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Corona in St. Ingbert: Arzt will impfen, kann aber nicht

Freiwilliger Corona-Helfer ausgebremst : Arzt in St. Ingbert will impfen – doch dann kommen die Behörden ins Spiel

Norbert Stein (Name geändert) war Arzt in St. Ingbert und ist nun im Ruhestand. Bei der Stadt bot er an, Menschen bei Sonderimpfaktionen gegen das Coronavirus zu impfen. Er kassiert eine Absage.

Es liegt am fehlenden Impfstoff, lautet die im Dezember oft zu hörende Begründung dafür, dass das Impftempo in Deutschland geringer ausfällt als möglich. Norbert Stein (Name geändert) weiß jetzt, dass Impfstoff-Kontingente nicht alleine dafür verantwortlich sein können. Er als Ex-Arzt hat selbst erfahren, wie verfahren und verzwickt sich Hilfsbereitschaft beim Impfen gestalten kann.

Er könnte sich zurücklehnen. Stein ist fortgeschrittenen Alters, seit Jahren im Ruhestand. „Im Unruhestand“, verbessert der Senior, der Arzt in St. Ingbert war. Das Arztsein ende schließlich nicht mit der Berufsausübung und schon gar nicht in einer Pandemie. „Viele von uns haben die Situation unterschätzt. In drei Monaten politischen Stillstands, hervorgerufen durch die Bundestagswahl, sind wir in Deutschland geradewegs in die vierte Coronawelle geraten“, sagt Stein.

Erneut brandeten die Diskussionen um weitergehende Beschränkungen und zwischenzeitlich verpasste Chancen pandemischer Vorkehrungen auf. Stein ist sich sicher, dass nur eines den Kreislauf unterbricht: Impfen. „Das Coronavirus wird nicht verschwinden. Vergleichbar mit dem Vorgehen gegen das Grippevirus, muss man impfen.“ Das wollte auch Stein machen.

Arzt meldete sich nach Aufruf bei Stadt St. Ingbert

Als er in der Zeitung den Aufruf liest, in St. Ingbert würden Ärzte für Sonderimpfaktionen gesucht, greift der Senior zum Telefonhörer. Er bietet an, Impfungen zu verabreichen „Innerhalb kurzer Zeit lässt sich viel bewegen“, sagt sich Stein und ist gedanklich schon bei den 1000 neu geimpften Menschen. Doch es kommt anders.

Auf Seiten der Stadt versichert man ihm, sein Hilfsangebot sei willkommen, und Ärzte im Ruhestand bildeten ein starkes Rückgrat medizinischer Versorgung. Dennoch könne der Ex-Arzt bei Sonderimpfaktionen der Stadt St. Ingbert nicht alleine eingesetzt werden. Stein fehlt die Kassenzulassung, um ärztliche Leistungen – die Coronaimpfungen – über die Krankenkassen abzurechnen.

Steins Spontanität zu impfen zerschellt an gesetzlichen Vorgaben. „Für mich ist das deutsches System. Alles wird nur organisiert und verwaltet.“ Hat Menschlichkeit noch Platz im systematischen Abrechnungsproblem, könnte man sich fragen.

Woran genau scheitert der Impf-Vorstoß?

Nachfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland, ob die gesetzlichen Anforderungen für Ärzte, die beim Impfen helfen möchten, derzeit zu streng sind. Antwort: Nein. Wer im Saarland impfen will, müsse als Arzt approbiert sein und die Anforderungen einer Impfung beherrschen. Ist also die Stadt St. Ingbert Schuld, dass Stein nicht impft?

Ja und Nein. Nein, weil dem Abrechnungsproblem ein Schnippchen geschlagen werden kann. Laut Kassenärztlicher Vereinigung ist es gängig, dass ein Arzt ohne Kassenzulassung sich auf Absprache mit einem Arzt mit Zulassung zusammentun kann und über letzteren die Impfungen abgerechnet werden. Jetzt zum Ja: In St. Ingbert, wird Stein mitgeteilt, stehen solche Ärzteteams für die geplanten dezentralen Impfaktionen bereits fest, wobei die Kassenärzte den Zweitarzt meist direkt vorgeschlagen hätten.

„Ich kann mir schon vorstellen, mich mit einem Kollegen, der eine Kassenzulassung hat, zusammenzutun“, sagt Stein. Er bewertet das Erfordernis aber als Bremse beim Impffortschritt. Denn wer sich als pensionierter Arzt – ohne Registrierung bei der Privatärztlichen Verrechnungsstelle – nicht mit einem niedergelassenen Arzt fürs Impfen zusammentut, kann laut saarländischem Gesundheitsministerium nur in Impfzentren oder bei mobilen Impfaktionen des Ministeriums Impfdosen verabreichen. Insoweit sei aber die Zahl der zeitgleich einsetzbaren Ärzte begrenzt.

Dass ohne Abrechnung nicht geimpft werden kann, versteht Stein. Seine Hilfe habe er aber unabhängig davon angeboten. „Es ärgert mich für die vielen Impfwilligen, die zum Teil monatelang auf einen Termin warten müssen“, sagt Stein. Seine Boosterimpfung habe er sich spontan im Impfbus auf dem Parkplatz eines Einzelhändlers verabreichen lassen – ohne Termin und langes Warten, vor dem Einkaufen. Anderen alleine ein solch spontanes Impfangebot zu machen, bleibt ihm vorerst verwehrt.