1. Saarland
  2. Saar-Kultur

Was hat Fridays for Future mit Händels Oper in Saarbrücken zu tun?

Opernpremiere am 4. Dezember im Staatstheater : Talevi lüftet Händels Barockoper „Alcina“ kräftig durch

Der italienisch-britische Regisseur Alessandro Talevi interpretiert Händels Zauberoper am Saar-Staatstheater völlig neu: Was hat Fridays for Future damit zu tun?

 Wer hätte gedacht, dass Georg Friedrich Händels Zauberoper „Alcina“ einen völlig innovativen Ansatz zum Stopp der Klimakatastrophe eröffnet? Jedenfalls tut sie das in der aktuellen Fassung des Saarländischen Staatstheaters (SST): Der italienisch-britische Regisseur Alessandro Talevi interpretiert die 1735 uraufgeführte Barock-Oper (nach Motiven von Ludovico Ariosts Epos „Orlando furioso“) als modernes Öko-Märchen. Hilfe bekommt er dabei von „iMove“, dem Jugend-Tanzensemble des Staatstheaters: Dessen Mitglieder kommen hier als Alcinas Gefolge in Weltraumanzügen, Tierkostümen und mit vielen maritimen Anspielungen quasi als mahnende „Extinction Rebellion“-Aktivisten auf die Bühne.

„Eigentlich“, erklärt Talevi, „gilt Alcina als böse Zauberin, die Menschen in Tiere verwandelt. Das möchte ich umdeuten, denn vielleicht hat das im Hinblick auf Lebensraum und Ressourcen ja auch sein Gutes: Alcinas Ziel ist es, die Natur zu retten und eine neue Welt zu schaffen.“ In Talevis Version prallt also nicht nur die sinnlich aufgeladene, lustvolle Atmosphäre von Alcinas Inselwelt auf die rigide Moral ihrer Besucher Bradamante und Melisso, hier spielt sich auch ein Generationenkonflikt ab: „Fridays for future“ gegen alte weiße Männer – beziehungsweise gegen alte weiße Frauen, die hier in Hosenrollen für Verwirrung sorgen. „Tatsächlich gibt es bei Händel generell und hier im Speziellen viel Humor“, sagt Talevi; allein die ganzen Kostümierungen seien Garant für allerlei komische Verwicklungen.

Das ansprechend zu inszenieren, sei dennoch eine große Herausforderung, weil die Oper, typisch für Alte Musik, sehr formalistisch konzipiert sei. „Die Handlung ist auf streng strukturierte Arien verteilt“, erläutert Talevi. „Davon gibt es hier sage und schreibe 41 Stück mit vielen Wiederholungen, nur wenige Duette und ein Terzett.“ Um auch die Rezitative mit Leben zu füllen, sei er hier quasi zum Gestalten gezwungen, sagt Talevi – wichtig ist ihm vor allem, dass die Charaktere sich ganz natürlich benehmen.

Dass der in Johannesburg geborene Regisseur sich auf Musiktheater spezialisierte, von Alter Musik bis zu Experimentellem, verdanke sich zwangsläufig seinem Werdegang, erzählt er: Talevi studierte Musik und Kunstgeschichte in Südafrika und Klavierbegleitung an der Royal Academy of Music in London. Der Aufgabe, Händels Barockoper ordentlich durchzulüften, stellt er sich nun im Verein mit der britischen Bühnen- und Kostümbildnerin Madeleine Boyd. Mit ihr arbeitet er häufig zusammen; 2007 gewannen beide eine Auszeichnung beim Europäischen Opernregie-Preis in Wiesbaden, wo Intendant Bodo Busse auf Talevi aufmerksam wurde.

Jetzt hat Busse den international gefragten Opernregisseur erstmals nach Saarbrücken geholt, wo er in den Proben völlig entspannt polyglotte Anweisungen gibt: Spontan wechselt Talevi zwischen deutsch, italienisch und englisch; je nachdem, wen er gerade vor sich hat. Auch die Aufführung selbst ist mehrsprachig; gesungen wird auf italienisch, mit deutschen und französischen Übertiteln. Auf der doppelten Drehbühne des Großen Hauses hat Boyd ein futuristisches Treibhaus installiert: ein hermetisches System, in dem auch Konflikte prächtig gedeihen können. Im Kern sieht das Ganze aus wie ein moderner Wohnblock mit Balkon, Beeten, Klettergerüsten, Hochbetten und Café – umschlossen von einer runden, milchigen Schale, die um den ebenfalls rotierenden Gebäudekomplex kreist und den Blick freigibt auf ein Atrium mit Berg und Wasserfall.

Als Inspirationsquelle diente zum einen das englische „Eden-Project“, erzählt Talevi: ein botanischer Garten in Cornwall, dessen spektakuläre Gewächshäuser mit ihren geodätischen Kuppeln schon als Kulisse für den James Bond-Streifen „Stirb an einem anderen Tag“ herhalten durften. Hiervon wurde etwa die markante Wabenstruktur für die Außenhaut übernommen. Zum anderen orientierte man sich an „Biosphere 2“: Dieses Experiment in einem 1991 im amerikanischen Arizona errichteten Gebäudekomplex wollte beweisen, dass in einem von der Außenwelt unabhängigen, geschlossenen Ökosystem langfristig Leben möglich ist. Dass es nach zwei Versuchen gescheitert ist, verheißt nichts Gutes für das Schicksal Alcinas, deren Niederlage hier denn auch konsequent nicht als Triumph gefeiert werden soll. Wie auch immer: Es wird üppig. Und kein bisschen antiquiert, weil Talevis heutiger Zugriff jeglichen (Fein-)Staub wegpustet.
  Premiere: Samstag, 4. Dezember, 19.30 Uhr, SST. Weitere Termine, Karten, Infos: www.staatstheater.saarland