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Stahlgipfel in Völklingen: Arbeitsplätze bei Saarstahl und Dillinger in Gefahr

Stahlgipfel in Völklingen : Große Sorgen um Arbeitsplätze bei Saarstahl und Dillinger

Der Stahlgipfel in Völklingen steht unter schwierigen Vorzeichen. Die Sorgen in der saarländischen Stahlindustrie sind groß. Ein Szenario bedeutet eine Bedrohung für 1000 Arbeitsplätze.

„Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, sagt Michael Fischer, Betriebsratschef bei der Dillinger Hütte, mit Blick auf den dritten regionalen Stahlgipfel an diesem Donnerstag in Völklingen. „Ich bin gespannt, was die uns sagen werden.“ „Die“ – das sind die Politiker: Peter Altmaier (CDU), Bundeswirtschaftsminister und Kandidat bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Saarlouis, Heiko Maas (SPD), Bundesaußenminister und Gegenkandidat von Altmaier in Saarlouis, Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) und Saar-Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD).

In Fischers Stimme schwingt Frust mit. Zu wenig ist aus seiner Sicht in Berlin und Brüssel seit dem ersten regionalen Stahlgipfel vor sechs Jahren passiert, um die Zukunft der Stahlindustrie im Saarland zu sichern. Er nennt ein Beispiel: Die EU-Schutzmaßnahmen gegen Billigstahl erfassen keine Grobbleche aus Russland. Das habe beim Grobblech-Hersteller Dillinger Hütte (kurz: Dillinger) Arbeitsplätze gekostet. „Bekannt ist das Problem seit Jahren. Nur gemacht hat keiner was.“

Auf dem Stahlgipfel wollen die Landesregierung, der Verband der Saarhütten und die IG Metall eine Resolution verabschieden, „um den zentralen Forderungen für die Stahlindustrie an der Saar Ausdruck zu verleihen“, wie es in der Einladung des Wirtschaftsministeriums zu der Veranstaltung heißt. Die Resolution soll ein „gemeimsames Signal nach Berlin und Brüssel“ sein, sagte Rehlinger im Vorfeld des Gipfels.

 Michael Fischer, Betriebsratschef der Dillinger Hütte
Michael Fischer, Betriebsratschef der Dillinger Hütte Foto: rup/wir

Was in der Resolution steht, dürfte den Betriebsratschef noch mehr verärgern. Laut dem Text, der der SZ-vorliegt, steht ein entscheidendes Projekt auf dem Weg zu einer CO2-freien Stahlherstellung auf dem Spiel. Ende Mai hatte Bundeswirtschaftsminister Altmaier noch 400 Millionen Euro Förderung für Investitionen in den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft im Saarland angekündigt. Ein Kernstück sind die Pläne von Saarstahl und Dillinger, Wasserstoff verstärkt im Hochofen zu nutzen, um dadurch dem Kohlendioxid-Ausstoß um 55 bis 60 Prozent zu senken. Nun steht zwar die Investitionsförderung nicht infrage, aber die ebenfalls nötige staatliche Unterstützung, um beim Betrieb der Anlage Mehrkosten abzufedern, könnte – aufgrund einer Vorgabe des Bundesumweltministeriums — versagt werden . Die Bundesregierung ist sich in diesem Punkt offenbar uneins.

Solche Konflikte kommen zur Unzeit. Denn auch wenn die anziehende Konjunktur Saarstahl und Dillinger zurzeit Rückenwind gibt, sehen sich die beiden Unternehmen wie die ganze Branche in Deutschland enormen Herausforderungen gegenüber. Überkapazitäten, Protektionismus, Zölle, Billigimporte unter anderem aus Russland, China und der Türkei, hohe Energiepreise in Deutschland, verschärfte Umweltauflagen – all dies belastet. Chancengleichheit auf dem Weltmarkt ist daher ein Kernanliegen von Karl-Ulrich Köhler, dem Vorstandschef von Saarstahl und Dillinger. Auch Betriebsräte und Gewerkschaft drängen darauf. Es brauche ausreichend starke Mechanismen, um die hiesige Stahlindustrie mit der Konkurrenz aus Ländern gleichzustellen, in denen laxere Umweltauflagen gelten. Dazu kommt der milliardenteure, von Gesellschaft und Politik gewollte Wandel in Richtung CO2-neutrale Stahlherstellung. Köhler nennt dies ein „gewaltiges Jahrhundert-Projekt“.

Die Sorgen sind groß. Bei Saarstahl und Dillinger wird daher auch über ein Szenario nachgedacht, das den Kostendruck mindern könnte, aber für die Arbeitsplätze im Saarland bedrohlich wäre – über das laufende Sparprogramm hinaus. Die Unternehmen könnten ihre Roheisenproduktion ins Ausland verlagern, zum Beispiel nach Kanada oder nach Dünkirchen in Frankreich. Bis zu 1000 Stellen im Saarland sind damit in Gefahr. Aktuell gebe es keine konkreten Pläne dafür, versicherte Köhler kürzlich. Der Stahlmanager sagte aber auch: „Wenn wir es am Ende für notwendig halten, ins Ausland zu gehen, dann werden wir das tun.“

 Karl-Ulrich Köhler, Vorstandschef von Saarstahl und Dillinger, drängt auf mehr Verlässlichkeit in der Politik.
Karl-Ulrich Köhler, Vorstandschef von Saarstahl und Dillinger, drängt auf mehr Verlässlichkeit in der Politik. Foto: Ruppenthal

Wie ernst das gemeint ist, ist daran zu erkennen, dass die Stahl-Holding-Saar mit Partnern eine Machbarkeitsstudie gestartet hat, um den Aufbau einer CO2-armen Eisenproduktion in Kanada oder in Dünkirchen zu prüfen. Lars Desgranges, erster Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen, befürchtet noch Schlimmeres: Sollte die Erzeugung flüssigen Eisens aus dem Saarland abwandern, würde auf längere Sicht im Ausland auch Weiterverarbeitung angesiedelt werden – wodurch weitere Jobs im Saarland in Gefahr wären.

Arbeitgeber, Betriebsräte und Gewerkschafter sehen daher die Politik in Berlin und Brüssel gefordert. Sie soll verlässliche Rahmenbedingungen für die Umstellung auf eine CO2-neutrale Stahlherstellung schaffen. Die nötigen gewaltigen Investitionen können die Unternehmen offenkundig nicht alleine stemmen. Ohne staatliche Hilfen in Milliardenhöhe ist die Umstellung von Koks auf Wasserstoff unmöglich. Saarstahl und Dillinger beziffern ihren Bedarf auf bis zu vier Milliarden Euro. Die IG Metall fordere für die deutsche Stahlindustrie einen staatlichen Transformationsfonds in Höhe von zehn Milliarden Euro bis 2030 und 30 Milliarden bis 2045, sagt Desgranges. Die zwei Milliarden Euro, die über ein europäisches Wasserstoff-Projekt-Förderprogramm für die Branche in Deutschland auf den Weg gebracht sind, wertet er nur „als Schrittchen in die richtige Richtung“. Weitere müssten folgen. Etwa die Unterstützung bei den Betriebskosten, wenn teurer Wasserstoff im Hochofen eingesetzt wird. Das Bundesumweltministerium signalisiert  genau an dem Punkt Widerstand.

Aufs Ganze gesehen fehlt es noch an allem, was für die Herstellung von „grünem“ Stahl gebraucht wird: Wasserstoff, Ökostrom und ein Absatzmarkt. Allein im Saarland sind laut Köhler mehrere hunderttausend Kubikmeter pro Stunde Wasserstoff nötig, um CO2-neutral zu produzieren. Bei den im Saarland geplanten Wasserstoffprojekten geht es nur um ein paar tausend Kubikmeter. Zudem fehlen riesige Mengen an grünem Strom. Köhler beziffert den Bedarf auf 8000 Gigawattstunden im Jahr, etwa so viel, wie das Saarland laut Landesregierung insgesamt pro Jahr verbraucht. Das nächste Problem: Der „grüne“ Stahl ist deutlich teurer als konventionell erzeugter. Ohne einen europäischen Subventions-Mechanismus wird ihn keiner kaufen. Es braucht einen Markt für den „grünen“ Stahl. In diesem Monat will die EU-Kommission einen Vorschlag machen, um das Problem anzugehen. Am Ende könnte immerhin ein weiterer Schritt stehen, der die Transformation der Stahlindustrie befördert.

Die Zeit drängt. 2045 muss die Umstellung geschafft sein, fünf Jahre früher als zuvor geplant. Dann soll Deutschland klimaneutral sein. So sieht es das im Mai beschlossene neue Klimaschutzgesetz vor. Auch dieses Vorverlegen stößt der Branche sauer auf. „Das ständige Nachschärfen von Zielen ist für eine industrielle Planung Gift“, sagt Köhler. Er pocht auf Verlässlichkeit der durch die Politik gesetzten Rahmenbedingungen. Das fordert auch Dillinger-Betriebsratschef Fischer. Nicht zuletzt deshalb dürfte er auf den Stahlgipfel gespannt sein.