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Ulrich Noethen bei Musikfestspielen Völklingen: Zuschauer gehen vorzeitig

Verwirrung in Völklingen : Ulrich Noethen bei den Musikfestspielen – Zuschauer verlassen Veranstaltung vorzeitig

Irritation bei der Musikfestspiel-Uraufführung von „Flegeljahre“ im Völklinger Weltkulturebe mit Schauspiel-Star Ulrich Noethen. Warum gingen etliche Besucher schon in der Pause?

Manchmal sind Aufführungen zeitgenössicher Musik tatsächlich fast so, wie Spötter sie sehen wollen. Es hurzt gewaltig – Sie wissen schon.

Am Samstagabend gibt’s in der Alten Völklinger Hütte exakt so einen Kerkeling-Moment. Ulrich Noethen spicht (sinngemäß): „Und alles ist vorbei“. Die Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher, auch der Schauspiel-Star verschwinden von der Bühne ins Dunkel der Gebläsehalle. Das Saallicht flammt auf. Nach guten 100 Minuten Spieldauer der „Flegeljahre“ klatscht sich das Publikum in Schlussapplauslaune. Ein Kamerateam macht schon mal mit der „Wie fanden Sie’s?“-Frage die Runde.

Merkwürdig allein, dass die Künstler partout nicht auf die Bühne zurückkommen. Ja, wo bleiben sie denn? Aber wer weiß vielleicht gehört ja auch der radikale Abgang irgendwie zum Konzept. Irritierte Blicke überall.

 Zwei spielen und einer guckt zu: Die Pianisten Andreas Grau (l.) und Götz Schumacher beim vierhändigen Werk, Sprecher Ulrich Noethen ist ganz Ohr.
Zwei spielen und einer guckt zu: Die Pianisten Andreas Grau (l.) und Götz Schumacher beim vierhändigen Werk, Sprecher Ulrich Noethen ist ganz Ohr. Foto: BeckerBredel

Bis sich Musikfestspiel-Intendant Bernhard Loenardy endlich ein Herz und zum Mikrofon fasst: „Jetzt ist eine kurze Pause, danach geht es weiter“. Da allerdings sind einige Gäste längst weg. Und nach der Pause sind die wegen Corona ohnehin bloß schütter besetzten Reihen noch schütterer. Hurz!

Doch wer ist für diesen Pausen-Schwund verantwortlich? Ganz sicher nicht die, die auf der Bühne agieren, das bravouröse GrauSchumacher Piano Duo, ein Klavier-Doppel gefragt ob seiner klassischen Künste wie auch seiner Experimentierlust. Auch nicht Ulrich Noethen. Schätzte man ihn nicht ohnehin schon seiner Charakterkunst in Kino und TV wegen, nach diesem Abend müsste man ihm auch noch den Lorbeer des Sprechvirtuosen aufs Haupt drücken. Und auch die Bühnenfernen, Komponist Stefan Litwin sowie sein Textbearbeiter Holger Schröder verdienen Anerkennung.

Nein, es ist, um das diesjährige Motto der Musikfestspiele Saar zu bemühen, der „Ursprung“ des Ganzen: Jean Pauls Romanversuch „Flegeljahre“ nämlich. Über 500 Seiten wuchtig und trotzdem noch Fragment. Zu Schillers und Goethes frühen Zeiten war dieser Johann Paul Friedrich Richter (1763-1825), frankophil zu Jean Paul komprimiert, ein just von Frauen angebeteter Dichterstar, dessen Stern jedoch schon zu Lebzeiten verglühte. Wohl, weil seine sprudelnde Sprachlust, sein Springen zwischen Realität und Traum, für viele dann doch zu viel war. Jean Paul-Verehrer wie der Saarbrücker Komponist und Musikhochschul-Professor Stefan Liwtin rühmen diese ungezügelte Fabulierlust. Doch das ist ein ziemlich exklusiver Kreis.

 Wer’s kritisch sieht, wird sagen, dass der Dichter aus dem  fränkischen Wunsiedel seine Ideenfülle nicht zu bändigen verstand. Anders gesagt: Gegen die „Flegeljahre“ ist Thomas Manns „Zauberberg“ so straight erzählt wie eine Short Story.  In beschaulichster Provinz bürdet Jean Paul in den „Flegeljahren“ dem jungen Walt ein schweres Erbe auf. Zwar darf der eher schlichte Jüngling mit reichlich Dichterflausen im Kopf auf Wohlstand hoffen. Aber nur, wenn er sich in zig Berufen bewährt, vom Notar, über den Gärtner bis hin zum Klavierstimmer. Kritisch beäugt von diversen feinen Herren, die auch aufs Erbe hofften – und nun auf Fehltritte Walts warten.

Damit aber nicht genug: Jean Paul schickt auch noch Walts Zwilling Vult ins Rennen; emotional und geistig der Widerpart des Bruders, ein Flöte blasender Luftikus. Trotzdem wollen beide zusammen einen Roman dichten und verlieben sich auch in dieselbe schöne Maid namens Wina...

Stefan Liwtin brennt offenbar schon lange für diese „Flegeljahre“ und der Saarbrücker Komponist arbeitete häufiger mit dem GrauSchumacher Duo – da lag es für ihn wohl nahe, den Zwillingsroman zum musikalischen Monodram für „Zwillinge“ am Klavier zu adaptiern. Und Holger Schröder,  früher Dramaturg am Saarländischen Staatstheater, heute in selber Funktion an der Braunschweiger Bühne, bekam die Herkulesaufgabe, aus dem quellenden Stoff Handlung herauszupräparieren. Was Schröder souverän gelöst hat, indem er, grob gesagt, den Erb-Fall in Teil eins, und die Liebeswirren in Teil zwei sortiert.

Gerade dann, wenn Ulrich Noethen mit enormer Musikalität im Sprechen das Personal etwa der geiernden Honoratioren, die Walt das Leben schwer machen, aufmarschieren oder Walt seine bandwurmigen Liebes-Streckverse deklamieren lässt, dann blitzt er auf, der geniale wie feine Witz Jean Pauls. Dann sitzt man auf der Stuhlkante, staunt über diese über 200 Jahre alte/junge sprachliche Kühnheit eines wahrhaft großen Dichters.

Stefan Litwin geht diese Momente überraschend direkt an. Zu den leiernd auf die Spitze getriebenen Liebesversen Walts lässt er etwa die Pianisten mit bloßen Fingern in die Klaviersaiten greifen und zupfen – als sei’s eine Dichterharfe. Ein klangvolles Spiel mit Klischees wie auch die Klavierstimmer-Episode, für die Litwin einen präparierten (bewusst verstimmten) Flügel einsetzt. Auch Jean-Paul-Verehrer Robert Schumann klingt an, es walzt herrlich verdeht, wenn Walt, Vult und Wina bei einem Maskenball wirbeln. Da ist die Musik plastisch.

Dagegen aber stehen die strukturierenden Parts, die Litwin zwölftönend streng komponiert, mit viertönigen Motiven (weil Walt, Vult und Wina je vier Buchstaben haben). Götz Schumacher und Andreas Grau fliegen durch diese komplexen Tonfolgen, begeistern und bannen.

Musikhistorisch verweist das aber aufs (frühe) 20. Jahrhundert, und nicht auf Jean Pauls Zeiten. Was eben doch irritiert. Und gleichwohl Litwin sich auch an vertraute Musiktheaterformen hält, mit Rezitativen, (Sprech-) Arien und Zwischenmusiken dem ganzen Struktur gibt, wirkt das musikalische Monodram mit seinen langen Sprechpassagen zuletzt überdehnt. Und nach der Pause, wenn die Erbschaftsposse durch ist, flacht die Spannungskurve in weiteren 90 Minuten zur Tiefebene ab. Ja, Jean Paul hätte solche Weitschweifigkeit gefallen. Manchmal tut es aber auch der Dramaturgie gut, wenn man rechtzeitig einen Punkt macht: ● Da ist er.