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Cyber-Kriminalität im Saarland: Jagd auf Internet-Verbrecher

SZ-Serie „Vorsicht! Gefahren im Saarland“ : „Corona hat den Trend verstärkt“: Neue Saar-Ermittlungseinheit jagt Internet-Verbrecher

Das Internet wird nach Einschätzung der Saar-Ermittler immer mehr zu einem Hort des Verbrechens. Mit welchen Kräften und Mitteln wollen Staatsanwaltschaft und Polizei diesen Kriminellen auf die Spur kommen?

Für den Geschäftsführer einer saarländischen Firma muss es ein Horrorerlebnis gewesen sein, als er in seinem E-Mail-Postfach eine Nachricht mit angehängter Video-Datei findet, in der er der Kinderpornografie bezichtigt wird. Das Video zeigt ihn, wie er sehr junge Menschen missbraucht. Doch sein Kopf war nachträglich mithilfe einer Filmbearbeitungs-Software hineinkopiert worden. Ein anderer Firmenchef wird per E-Mail der Vergewaltigung bezichtigt. Eine Frau erzählt detailliert, was er ihr alles angetan haben soll. In Wirklichkeit ist es reine Lüge. Die Stimme der Frau ist künstlich, die Anschuldigung stammt aus im Internet aufgeschnappten Satzfetzen. Der Absender will sich das Stillschweigen von den vermeintlichen Übeltätern teuer bezahlen lassen. Diese beiden Maschen zieht er viele Male durch. Doch irgendwann macht der Erpresser einen Fehler und fliegt auf. Das Landgericht Saarbrücken verurteilte ihn zu einer hohen Haftstraße.

 Christian Nassiry, Leiter der Abteilung zur Bekämpfung von Cyberkriminalität bei der Staatsanwaltschaft.
Christian Nassiry, Leiter der Abteilung zur Bekämpfung von Cyberkriminalität bei der Staatsanwaltschaft. Foto: Lothar Warscheid

„Das Netz wird immer mehr zu einem Ort der Kriminalität“, sagt Bernd Weidig, leitender Oberstaatsanwalt in Saarbrücken. „Corona und die damit einhergehenden Beschränkungen haben diesen Trend noch verstärkt.“

Der Cybercrime-Lagebericht des Bundeskriminalamts (BKA) gibt ihm recht. Bundesweit ist die Zahl der erfassten Fälle im vergangenen Jahr gegenüber 2019 um knapp acht Prozent auf fast 108 500 Delikte angestiegen. Aufgeklärt wurden davon etwa 35 400 Fälle – rund ein Drittel. Die Aufklärungsquote stieg leicht um 0,3 Prozent, nachdem sie in den Jahren davor mehrmals gesunken war. Jedoch: „Die Dunkelziffer liegt um einiges höher“, erklärt Weidig.

 Marc Schmitt von der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime beim Landespolizeipräsidium.
Marc Schmitt von der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime beim Landespolizeipräsidium. Foto: Lothar Warscheid/Lthar Warscheid

Staatsanwaltschaft Saarbrücken baut neue Abteilung

Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken hat auf die strafrechtlichen Herausforderungen aus dem Netz reagiert und kürzlich eine neue Abteilung zur Bekämpfung von Cyberkriminalität eingerichtet. Vier Frauen und Männer sind angetreten, um möglichst vielen Internet-Verbrechern das Handwerk zu legen. Abteilungsleiter ist Christian Nassiry, der zuvor im Bereich Organisierte Kriminalität tätig war. „Hier findet man häufig Parallelen, weil kriminell operierende Organisationen auch im Netz unterwegs sind“, sagt er.

Die Bandbreite der Delikte, die diese Abteilung in Zukunft verfolgen wird, ist groß. Darunter sind ganz perfide Taten wie das so genannte Cybergrooming. Hierbei spähen Verbrecher die sozialen Netzwerke aus und schleichen sich virtuell an Jungen und Mädchen heran. Sie geben sich als Gleichaltrige aus und versuchen, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen – mit dem Ziel, den Kontakt so intensiv werden zu lassen, dass sie sich am Ende an ihnen vergreifen können. „Auch wenn es nicht zum Schlimmsten kommt, ist auch ein solcher Anbahnungsversuch als Vorbereitung zu sexuellem Kindesmissbrauch strafbar“, sagt Nassiry.

Erwerb und Besitz kinderpornografischer Fotos oder Videos sollen ebenfalls intensiver verfolgt und geahndet werden, „was einen hohen Ermittlungsaufwand mit sich bringt“. Die Anzahl der Anzeigen wird zudem steigen, weil das National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) (Deutsch: „Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder“) immer häufiger Fälle meldet. Diese US-Organisation, aber auch Internet-Provider und andere Einrichtungen haben schon im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass „die Klärungsquote gegenüber dem Vorjahr signifikant verbessert und das Dunkelfeld gefährdeter Kinder weiter ausgeleuchtet werden konnte“, bilanziert das BKA.

Doch die neue Abteilung der Saarbrücker Staatsanwaltschaft wird sich auch mit einer Vielzahl anderer Delikte beschäftigen müssen. Die Bandbreite reicht von Fakeshops, in denen Markenware supergünstig angeboten aber nach Bezahlung niemals geliefert wird, bis hin zu einer stark steigenden Fallzahl von Hasskriminalität. Dort wird ab Februar 2022 ein großer Schub erwartet. Ab dann sind die Anbieter sozialer Netzwerke auf Grundlage des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) verpflichtet, dem BKA strafbare Inhalte zu melden. „Auch hier muss sauber ermittelt werden, um die Grenze zwischen Hasskommentaren und freier Meinungsäußerung ziehen zu können“, betont Weidig. Auch die Klassiker sind bei den Cybergangstern weiterhin en vogue – wie das Phishing, das Ausspähen von Passwörtern und PINs, oder das Einschleusen von Ransomware, bei der Trojaner in Firmennetze hineingebracht werden, zentrale Dateien verschlüsseln und nach Zahlung eines Lösegeldes – vielleicht wieder – entschlüsseln. „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen“, ist Nassiry überzeugt. Einen technischen Vorsprung haben die bösen Buben wohl nicht. „Wir sind mit ihnen auf Ballhöhe“, sagt Weidig.

Die saarländische Polizei sieht sich ebenfalls für den Kampf gegen Cyber-Kriminelle gewappnet, auch wenn der Gegner mächtig ist. Denn die Anzahl und Qualität der Angriffe, die aus dem Internet auf Firmen, Verwaltungen oder andere große Netzbetreiber – beispielsweise Krankenhäuser – gestartet werden, wächst bedrohlich an. Auch sie muss sich immer häufiger mit Ransomware beschäftigen. Bundesweit bekannte Opfer waren kürzlich der Autozulieferer Eberspächer sowie die Handelsketten Media Markt und Saturn. Nach Recherchen der US-Plattform Cybersecurity Ventures wird der durch Ransomware verursachte Schaden in diesem Jahr etwa 20 Milliarden Dollar (rund 17 Milliarden Euro) erreichen.

 „Das ist nach wie vor die größte Bedrohung für Firmen und Organisationen – auch im Saarland“, sagt Marc Schmitt von der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime der saarländischen Polizei. „Allerdings steigt der Verfolgungsdruck ebenfalls spürbar.“ Die internationale Zusammenarbeit funktioniere immer besser. Vor allem Täter, die in osteuropäischen Ländern wie Rumänien, der Ukraine oder Russland aktiv sind, müssten damit rechnen, über kurz oder lang geschnappt, vor Ort verurteilt oder ausgeliefert zu werden.

Melden Behörden oder Firmen eine Ransomware-Attacke der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) im Landespolizeipräsidium Saarland, „raten wir ihnen, auf keinen Fall das Lösegeld zu zahlen“, sagt Schmitt. „Denn die Unternehmen haben keine Gewähr, dass ihre Daten wirklich entschlüsselt werden oder nur das Geld einkassiert wird.“ Vielmehr unterstützten die Betroffenen mit der Zahlung „sogar noch dieses verbrecherische Geschäftsmodell“.

Die USA haben inzwischen darauf reagiert. Dort drohen denjenigen, die Ransomware-Lösegelder bezahlen, hohe Geld- oder Haftstrafen. Es wird unterstellt, dass mit den Erpressungs-Millionen Terrorismus finanziert oder Sanktionen umgangen werden, heißt es in einem Schreiben des US-Finanzministeriums.

Cyber-Kriminalität im Saarland: Jagd auf Internet-Verbrecher
Foto: SZ/Müller, Astrid

Bei ZAC sollen in erster Linie angegriffene Firmen, Behörden oder andere Einrichtungen Hilfe nach Cyber-Attacken erhalten. Doch die fünf Polizeibeamten und drei Informatiker des Cybercrime-Dezernats unterstützen auch andere Dienststellen, wenn sie im Internet mit Verbrechen in Berührung kommen, auch wenn es nicht in ihren Verantwortungsbereich fällt. Bei Fällen von Kinderpornografie seien beispielsweise die Ermittler von Sexualdelikten zuständig. „Hier ist der Computer nur das neue Medium. Er hat den heimlichen Handel von Schmuddel-Bildern unter der Ladentheke ersetzt“, erläutert Schmitt den Unterschied.

Privatleute, die Internet-Betrügern auf den Leim gegangen sind, sollen sich zunächst an den Polizeiposten vor Ort wenden, rät der Kriminalhauptkommissar. Dort würde ihnen auf jeden Fall weitergeholfen. Ein weiterer Ansprechpartner kann auch die polizeiliche Kriminalprävention sein, die über die Gefahren des Tatorts Internet aufklärt.

Hier gibt es alle Artikel zur SZ-Serie „Vorsicht! Gefahren im Saarland“.

Die Zentrale Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) ist unter Telefon (0681) 962-2448 zu erreichen, E-Mail: cybercrime@polizei.slpol.de; die Polizeiliche Kriminalprävention mit Infos über den Tatort Internet ist telefonisch unter Telefon (0681) 962-3535 erreichbar, E-Mail:  lpp20-kriminalpraevention@polizei.slpol.de