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Corona im Saarland: Ist eine frühere Booster-Impfung sinnvoll? Arzt antwortet

Corona-Pandemie : Saar-Mediziner erklärt: Ist eine Booster-Impfung vor Ablauf von sechs Monaten möglich – und nötig?

Seit November wird in Deutschland die Booster-Impfung empfohlen. Sie soll in der Regel sechs Monate nach der letzten Impfung zur Grundimmunisierung erfolgen. Und wenn man sich früher impfen lassen möchte? Ist das überhaupt zu empfehlen?

Auffrischungsimpfungen zur Verstärkung des Corona-Impfschutzes, auch Booster-Impfungen genannt, werden in Deutschland seit November empfohlen. Denn wissenschaftliche Studien belegen, dass die Schutzdauer der Impfstoffe begrenzt ist und innerhalb von Wochen abnimmt. Das zeigt beispielsweise eine Studie, die an der schwedischen Universität Umea entstanden ist.

Doch bevor es um die Schutzdauer der Impfstoffe geht, zunächst ein ausführlicher Blick auf die Erstimpfungen als Voraussetzung der Auffrischungsimpfungen. Derzeit sind in der Europäischen Union und damit auch in Deutschland vier Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen: Janssen des Herstellers Johnson & Johnson, Comirnaty des Herstellers Biontech/Pfizer, Spikevax des Herstellers Moderna und Vaxzevria des Herstellers Astrazeneca.

Man unterscheidet sie in sogenannte mRNA-Impfstoffe und Vektor-Impfstoffe. Comirnaty (Biontech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) sind mRNA-Impfstoffe. Sie enthalten eine Bauanleitung für einen Baustein des Coronavirus, aber keine vermehrungsfähigen Impfviren. Deshalb können diese beiden Impfstoffe die Erkrankung beim Geimpften nicht auslösen.

Der Impfstoff Janssen (Johnson & Johnson) und der Impfstoff Vaxzevria (Astrazeneca) sind Vektorimpfstoffe. Sie bestehen aus Vektorviren – gut untersuchten Viren, die sich nicht vermehren können. Das Vektorvirus enthält und transportiert die genetische Information für ein Eiweiß des Coronavirus.

So beschreibt es das Robert Koch-Institut (RKI), das als „Bundesinstitut für Infektionskrankheiten“ für die deutsche Bundesregierung das Auftreten von Krankheiten und Gesundheitsgefahren in der Bevölkerung beobachtet.

Beide Arten Impfstoffe helfen letztlich dem menschlichen Immunsystem Antikörper und Abwehrzellen gegen das Coronavirus zu bilden.

Die Unterscheidung zwischen mRNA-Impfstoffen und Vektor-Impfstoffen ist zunächst bei der ersten Impfung eines Menschen entscheidend. Eine Impfung mit einem der beiden Vektor-Impfstoffe wird nur Menschen empfohlen, die älter als 60 Jahre sind. Hintergrund ist, dass es bei jüngeren Menschen – in seltenen Fällen – zu schwerwiegenden Nebenwirkungen (Hirnvenenthrombosen) kommen kann.

So beschreibt es die Ständige Impfkommission (Stiko). Die Stiko ist ein unabhängiges Expertengremium, das Impfempfehlungen für Deutschland entwickelt und dessen Arbeit aus dem Rki koordiniert und wissenschaftlich unterstützt wird.

Beim Vektor-Impfstoff Janssen (Johnson & Johnson) hieß es zunächst, eine Impfung genüge, um den vollen Impfschutz der Erstimpfung zu haben. Mittlerweile empfiehlt die Stiko eine weitere Impfung, vier Wochen nach der ersten. Beim Vektor-Impfstoff Vaxzevria (Astrazeneca) wurden für den vollen Impfschutz hingegen von vornherein zwei Impfungen von der Stiko empfohlen. Mittlerweile weiß man, dass der Impfschutz besonders gut ist, wenn nach der Erstimpfung mit Vaxzevria (Astrazeneca) die zweite Impfung mit einem der beiden mRNA-Impfstoffe vorgenommen wird. Und zwar im Abstand von vier Wochen.

Schauen wir nun auf die mRNA-Impfstoffe. Den Impfstoff Comirnaty (Biontech/Pfizer) empfiehlt die Stiko mittlerweile ab einem Alter von zwölf Jahren und auch Schwangeren, ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Den Impfstoff Spikevax (Moderna) empfiehlt die Stiko inzwischen Menschen im Alter ab 30 Jahren. Grund dafür sind Studien, die bei jüngeren Menschen ein im Vergleich zur Impfung mit Comirnaty (Biontech/Pfizer) erhöhtes Risiko für Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen belegen.

Für den vollen Impfschutz beider mRNA-Impfstoffe ist für immungesunde Menschen eine zweite Impfung im Abstand von drei bis sechs Wochen (Comirnaty) oder vier bis sechs Wochen (Spikevax) empfohlen.

Nun zur anfangs genannten Studie aus Schweden über die Wirksamkeit von Impfstoffen, coronabedingte Infizierungen und Krankenhauseinweisungen zu verhindern. Das Rki hat Auszüge der Studie veröffentlicht. Demnach wurden 1,68 Millionen doppelt mit Vaxzevria (Astrazeneca), Spikevax (Moderna) oder Comirnaty (Biontech/Pfizer) geimpfte Menschen mit der gleichen Zahl ungeimpfter Menschen hinsichtlich des Auftretens von Corona-Infektionen und daraus folgenden möglichen Krankenhausaufenthalten verglichen. Und zwar in der Zeit von Januar bis Oktober 2021.

Es zeigte sich einerseits, dass von den insgesamt 27 918 Corona-Patienten in dieser Zeit die Mehrheit ungeimpft (21 771) und die Minderheit geimpft (6147) war. Andererseits zeigte sich, dass die Effektivität der Impfstoff-Schutzwirkung mit voranschreitender Zeit abnahm. Die Impfstoffeffektivität von Comirnaty (Biontech/Pfizer) verringerte sich innerhalb des Untersuchungszeitraums von 92 Prozent auf 47 Prozent – ab dem Tag 211 nach der Impfung habe keine Wirksamkeit mehr nachgewiesen werden können. Bei Spikevax (Moderna) ging die Impfstoffeffektivität von 89 Prozent auf 71 Prozent zurück, die Effektivität von Vaxzevria (Astrazeneca) verringerte sich von 68 Prozent auf bis 120 Tage nach der Impfung 41 Prozent – ab dem Tag 121 wurde keine Wirksamkeit mehr festgestellt.

Wer seinen Impfschutz nicht verlieren möchte, der muss seine Corona-Schutzimpfung durch nochmalige Impfung (meist Drittimpfung) auffrischen. Er muss also die Schutzimpfung boostern (verstärken) lassen. In Deutschland empfiehlt die Stiko solche Auffrischungsimpfungen Menschen ab 18 Jahren sechs Monate nach der letzten Impfdosis, mit der die Grundimmunisierung erreicht wurde. Im Einzelfall kann der Abstand auf fünf Monate verkürzt werden, aus medizinischen Gründen oder wegen ausreichender Impfkapazitäten. Die Studie aus Schweden aber zeigt beispielhaft, dass der Impfschutz bereits nach vier Monaten erloschen sein kann. Was also, wenn sich Menschen boostern lassen möchten, bevor sie fünf bis sechs Monate gewartet haben?

In Nordrhein-Westfalen ist Boostern vier Monate nach abgeschlossener Grundimmunisierung möglich. Fehlkommunikation seitens der Landesregierung und anschließende Kritik aus den Reihen der Deutschen Gesellschaft für Immunologie – an der zwischenzeitlich mit nur vier Wochen angegebenen Wartezeit zur Auffrischungsimpfung – haben zur Kurskorrektur der Landesregierung geführt. Aber wie sieht es im Saarland in St. Ingbert aus?

„Ob Menschen bereits vier Monate nach abgeschlossener Grundimmunisierung geimpft werden, ist immer eine Individualentscheidung des Impfarztes“, erklärt Oliver Fürst. Als Arzt impft er im Raum St. Ingbert. „Wir Ärzte halten uns an die Empfehlungen der Stiko. Das bedeutet, dass vor Ablauf von sechs Monaten zunächst die Menschen geimpft werden, die gesundheitlich beeinträchtigt sind, zum Beispiel ein Immundefizit haben oder zur vulnerablen Gruppe der über 70-Jährigen gehören.“ Auch diejenigen, die viel in Kontakt mit Menschen kämen –  beispielsweise Personal von Pflegeeinrichtungen, Lehrer oder Friseure – gelte es zu schützen. „Versagen würde ich eine frühzeitige Booster-Impfung wohl niemandem. Aber ich würde auf die Berechtigung der Stiko-Empfehlung hinweisen“, sagt Fürst.

Dass die Wartezeit von fünf bis sechs Monaten nicht willkürlich festgelegt ist, hat die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk, im Zusammenhang des Geschehens in Nordrhein-Westfalen geschildert. In der Zeit zwischen der letzten Impfung zur Grundimmunisierung und der Booster-Impfung sei im Immunsystem des Körpers ein Reifungsprozess in Gang, bei dem die Antikörper verbessert würden. Den beschrieb Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: Vor einer Booster-Impfung müssten sich ausreichend antikörperproduzierende Plasmazellen und T-Zellen gebildet haben, manche in Gedächtniszellen umgewandelt werden, andere ins Knochenmark wandern. Aus immunologischer Sicht seien vier Monate zwischen letzter Impfung zur Grundimmunisierung und Booster-Impfung das Minimum. Statt jetzt vorschnell Drittimpfungen vorzunehmen, gilt es laut Watzl die Rate der Erst- und Zweitimpfungen zu steigern.