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Wie können Rettiche aus Saarbrücken Firmen in Kenia helfen?

Start-up ICC GmbH : Wie ein Saarbrücker 3-D-Drucker Menschen in Ost-Afrika helfen soll

Die ICC GmbH in Saarbrücken baut auf recycelte Produkte aus 3-D-Druckern. Doch wie kann damit Firmen in Ostafrika geholfen werden?

Der 3-D-Drucker brummt ununterbrochen vor sich hin. Stetig verarbeitet die Maschine das weiße Ausgangsmaterial von der Rolle („Filament“) und am Ende ist ein weißer Rettich daraus geworden. Der Drucker arbeitet weiter und produziert viele kleine weiße Rettiche.

„Den stellen wir für den Lebensmittel-Rettermarkt Rettich im Nauwieser Viertel her“, sagt Christian Koch (37), Gründer der ICC GmbH (International Collaboration Company) in Saarbrücken. „Den Rettich verkaufen wir als Schlüsselanhänger für zehn Euro und unterstützen damit das Vorhaben von Christian“, berichtet Milena Erdmann vom „Rettich“ (ein Wortspiel aus „Rette und Ich“). Viele Kunden nehmen den Anhänger mit und leisten damit Unterstützung für soziales Unternehmertum für Afrika. Der Rettermarkt hat am vergangenen Freitag in Saarlouis in der Augustinerstrasse nahe dem Großen Markt seinen zweiten Laden im Saarland eröffnet.

Der weiße Rettich ist aus recyceltem Kunststoff (PLA, Polyactid Acid, Grundlage für Kunststoffe aus nachwachsenden und natürlichen Rohstoffen wie etwa aus Maisstärke) hergestellt und ein Beispiel aus dem Geschäftsmodell des im Oktober dieses Jahres von Christian Koch und Daniel Gluche (44) gegründeten Start-ups. Das Anliegen der Jungunternehmer: Herstellung und Vertrieb von Produkten aus recycelten Materialien. Aus dem Erlös wird nach Abzug der Betriebskosten Geld als Anschubfinanzierung in Projekte – zunächst – in Uganda und Kenia gesteckt. „Wir wollen mit den Menschen auf Augenhöhe Business-Lösungen entwickeln und Arbeitsplätze schaffen, damit diese sich eine eigene Existenz aufbauen können“, betont Christian Koch. Die Anschubfinanzierung ist kein Kredit, sondern eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ (Koch), an der man nichts verdiene. In der ugandischen Hauptstadt Kampala arbeitet Koch mit dem örtlichen Unternehmen „Clear Wall of Dreams LtD“ zusammen, das auf ähnliche Projekte im Bereich von Kunststoffrecycling spezialisiert ist. Der lokale Partner ist wichtig, um sich in Bürokratie und Vor-Ort-Bedingungen zurechtzufinden, meint Koch.

Das Konzept der beiden ICC-Gründer ist sehr herausfordernd. Das jahrzehntelang praktizierte Modell der Entwicklungshilfe, in dem Millionen und Millionen in die Entwicklungsländer gepumpt wurden, ist für Koch nicht der richtige Weg. Das schaffe nur Abhängigkeiten und zerstöre die lokale Wirtschaft. Immer mehr Menschen aus afrikanischen Ländern machen sich aufgrund der Perspektivlosigkeit nach Norden Richtung Europa auf, in der oft vergeblichen Hoffnung auf ein besseres Leben. „Die Menschen möchten ihre Heimat nicht verlassen, sie sehen aber keine andere Möglichkeit. Deshalb ist es neben einer guten Integration in Deutschland auch wichtig, Fluchtursachen `vor Ort‘ zu bekämpfen, alles andere funktioniert nicht“, meint Koch. Klar ist für ihn, „dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, aber wir müssen etwas tun. Deshalb setzen wir uns gezielt für Menschenrechte ein.“

Und dann kommt Alexander Petto aus Merchweiler, Inhaber der Saarpri.com, ins Spiel, einer der Pioniere für die Einführung des 3-D-Drucks bei kleinen und mittleren Unternehmen im Saarland. Er berät Koch beim Start und hatte die Idee, mit den 3-D-Druckern Produkte herzustellen, die ICC verkaufen kann. „Wir können mit den Druckern längst kostengünstig große Serien herstellen, es gibt mittlerweile jede Menge Vormaterial, eben die Filamente, aus recycelten Materialien“, sagt Petto. Denn wichtig sind für Koch Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Neben dem weißen Rettich als Schlüsselanhänger sind mittlerweile etliche andere Produkte im Angebot wie Schmuck oder Blumentöpfe. Für die konstruktive Umsetzung der Produktideen sorgt Sebastian Pfleger (37). Man denke beispielsweise in Ostafrika an die Errichtung von 3-D-Drucker-Farmen, mit denen dann Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch soweit ist es noch nicht.

Zunächst müssen die ICC-Gründer weitere Ideen für neue Produkte entwickeln und sie am Markt gewinnbringend verkaufen. Die Bandbreite der Zielgruppen ist groß – von Start-ups über Supermärkte bis zu großen etablierten Unternehmen, denen man etwa Produkte mit ihrem Firmenlogo verkaufen will oder Baumärkte als Abnehmer von Pflanzen- und Blumentöpfen: Kreativität ist also gefragt. Auch muss es nicht beim 3-D-Druck bleiben, Produkte können etwa auch aus Recycling-Material im Spritzguss hergestellt werden. „Wir sind ein Unternehmen mit sozialem Anspruch, aber wir müssen auch davon leben können“, sagt Koch.

Er stammt aus Schmelz-Limbach, studierte am Umweltcampus Birkenfeld der Hochschule Trier und arbeitete als selbstständiger Kommunal- und Unternehmensberater für erneuerbare Energien im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Auf vielen Reisen nach Ostafrika ist die Idee von ICC gereift. Noch arbeitet Koch hauptberuflich bei einem ähnlichen sozialen Unternehmen im Vertrieb, dem Saarbrücker „Blue Future Project“ (die SZ berichtete, 6. Januar 2020). Das lässt bei einem regionalen Mineralwasser-Abfüller im Hunsrück eine eigene Wassermarke abfüllen und finanziert mit den Gewinnen Trinkwasser-Versorgungsprojekte in Tansania und schafft damit Arbeitsplätze.