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Ford setzt auf E-Auto - Was das für das Werk Saarlouis bedeutet

Ringen um Zukunft des Saar-Standorts : Was Fords große Wette auf E-Autos für das Werk in Saarlouis bedeutet

Der US-Autobauer setzt in Europa voll auf E-Autos. Diese Entscheidung hat erhebliche Folgen für die Arbeitsplätze im Werk Saarlouis.

Heute riecht es in den Straßen der Städte nach Abgasen. Motoren brummen, lärmen, heulen auf. In Zukunft wird ein Summen zu hören sein – wo Autos in den Citys überhaupt noch erlaubt sind. Die neue Welt der Elektromobilität kommt, und sie kommt früher, als viele denken. Die Autoindustrie läutet gerade das schnelle Ende der Benziner und Diesel ein. „Der Zug ist abgefahren. Wir gehen gerade auf voll Speed“, ruft Gunnar Herrmann, der Chef von Ford in Deutschland, allen zu, die an der alten Technik festhalten wollen. Er will keinen Kampf gegen Windmühlen führen und sich für ein Weiter-so mit Diesel und Benziner verkämpfen. „Ich gucke nicht zurück, ich gucke nach vorne“, sagt er und meint damit den radikalen Bruch, den der US-Autobauer in Europa vollzieht.

Und das Werk in Saarlouis mit seinen 5000 Mitarbeitern könnte irgendwie Teil dieser industriellen Revolution werden, falls sich die Ford-Geschäftsführung dafür entscheidet, weiter an dem saarländischen Standorts Autos zu bauen. Herrmann bekräftigte, dass an einem Plan für eine Zukunft des Werks Saarlouis nach dem Auslaufen des Focus-Modells 2025 gearbeitet werde und dazu auch intensive Gespräche mit dem Betriebsrat geführt werden. Im Sommer kommenden Jahres soll eine Entscheidung bekanntgegeben werden. Was für ein Auto könnte auf den Focus folgen? Eines mit rein elektrischem Antrieb? Oder ein Hybrid? Klar ist: Von 2030 an will Ford in Europa nur noch Elektroauto-Modelle an den Markt bringen. Und schon ab 2026 soll in jeder Modellreihe mindestens eines emissionsfrei sein. Ein Plug-in-Hybrid, die Kombination von Verbrenner und Stromer, ist damit für ein paar Jahre noch möglich.

Seit langem drängen Betriebsrat und Gewerkschaft IG Metall auf eine Entscheidung der Geschäftsführung, ob und wie es in Saarlouis weitergeht. Herrmann kommt das Ringen um die Zukunft bekannt vor: „ Ich kann mich noch erinnern, wie wir vom Escort auf den Focus übergegangen sind. Das war exakt die gleiche Diskussion.“ Und dann startete 1998 die Focus-Produktion. Damals war aber vieles einfacher: Die Grundarchitektur des Autos mit Verbrennungsmotor und Getriebe stand nicht infrage.

 Ford-Deutschland-Chef Gunnar Herrmann sieht auch die Politik in der Pflicht, damit der Wandel hin zur Elektromobilität gelingt.
Ford-Deutschland-Chef Gunnar Herrmann sieht auch die Politik in der Pflicht, damit der Wandel hin zur Elektromobilität gelingt. Foto: dpa/Oliver Berg

Diesmal ist alles anders. Im vergangenen September habe Ford noch an einen Strukturwandel gedacht: mit der Entwicklung von Elektroautos, aber auch von Verbrennern – bis 2030 und darüber hinaus. 30 Prozent Verbrenner noch in zehn Jahren – so war die Kalkulation. „Im Dezember haben wir uns zu einem radikalen Strukturbruch entschlossen“ – schnell und vollständig hin zum vollelektrischen Antrieb. Auslöser war offenbar die politische Entwicklung. Die Forderung, von fossiler Energie früher wegzukommen als gedacht. Die Pläne der EU für die Abgasnorm Euro-7, die einem Verbot von Verbrennern gleichkommen könnte. Die Überlegungen, Städte autofrei zu machen oder dort zumindest Verbrenner zu verbieten.

„Das ist eine groß angelegte Wette“ für Ford, sagt Herrmann zum radikalen Strategiewechsel seines Unternehmens. Das Risiko ist hoch. Man gehe „All in“; greift er zur Pokersprache: Alles oder nichts. Denn noch weiß niemand, wie viele Elektroautos in Zukunft gekauft werden. Im vergangenen Jahr wurden nach Daten des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg gerade mal so viele Elektroautos in Europa neu zugelassen, wie nur Ford in einem Jahr auf dem Kontinent derzeit produziert: etwa 1,4 Millionen. Wird die Branche in Europa jemals wieder 18 Millionen Autos bauen? Oder werden es vielleicht nur zwölf Millionen oder weniger? Welche Rolle spielt der eigene Wagen künftig für die Mobilität der Menschen, wenn Innenstädte autofrei werden sollen?

Dieser Strukturbruch ist für Ford hart, hat das Unternehmen in Europa doch gerade eine große Transformation hinter sich. Nach vielen Jahren mit roten Zahlen, insgesamt einem fast zweistelligen Milliardenbetrag, hatte der Konzern 2018 ein drastisches Sparprogramm beschlossen. Mit einem massiven Personalabbau. In Saarlouis gingen laut Betriebsrat seit Sommer 2019 insgesamt 2200 Arbeitsplätze verloren. Der Sparkurs brachte aber den Erfolg, dass in Europa Gewinne erzielt wurden. Im vierten Quartal 2020 sei Ford „erstmalig mit einer Marge von fünf Prozent unterwegs gewesen“, sagt Herrmann.

Und jetzt folgt der große Strukturbruch, der auch für die Belegschaften schmerzhaft sein wird. Herrmann kalkuliert damit, dass die Werke zunächst weiterhin effizienter und kleiner werden müssen – weil in den nächsten Jahren voraussichtlich weniger Verbrenner verkauft werden und noch nicht so viele Elektroautos – und weil man nicht wieder zurück will in die Zeiten zu hoher Kosten. Das Werk in Köln soll jetzt das erste vollelektrische Modell von Ford in Europa bauen – 100 000 Stück im Jahr, viel weniger, als dort produziert werden könnten. Kleiner werden bedeutet jedoch auch weiteren Personalabbau, der auf jeden Fall sozialverträglich über die Bühne gehen soll. Wie viele Stellen in Saarlouis voraussichtlich betroffen sein werden, sagt der Ford-Deutschland-Chef nicht. Es dürften nicht wenige sein. Doch generell macht er auch Hoffnung für die Entwicklung von Ford in Europa: Kommt der E-Auto-Boom, müsse man den „Re-Start“ erwischen. Dann könnten die Belegschaften wieder wachsen.

Doch damit die große Wette ein Erfolg wird und das E-Auto den Verbrenner ablösen kann, muss aus Sicht Herrmanns nicht nur die Autoindustrie, sondern auch die Politik handeln. Die großen Aufgaben: der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Aufbau einer Ladeinfrastruktur. In der nächsten Woche will er bei einem Branchentreffen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mehr Einsatz von der Politik fordern. Es könne nicht sein, dass die Politik die Branche in Richtung Elektromobilität zwinge und dann bei Investitionen in Ladeinfrastruktur zögere. Alle müssten an dem Green Deal, wie die EU den Weg raus aus Kohle und Öl in die Klimaneutralität nennt, mitarbeiten. Der Beitrag von Ford sei die Transformation des Unternehmens, sagt Herrmann und appelliert an die Regierung, hier deutlich schneller zu agieren.