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Theater Saarbrücken: Händels Barockoper Alcina als überzugendes Öko-Märchen

Theater Saarbrücken : Grüne(r) Liebes-Händel: Barock-Oper Alcina als überzeugendes Öko-Märchen

Händels „Alcina“ als gar nicht so märchenhaftes Öko-Märchen? So geht’s auch! Und sogar richtig klasse am Saarbrücker Theater. Warum die Barock-Oper zum Fest der Stimmen und Ideen wird.

Googelt man, nur mal so, das Stichwort „Alcina“, stößt man sofort auf käufliche Schönheit. In Tuben und Tiegeln. Und dann kommt lange nix, bevor endlich der alte Händel auftaucht. Doch das ist gar kein so schlechter Einstieg ins Thema. Schließlich geht’s in seiner Oper von anno 1735 ja auch um Schönheit. Wenn selbige lockt, betört und manchmal auch toxisch werden kann. Denn die Zauberin Alcina hat auf einer sagenumwobenen Insel eine Art Liebes-Diktatur errichtet. Ihre abgeliebten Liebhaber (und die sind bei der Dame Legion) verwandelt sie zu Stein.

Ihr aktueller Favorit: Ruggiero, den sie entführt und dem sie dann kräftig die Sinne vernebelt hat. Nicht zuletzt hält sie ihn auch mit halbnacktem Körpereinsatz sexuell gut im Griff. Dabei hat der sich eigentlich einer ganz anderen versprochen, Bradamante nämlich (ein Name, in dem sich übrigens das italienische Wort für Liebhaber versteckt; diese Oper hat’s wahrlich in sich). Und Bradamante ist gerade auf dem Weg zu Alcinas Island, zusammen mit dem treuen Melisso, um ihren Verlobten aus den Fängen der Liebeszauberin zu befreien.

Dass Bradamante sich für diese Mission impossible als ihr Bruder Ricciardo verkleidet und – kaum an Land – sich Alcinas Schwester Morgana in ihn, also sie, also ihn blitzverknallt, lässt fürchten, dass es im Saarländischen Staatstheater gute drei Stunden lang ziemlich kompliziert werden könnte.

Wird es aber nicht, dank zweier großartiger Regisseure. Den einen sieht man nur zur Hälfte aus dem Graben ragen: Generalmusikdirektor Sébastien Rouland. Eigentlich möchte man ihn ganz sehen. Denn dieser Orchesterchef dirigiert nicht bloß, er tanzt durch den gesamten Premierenabend, taucht ein in Händels schönste Oper, vor knapp 300 Jahren im Zenit dessen musikdramatischen Schaffens komponiert, eine Feuerwerksmusik der Leidenschaften, perlend, funkelnd, genialisch, aber auch faszinierend dunkelglühend, wenn Alcinas Eifersuchtsfuror wütet.

 Was die Welt im Innersten zusammenhält? Das Geld! Eine der bitteren Pointen bei dieser „Alcina“ in Saarbrücken. Hier mit Markus Jaursch als „Melisso“ (Mitte) und Melissa Zgouridi als „Ruggiero“.
Was die Welt im Innersten zusammenhält? Das Geld! Eine der bitteren Pointen bei dieser „Alcina“ in Saarbrücken. Hier mit Markus Jaursch als „Melisso“ (Mitte) und Melissa Zgouridi als „Ruggiero“. Foto: SST/Astrid Karger

Das um eine exzellente Continuo-Gruppe verstärkte Staatsorchester spielt da durchaus historisch informiert, federnd, luzide, bravourös auch bei fixen Tempowechseln. Rouland vermeidet jedoch diese nervige Dauer-Aufgekratztheit, die bei vielen Barock-Produktionen mittlerweile zur fragwürdigen Masche geworden ist. Kauert sich Alcina, die große, stolze Königin zum Exempel verletzt, gedemütigt am Boden wie ein kleines Kind zusammen, zeigt Valda Wilson zeigt neben ihren schon atemraubenden Koloraturkapriolen ihre größte, weil innigste und zutiefst menschliche Soprankunst, bei der Stimme, Spiel und Emotion perfekt amalgieren. Wird es also intim, dann wird Sébastien Rouland – Barock hin und her – doch zum Romantiker, zum Farbenmagier, zum großen Schwelger. Grandios!

Überhaupt: Dieser Chef ist ein Sängerdirigent par exellence. So achtsam, wie er die Stimmen der Solistinnen und Solisten auf dem Orchesterklang bettet. Und dann die Stimmen: Die liefern bei dieser Produktion fast schon eine Überfülle des Wohllautes. Wie ein Pfeil fliegt Liudmila Lokaichuks Sopran durch die Koloraturen, keck, kess, eine Jubelstimme, trotzdem aber auch mit Tiefgang.

 Das iMove-Ensemble in Aktion mit Alcina (Valda Wilson, Mitte). 
Das iMove-Ensemble in Aktion mit Alcina (Valda Wilson, Mitte).  Foto: Astrid Karger/SST/Astrid Karger

Und dann erst Melissa Zgouridi – ein betörend schöner Mezzo, gestaltungsstark, warm, voller Farben. Hat man sie als Ruggiero, in dieser Hosenrolle, gehört, käme einem die mögliche Besetzung der Partie mit einem Countertenor quasi absurd vor. Auch Judith Braun überzeugt als Bradamante, wie auch Artavazd Sargsyan mit dem anspruchsvollen Tenor-Part des Oronte. Und der souveräne Bassmann Markus Jaursch bringt als Melisso stets eine feine, wohltuende Ironie ins Spiel.

Fehlt jetzt noch der Strippenzieher Nummer zwei, der den Abend mit seinem Team zum so nachhaltig beklatschten Erfolg werden lässt, der eigentliche Regisseur Alessandro Talevi. Die Bühne, die er mit Ausstatterin Madeleine Boyd, ins große Haus stellt, könnte glatt das Hauptquartier eines Bond-Schurken à la Blofeld sein. Ein Großgeheimlabor, so sieht es aus, in dem Alcina an einer – vielleicht – besseren, grünen Zukunft forscht. Umringt von ihren rot uniformierten Helfern (das junge IMove-Ensemble des Theaters tanzt sich da in die erste Reihe), deren freier Wille wohl durch eng sitzende Kosmonautenkappen abgeschnürt wird.

Mittendrin in dem ständig rotierenden Drehbühnenrund dampft es giftig aus einer grünen Venusgrotte (lässt sich sicher auch für den nächsten „Tannhäuser“ recyclen). Was da wohl zusammengebraut wird? Drumherum herrscht aber klinisch-weiße Reinraum-Atmosphäre. Doch irgendwie auch chic. Hier zersäbelt die Chefin höchstpersönlich Gurken und mixt Smoothies für ihre Lieben. Doch wehe, die wollen nicht so wie sie. Dann greift Alcina zur Spritze, und die weißen Stockbetten des Personals werden zu grünen Inkubatoren. Doch nicht das Leben wird darin ausgebrütet, es sind Todeszuckungen, die man sieht.

 Grünes Märchen mit bitterer Moral: Die Saarbrücker „Alcina“-Produktion nimmt überzeugend auch das Thema Klimawandel auf.
Grünes Märchen mit bitterer Moral: Die Saarbrücker „Alcina“-Produktion nimmt überzeugend auch das Thema Klimawandel auf. Foto: SST/Astrid Karger

So haben sich Talevi und Dramaturgin Frederike Krüger des ganzen barocken Zaubertinnefs entledigt und aus der alten Oper ein auf den Punkt modernes Märchen gemacht. Ohne dass ihre Idee aber die Magie der Liebesmusik zudeckte. Jetzt geht es hier auch, brennend aktuell, um Klimaschutz, um Fragen, wie jene: Wie gehen wir mit der Natur um? Wie kann es, wie muss es weitergehen?

Die Antworten aber sind, sehr wohltuend, nicht schlicht, stattdessen höchst diskussionsanregend. Alcinas Öko-Paradies ist nämlich letztlich eine mit bevormundender Liebe verbrämte Diktatur. Die aber, die wie Bradamante und Melisso als Befreier kommen und über Alcina siegen, brausen am Ende mit einem Motorboot von der Insel. Zurück zu steinernen Stadtwüsten, ins ungezügelte Karbonzeitalter mit seinem ressourcenverschleudernden Kapitalismus. Ein Triumph, der noch böse enden wird.

Weitere Aufführungen: 15., 22. und 28. Dezember. Aktuell gilt für Staatstheater-Aufführungen die 2G-Plus-Regel.

www.staatstheater.saarland