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Tom Hillenbrands Lesungen in Luxemburg und Echternach abgesagt

Interview mit Bestseller-Autor Tom Hillenbrand zum neuen Roman „Goldenes Gift“ : Autor Tom Hillenbrand: „Ein Buch ist jedes Mal ein Abenteuer“

Bei drei Lesungen in der Region wollte Schriftsteller Tom Hillenbrand in der kommenden Woche seinen neuen Roman „Goldenes Gift“ vorstellen – zwei davon hat er jetzt abgesagt. Wir haben mit ihm über den siebten Roman um den Luxemburger Sternekoch Xavier Kieffer gesprochen: über gepanschten Honig, den Schauplatz Luxemburg – und die Möglichkeit, Luxusschokolade von der Steuer abzusetzen.

Ihr Roman erzählt von gepanschtem und gesundheitlich bedenklichem Honig. Wo kaufen Sie denn Ihren Honig?

HILLENBRAND Bei einer sehr guten Quelle – bei einer Bekannten, die Hobby-Imkerin ist. In Brandenburg hat sie eine Datsche mit ihren Bienenstöcken. Ich weiß also, wo der Honig herkommt. Vor der Recherche zum Roman habe ich immer zu irgendeinem Honig im Supermarktregal gegriffen. Ich hab da nicht weiter nachgedacht – jetzt aber schon.

Wie kamen Sie auf die Idee zu „Goldenes Gift“?

HILLENBRAND Über die besagte Imkerin. Auf den Etiketten ihres Honigs steht „Märkisches Gold“, da weiß man, wo er herkommt. Da habe ich mich gefragt, wo der Honig aus dem Supermarkt herkommt. Die Antwort nach meiner Recherche: von überall her. In einem Glas hat man manchmal vier Kontinente – China, Russland, Venezuela, Argentinien, Rumänien – der Honig ist zusammengesetzt aus aller Herren Länder.

Warum so viel Import?

HILLENBRAND In Deutschland, in der EU und in Amerika deckt die Eigenproduktion des Honigs gerade so die Hälfte des Bedarfs. Wir müssen sehr viel importieren. Früher kam sehr viel Honig aus Südamerika, inzwischen kommt der Löwenanteil aus China – wie eigentlich bei allem.

Wobei Import alleine ja keine schlechte Qualität bedeuten muss.

HILLENBRAND Nein, manchmal ist dieser Honig auch unbedenklich – aber oft ist er verunreinigt mit Antibiotika, mit Pestiziden und Insektiziden, die sich in ihm ablagern, oder er ist gepanscht– gestreckt mit Reissirup oder so etwas, schließlich ist Zuckerwasser ja billiger als Honig. Gut gemischt ist das kaum zu erkennen für den Verbraucher.

 Hillenbrand, flotten Fußes unterwegs im Großherzogtum.
Hillenbrand, flotten Fußes unterwegs im Großherzogtum. Foto: Dirk Guldner / www.foto-guldner.

Das müsste dann doch stärker kontrolliert werden, oder?

HILLENBRAND Ja, das wäre wirklich schön. Es gibt Regeln und es gibt technische Möglichkeiten, die Quelle des Honigs recht einfach festzustellen – ob nun Nordchina oder Kalifornien. Das könnte man alles prüfen. Aber wer will das schon? Händler, die Honig verkaufen, bekommen vom Großhändler eine Unbedenklichkeitsbescheinigung. Der Händler könnte jetzt noch testen, das machen aber nicht viele. Von staatlicher Seite darf man auch nicht viel erwarten.

Wie haben Sie recherchiert?

HILLENBRAND Ich habe drei, vier Monate versucht, alles zu dem Thema zu lesen – in der Regel sind das keine geheimen Informationen. Die findet man leicht im Internet. Mein Lehrer an der Journalistenschule sagte gerne: „Investigative Recherche heißt meistens einfach nur mal lesen.“

Sie haben als Journalist gearbeitet – bietet ein Roman wie „Goldenes Gift“ eine Chance, ein übersehenes Thema via Krimi-Bestseller ins Gespräch zu bringen?

Tom Hillenbrands Lesungen in Luxemburg und Echternach abgesagt
Foto: Kiepenheuer & Witsch

HILLENBRAND Ja, aber ich nutze solch ein Thema erst einmal, um eine interessante Geschichte zu konstruieren – das ist für mich das Grundsätzliche. Ein Krimi ist weder Sachbuch noch Proseminar. Ich werfe meistens um die 90 Prozent Material einer Recherche weg – weil sie für die Geschichte und den Spannungsbogen nicht wichtig sind.

„Goldenes Gift“ ist der siebte Krimi um Xavier Kieffer. Wie ist das, schreibend zu einer etablierten Figur zurückzukommen?

HILLENBRAND Erholsam. Ein Buch ist jedes Mal ein Wagnis, ein Abenteuer und eine zeitliche Investition. Ich habe auch schon nach einigen Monaten Arbeit einen Roman verworfen, weil er einfach nicht funktioniert hat. Ein neues Buch einer Serie zu schreiben, ist dann zumindest bei der Hauptfigur kein Risiko, sondern wie ein Nachhause kommen. Leserinnen und Leser begegnen bestimmten Figuren gerne wieder. Jede Buchserie ist da ein wenig wie „Asterix“: Wenn der Schmied zum Fischhändler geht, weiß man, was passiert, und freut sich drauf.

Bringt eine beliebte Serienfigur dann auch Einschränkungen mit, eine Formel, nach der Kieffer manches nie tun würde? Möchte man als Autor da auch mal rebellieren?

HILLENBRAND Nein, denn ich schreibe ja noch einiges andere, zwischen den Kieffer-Krimis. Wenn ich von denen drei, vier hintereinander schreiben würde, gingen mir die Figuren möglicherweise auf den Senkel, was sich auf die Bücher übertragen würde. Aber durch die Abwechslung ist das nicht so – die anderen Romane sind meine Spielwiese, etwas völlig Anderes oder auch Verrücktes zu machen.

Wie kamen Sie auf den Schauplatz Luxemburg für die Kieffer-Bücher – weil sie mal auf dem Kirchberg gearbeitet haben?

HILLENBRAND Ja und nein. 1997 war ich für zehn Wochen als Praktikant beim Europäischen Parlament. Das war die erste Begegnung mit Luxemburg. Damals gab es die Philharmonie und die ganzen Bankgebäude dort noch nicht. Als ich 15 Jahre später noch mal hin bin, sah alles anders aus. Ich dachte ständig: Da war doch früher so ein langer Acker – was ist hier passiert? Bei meinen damaligen Krimi-Planungen erschien mir Luxemburg als Schauplatz dann sehr interessant.

 Schriftsteller Hillenbrand in Luxemburg.
Schriftsteller Hillenbrand in Luxemburg. Foto: Dirk Guldner / www.foto-guldner.

Was macht den Reiz aus?

HILLENBRAND Luxemburg ist, zwar nicht für den Saarländer, aber für den Rest der Republik ein unbekannter, exotischer Ort. Erzählt man in Berlin von Luxemburg, wird man gefragt, welche Sprache dort gesprochen wird. Luxemburg besitzt diese Exotik, es ist nah und doch fern. Die Stadt mit Ober- und Unterstadt ist pittoresk und interessant, klein, und gleichzeitig Hauptstadt mit vielen Banken. Es gibt viele Orte, bei denen man sich vorstellen kann, dass da etwas passieren könnte. In Bielefeld oder Gütersloh hätte man es als Autor da schwerer. Und, ganz praktisch gesehen, war Luxemburg als Krimi-Schauplatz noch frei – heute hat ja jede deutsche Stadt oder jedes Alpental mindestens zwei Roman-Kommissare und einen „Tatort“-Ermittler.

Sie schreiben über Luxemburg, leben aber in München – wie sieht da Ihre Recherche aus?

HILLENBRAND Für jeden Roman fahre ich mindestens zwei Mal hin. Einmal vor dem Schreiben, denn seit dem letzten Besuch kann es viel Neues geben – sei es ein spektakulärer Fahrstuhl ins Pfaffenthal oder eine Tram. Die Stadt verändert sich sehr schnell. Wenn das Buch fertig ist, fahre ich wieder hin und checke nochmal alle Schauplätze. Das mache ich ohnehin fast immer. Für meinen Roman „Montecrypto“ habe ich in Los Angeles an drei Tagen 27 Schauplätze überprüft. 400 Kilometer mit dem Auto durch Los Angeles zu fahren, macht nicht viel Spaß.

Also keine Recherche per Google Street View?

HILLENBRAND Nein – die Ausstrahlung einer Stadt erschließt sich nicht über ein Foto aus dem Internet. Bei Luxemburg kommt noch hinzu, dass die Stadt durch ihre Topografie mit Ober- und Unterstadt dreidimensional ist. Das begreift man nicht anhand einer zweidimensionalen Karte. Bei meiner jüngsten Recherche dort bin ich aus einem Park rausgeschmissen worden, dem „Dräi Eechelen“. Der ist nachts gesperrt, aber ich musste hin, weil die Romanszene dort auch nachts spielt. Da hat mich ein Wachmann zügig hinausbegleitet.

Kann man solche Recherchereisen, ob Los Angeles oder Luxemburg, eigentlich von der Steuer absetzen?

HILLENBRAND Aber natürlich. Es ist noch viel besser – ich kann sogar das Essen absetzen. Bei „Bittere Schokolade“ habe ich bei einem Deluxe-Schokoladen-Versand für 600 Euro 80 Tafeln bestellt – und beim Schreiben jeden Tag eine Tafel gegessen. Das habe ich beim Finanzamt eingereicht, und es ist durchgegangen – warum auch nicht? Es war ja Recherche für den Roman. Was ich noch nicht ausprobiert habe, ist das Absetzen von Drei-Sterne-Sterne-Menüs, die ich zur Recherche esse. Ich muss mich für die Kieffer-Bücher ja auf dem Laufenden halten, was die Gastro-Szene angeht. Aber mein Steuerberater ist da sehr zögerlich.

Tom Hillenbrand: Goldenes Gift.
Kiepenheuer & Witsch, 480 Seiten, 12 Euro.

Die Lesungen am 29. November in Echternach und am 30. November in Luxemburg-Stadt hat Tom Hillenbrand aus Sicherheitsbedenken abgesagt; die Lesung am 9. Dezember im Victor’s Residenz-Hotel in Perl Nennig soll aber stattfinden – auch möglich mit 3-Gang-Menü. Infos unter: www.victors.de

Hillenbrand will auch wieder Lesungen per Stream anbieten.
Informationen: tomhillenbrand.de