“ zum Blickwinkel-Rätsel, ruft ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und Verlorenheit auf, wächst zur Metapher für eine menschenfeindliche Großstadt-Architektur – nicht nur in China, wo Gerhardt eine Weile als Stipendiatin lebte.

Die stärksten Arbeiten in der Ausstellung sind bereits ein wenig älter. Zum einen ist dies die über sechs Meter hohe wandfüllende Installation „Los geht’s“ (2017): Unzählige Neugeborene baumeln wie Metzgerwürste an ihren Nabelschnüren. Mit niedlichen Babys und Eltern-Kind-Idyllik hat das nichts gemein. Diese Kinder verlieren gerade ihren Schutz, stürzen kopfüber, keineswegs in ein Paradies. Die Geburt ist ein fremdbestimmter Gewaltakt, die Installation hat etwas unterschwellig Aggressives.

Ähnlich brutal lässt sich das Wandobjekt „Passe Zwei“ (2014) deuten. Wie in einem Archiv aufgereiht stehen Glasplatten, die ausschließlich die Hinterköpfe alter Männer zeigen. Jeweils zwei hat Gerhardt zusammengeklebt. Dazwischen gepresst, aber unsichtbar, das Gesicht, eine Identität. Bei Gerhardt schaut sich der Mensch also immer nur selbst an. Aber wo verläuft die Grenze zwischen einer heilsamen Weltabkehr und unnahbarer Selbstbezogenheit? In Neunkirchen darf man sich tiefe Gedanken machen.

Kopfüber himmelwärts. Bis 20. Februar 2022; Städtische Galerie Neunkirchen im KULT.Kulturzentrum, Marienstraße 2, 66538 Neunkirchen, www.staedtische-galerie-neunkirchen.de Am 23. Januar wird der Katalog in Anwesenheit der Künstlerin vorgestellt.