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Verein holt Nobepreisträgerin Olga Tokarczuk nach Saarbrücken

25 Jahre Begegnungen auf der Grenze : Gersheimer Verein feiert Geburtstag und lädt eine umschwärmte Nobelpreisträgerin ein

Der Gersheimer Verein „Begegnungen auf der Grenze – Rencontres à la frontière – Spotkania na granicy“ begeht sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Fest. Dafür bringt er Künstler aus Frankreich, Deutschland und Polen auf die Bühne. Und eine Literatur-Nobelpreisträgerin.

Als Hans Bollinger im Autoradio hört, dass Olga Tokarczuk den Nobelpreis für Literatur bekommt, hat er einen besonderen Grund, sich mit der polnischen Autorin zu freuen. Aber ist sich hinter seinem Lenkrad auch ziemlich sicher, dass seine Pläne damit geplatzt sind. Als Vorsitzender des Vereins „Begegnungen auf der Grenze – Rencontres à la frontière – Spotkania na granicy“ hatte er fest vor, die Autorin für eine Lesung ins Saarland einzuladen. Nicht für irgendeine Lesung, sondern zum Festprogramm, mit dem der Verein, der sich um stärkere Bande zu Frankreich und Polen bemüht, bald sein 25-jähriges Bestehen feiert. „Ich habe gesagt, das können wir jetzt vergessen“, erinnert sich Bollinger heute an eine Vereinssitzung. Denn es war klar, dass der Preis Tokarczuk zu einer von vielen Seiten stark nachgefragten, und damit noch mehr beschäftigten Autorin machen würde. Außerdem: „Sie hat sich zum Schreiben zurückgezogen“, weiß Bollinger.

Das war vor gut drei Jahren. Aber Tokarczuk kommt doch. Als Star des diesjährigen Festprogramms des Gersheimer Vereins. „Das ist für uns ein Höhepunkt“, sagt Bollinger. Und Lohn für jahrelange Arbeit und einen guten Riecher. 

Alles begann vor Tokarczuks Preis – mit Bollingers Reisen nach Polen, einer von ihm initiierten Partnerschaft mit dem Kreis Przemysl und mehreren Schulpartnerschaften, die Bollinger als damaliger Schulleiter in Gersheim mitbegründete. Aus schulischen Projekten der Gesamtschule Gersheim entstanden mehrere grenzüberschreitende Projekte – und ein vielfältiges Kulturprogramm, auf dessen Konzerten das Krakauer Jazz Band Ball Orchestra, die älteste und international erfolgreichste Swing-Band Polens, und Stars wie der Chansonnier Georges Moustaki spielten. Zu Lesungen und weiteren Veranstaltungen konnte der Verein über die Jahre auch die Schriftsteller Andrzej Stasiuk, Andrzej Szczypiorski und Günter Kunert sowie den Liedermacher Konstantin Wecker ins Saarland holen. „Es gab kein Jahr, in denen wir nichts gemacht haben“, sagt Bollinger. Polen gab den Veranstaltungen vor allem am Anfang viel Starthilfe, erzählt er. „Nach der Gründung einer Partnerschaft mit dem Kulturzentrum Przemysl übernahm der polnische Außenminister Bronislaw Geremek 1998 die Schirmherrschaft für das Jahresprogramm“, berichtet der Vereinsvorsitzende. So reiste auch die polnische Außenministerin damals zur Eröffnungsveranstaltung nach Bliesbruck-Reinheim.

Der Verein, der in den vergangenen 25 Jahren viele Musik- und Literatur-Veranstaltungen mit polnischen Künstlern durchgeführt hat, kann auch die offizielle Partnerschaft zwischen dem Saarland und der südostpolnischen Woiwodschaft Podkarpackie (Karpatenvorland) zu seinen Erfolgen zählen. Diese Partnerschaft legte den Grundstein für bisher 30 Schulpartnerschaften. Später wurde auch der westliche Nachbar Frankreich in die Aktivitäten einbezogen.

Die jahrzehntelange Verständigung und die grenzenübergreifende Freundschaften sollen im November und Dezember mit den „Deutsch-Polnisch-Französischen Kulturtagen“ begangen werden. Die Eröffnung findet am 3. November auf der französischen Seite des Europäischen Kulturparks Bliesbruck-Reinheim statt. Als Schirmherren geladen sind neben Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) auch Patrick Weiten, Président du Département de la Moselle, Jakub Wawrzyniak, Generalkonsul der Republik Polen, und Theophil Gallo, Landrat des Saarpfalz-Kreises.

Am 7. November folgt die Eröffnung einer Ausstellung in Gut Königsbruch in Homburg. Gezeigt werden bis Ende November Werke von Eugeniusz Zegadło, einem polnischen Kunstholzschnitzer aus Kielce. Für Musik sorgt Robert Leonardy zur Eröffnung am Klavier mit Kompositionen deutscher, französischer und polnischer Komponisten. Zur Finissage am 5. Dezember ist ein Konzert des Studentenchores des Musikinstituts der Universität Rzeszów aus Podkarpackie geplant. Die jungen Damen und Herren singen bei kostenlosem Eintritt polnische Weihnachtslieder. Am 3. Dezember ist der Chor in der Evangelischen Kirche Saarlouis (freier Eintritt) zu erleben, am 4. Dezember tritt er mit dem Saarländischen Jugendchor in der Christuskirche Mimbach (10/8 Euro) auf.

 Hans Bollinger greift bei der Eröffnungsveranstaltung auch wieder selbst zur Gitarre.
Hans Bollinger greift bei der Eröffnungsveranstaltung auch wieder selbst zur Gitarre. Foto: VEUBE

Im Gut Königsbruch ist am 25. November ab 19 Uhr eine Podiumsdiskussion anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Weimarer Dreiecks geplant. Das Weimarer Dreieck geht zurück auf ein Treffen des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher mit seinen damaligen französischen und polnischen Kollegen in Weimar 1991. Inzwischen umfasst dieser trinationale Austausch neben parlamentarischer Zusammenarbeit auch gemeinsame Ideen zur Außen- und Europapolitik und das Einbinden der Zivilgesellschaft beispielsweise über Kultur- und Jugendveranstaltungen. Nach dem Vorbild des Weimarer Dreiecks arbeitet übrigens auch das ökologische Schullandheim „Spohns Haus“, das auf Anregung des Vereins in Gersheim entstand und Jugendliche der drei Nationen zum Austausch zusammenbringt. Zu der Diskussion über das Weimarer Dreieck eingeladen sind jeweils die Präsidenten der nationalen Vereine aus allen drei Ländern.

Bei der Programmgestaltung konnte Bollinger auch auf familiäre Kontakte zurückgreifen: „Mein Sohn Daniel ist Solo-Klarinettist und berät mich, so erhalten wir Zusagen von Musikern, die gar nicht kämen, wenn ich sie einladen würde.“ So habe man den Organisten Christian Schmitt (27. November in der Schlosskirche Blieskastel, 28. November in der Abtei Tholey, 12/10 Euro) und den Cellisten Julian Steckel (12. November in Gut Königsbruch, 12/15 Euro) für Kirchen- und Kammerkonzerte gewinnen können. Zum Abschluss des Jubiläumsprogramms wird am 10. Dezember im Forum Landratsamt in Homburg ein trinationales Konzert mit Chansons, Klezmer und Goralenliedern gegeben. Auf der Bühne stehen der Lothringer Liedermacher Marcel Adam, der Saarbrücker Klezmer-Musiker Helmut Eisel und die polnische Folkband Karczmarze. Beginn ab 19 Uhr (Eintritt 10/8 Euro).

Und Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk? Der Verein hatte Tokarczuk schon einmal ins Saarland geholt, vor ihrem Durchbruch in deutschen Literaturfeuilletons und dem Literaturpreis aller Literaturpreise. „Von ihrem Verlag heißt es, dass sie nur kommt, weil wir sie vor 16 Jahren schon einmal eingeladen haben, als sie in Polen gerade zu einer aufkommenden Schriftstellerin wurde“, sagt Bollinger, nicht ohne Stolz. Tokarczuk liest am 9. Dezember übrigens aus „Die grünen Kinder – Bizarre Geschichten“, das im vergangenen Sommer auf Deutsch erschien, und aus anderen Geschichten im großen Sendesaal des SR. Beginn um 19 Uhr (Eintritt 15/10 Euro).

Dass die Nobelpreisträgerin nach Saarbrücken kommt, ist für den Vereinsvorsitzenden nicht nur der Höhepunkt des Festprogramms, sondern auch der einer schon jahrzehntelangen Begeisterung für das östliche Nachbarland. „Wenn ich nach Polen reise, ist etwas Geheimnisvolles dabei, es gibt noch eine Ursprünglichkeit in den Dörfern und berührte Orte in der Natur“, erzählt Bollinger und schwärmt von polnischen Künstlern, Musikern und Autoren, die ihn faszinieren. Auch die Gastfreundschaft und die Atmosphäre, „dieses Feiern und Sich-Freuen-Können“, haben es ihm angetan. Ein Savoir-vivre, dass der Verein mit der grenzüberschreitenden Freundschaft hochleben lassen will.

Das komplette Programm unter www.begegnungen-auf-der-grenze.eu, Kartenreservierung auch unter www.ticket-regional.de und Tel. (06 51) 9 79 07 77.