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Dehoga Saar und Gewerkschaft NGG wollen Beschäftigte zurückgewinnen

Längst kein Ende der Krise in Sicht : Betriebe schließen, Mitarbeiter laufen weg: Situation in der Saar-Gastronomie dramatisch

Die zum Wochenende in Kraft tretenden Lockerungen versprechen Vorfreude auf Besuche in Restaurants, Kneipen und Cafés. Ob aber die Lieblingslocations der Saarländer überhaupt nochmal öffnen, ist fraglich. Schon hunderte Betriebe haben geschlossen und viele Mitarbeiter sind längst woanders.

Die Testpflicht in der Innengastronomie bleibt im Saarland bis auf Weiteres bestehen. Dagegen muss bei Hotelübernachtungen nur noch bei der Ankunft ein Test vorgelegt werden. Bisher musste ein solcher Test alle 48 Stunden erneuert werden. Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) betonte am Dienstag vor der Landespressekonferenz, generell sei häufiges Testen ein Erfolgsrezept im Kampf gegen Corona. Deshalb wolle man die Testpflicht im Innenbereich von Gaststätten vorerst beibehalten.

Um den Hotellerie- und Gastronomiebetrieben an der Saar jetzt ein besseres „durchstarten“  aus der Krise heraus zu ermöglichen, verlängert die Landesregierung das im Herbst 2020 ins Leben gerufene Sonderkonjunkturprogramm  für Zukunftsinvestitionen im Gastgewerbe. Die bisher zur Verfügung gestellten Mittel zur Förderung von Investitionen und Erweiterung von Betrieben wurden im ganzen Land in Rekordzeit abgerufen. Das gesamte Geld ist schon komplett verplant. Bisher wurden schon 52 Anträge aus allen saarländischen Landkreisen eingereicht, insgesamt sechs Millionen Euro investiert. Die Hälfte davon waren Zuschüsse aus der Landeskasse.

Die meisten Anträge kamen aus dem Landkreis Merzig-Wadern, gefolgt vom Saarpfalz-Kreis und dem Regionalverband Saarbrücken. Die jetzt vom Ministerrat der Landesregierung beschlossene Fortführung der Finanzhilfen wird aus Mitteln der EU gestemmt. Da diese Fördergelder erst im Herbst 2021 fließen können, stellt das Saar-Wirtschaftsministerium übergangsweise 1,7 Millionen Euro zur Verfügung, die später mit den EU-Mitteln in Höhe von 4,2 Millionen Euro verrechnet werden.

Unabhängig von den bisherigen Finanzhilfen des Landes bleibt die Lage in der hiesigen Gastronomie und Hotellerie dramatisch. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) an der Saar sowie die Gewerkschaft NGG sprechen übereinstimmend von alarmierenden Zuständen. Schon rund 500 Betriebe hätten während der Corona-Krise ihre Pforten für immer geschlossen. „Viele sind geräuschlos von der Bühne abgetreten“, betont  Dehoga-Präsident Michael Buchna. Derzeit gibt es im Saarland nach Angaben der Ministerin noch rund 1000 Gastro-Betriebe und 230 Hotellerie-Betriebe. Zugleich berichtet die Gewerkschaft NGG von alleine 3500 Beschäftigten, die im Verlauf der vergangenen zwölf Monate die Branche verlassen und den Job gewechselt haben. Viele habe es in den Einzelhandel gezogen oder in Seniorenresidenzen beziehungsweise Betriebskantinen mit festen Schichtzeiten. Buchna befürchtet deshalb,  „dass auch der Tourismus im Saarland noch mehrere Jahre leiden wird bis wir die frühere Leistungsfähigkeit der Hotellerie und Gastronomie wieder hergestellt haben. Das dauert mindestens zwei bis  drei Jahre.“

Die Ministerin appelliert deshalb an die Branche, sich jetzt ganz im Stil einer Braut „aufzuhübschen“, um für Beschäftigte attraktiver zu werden.  Diese Botschaft ist bereits  angekommen. Selbst Verbandspräsident  Buchna plädiert an die Betriebe: „Bezahlt Eure Mitarbeiter gut, orientiert Euch an den Tarifen, kalkuliert Eure betrieblichen Leistungen realistisch, investiert in regelmäßige Weiterbildung, Qualität und  Gastfreundschaft. Die Kundschaft hat uns jetzt monatelang unterstützt. Das müssen wir mit einer guten Leistung zurückgeben.“ Die Verlängerung des Konjunkturprogramms von Seiten des Landes sei eine wesentliche Stütze, mit der die Unternehmen jetzt die Digitalisierung, Barrierefreiheit, neue Technologien, Nachhaltigkeit sowie Umweltschutz investieren können.

Trotz der anhaltenden Krise sieht Buchna auch Lichtblicke. Die Betriebe seien hoch motiviert. „Wenn ich mich umhöre bei meinen  Kollegen, dann stelle ich fest: Die haben alle wieder gut zu tun. Allerdings sind die Tests im Innenbereich der Lokale ein sehr hoher Aufwand. Deshalb sollte man jetzt mit dem Fortschreiten der Impfungen auch darüber nachdenken, die Testpflicht im Innenbereich aufzuheben“, plädiert Buchna.

Gewerkschafter Mark Baumeister sieht in der aktuellen Krisensituation einen „Weckruf an die ganze Branche“.  Es drohe der dauerhafte Mangel an Fachkräften. Immer mehr Saar-Betrieben fehle schon qualifiziertes Personal, um überhaupt noch weitermachen zu können. Viele Unternehmen hätten als Sofortmaßnahme das Kurzarbeitergeld aufgestockt. Zudem sei zu beobachten, dass immer mehr Betriebe Antrittsprämien zahlen, damit überhaupt noch Beschäftigte zum Dienst kommen. Solche Prämien müsse man zumindest steuerfrei gestalten können, damit die Betriebe überhaupt solche Leistungsanreize setzen können. Baumeister fordert einen runden Tisch aus Landesregierung, Agentur für Arbeit, Dehoga sowie Gewerkschaft NGG, um gemeinsam die Branche an der Saar wieder fit und attraktiv zu machen für die Zukunft. Die Landesregierung habe jedoch bisher nicht auf diese Forderung reagiert.