1. Saarland
  2. Saarbrücken

Corona im Saarland - Chefarzt: „Der jüngste beatmete Patient war 16“

Chefarzt über Corona am Klinikum Saarbrücken : „Der jüngste bei uns beatmete Covid-Patient war 16 Jahre alt“

In der Corona-Pandemie stehen die Intensivstationen der Krankenhäuser im Saarland im Brennpunkt. Doch die meisten Covid-Patienten landen auf einer Normalstation. Wie Professor Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, die vierte Welle dort erlebt.

Herr Professor Grandt, Sie behandeln am Klinikum Saarbrücken viele Covid-Patienten auf der Normalstation. Wie bekommen Sie die vierte Welle der Pandemie zu spüren?

KAI DANIEL GRANDT In den Medien sieht man Covid-Patienten immer auf der Intensivstation. Tatsächlich wurden aber drei von vier Covid-Patienten im Klinikum Saarbrücken auf der Normalstation und nicht auf der Intensivstation behandelt. Auf der Normalstation steigt die Anzahl wegen Covid stationär zu behandelnder Patienten wieder besonders an. Sie sind jetzt jünger und vielfach nicht geimpft. Wir müssen inzwischen zusätzliche Stationen für Covid-Patienten räumen, die wir eigentlich für Patienten brauchen, die wegen anderer Erkrankungen ins Krankenhaus müssen. Unter Corona leiden also nicht nur die mit dem Virus Infizierten.

Unter welchen Symptomen leiden die meisten Erkrankten, wenn Sie bei Ihnen ankommen?

 Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am Klinikum Saarbrücken.
Prof. Dr. Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am Klinikum Saarbrücken. Foto: Daniel Grandt

GRANDT Atemnot ist das typische Symptom. Stationär behandelt werden Patienten mit Covid-Pneumonie, also einer Lungenentzündung durch das Virus. Die Lunge kann dann nicht mehr genug Sauerstoff aufnehmen. Und der verminderte Sauerstoffgehalt im Blut – trotz Sauerstoffgabe über eine Nasensonde – macht den Patienten natürlich Angst. Angst zu ersticken, Angst vor der Notwendigkeit einer Beatmung sowie durch die Ungewissheit, ob man die Erkrankung überlebt.

Wie hat sich der typische Covid-Patient im Lauf der Pandemie verändert?

GRANDT Wir haben jetzt zwei Gruppen von Covid-Patienten. Die erste Gruppe haben wir seit Beginn der Pandemie: der klassische Covid-Patient, der wegen einer Covid-Infektion der Lunge zu uns kommt. Diese Patienten sind jetzt deutlich jünger, oftmals ungeimpft und gefährdet, einen schweren und vielleicht tödlichen Verlauf zu entwickeln. Die zweite Gruppe ist neu: Patienten, die wegen anderer schwerer Erkrankungen stationär behandelt werden, die zusätzlich eine Covid-Infektion haben. Corona ist hier nicht der Aufnahmegrund, und wenn diese Patienten geimpft sind, wird Covid auch in aller Regel nicht zum Problem.

Wie hoch ist der Anteil ungeimpfter Covid-Patienten auf Ihren Stationen?

GRANDT Die Patienten mit schwerer Covid-Pneumonie sind praktisch alle ungeimpft, oder die Impfung liegt sechs und mehr Monate zurück. Das zeigt, wie gut die Impfung schützt. Da die Impfung aber nicht sicher vor einer Infektion mit einem symptomfreien oder leichtem Verlauf schützt, haben wir natürlich auch geimpfte Patienten mit anderen Erkrankungen und Covid als „Begleitproblem“. Wenn man dies nicht unterscheidet, macht die Berechnung prozentualer Anteile keinen Sinn – es sei denn, man möchte die Wirksamkeit der Impfung verschleiern. Wer geimpft ist, kann sich zwar mit Sars-CoV-2 infizieren und auch andere anstecken, ist aber vor einer schweren Covid-Erkrankung gut geschützt. Und genau darum geht es bei der Impfung.

Wie gefährdet sind jüngere Menschen, an Covid-19 schwer zu erkranken?

GRANDT Schwere Verläufe sind häufiger bei älteren Patienten, aber diese statistische Aussage wird von jüngeren Menschen oft falsch verstanden. Jüngere Menschen, und da zählen sich manchmal sogar die fast 60-Jährigen dazu, meinen, ihnen könne Covid nichts anhaben. Das ist einfach falsch. Die jüngste bei uns an Covid verstorbene Patientin war 34 Jahre alt – und hatte keine schweren Vorerkrankungen, die das erklären würden. Der jüngste bei uns beatmete Covid-Patient war 16 Jahre alt. Es ist bei Covid wie bei Windpocken: Entweder man wird dagegen geimpft, oder man wird sich infizieren.

Wo sehen Sie die größten Fortschritte bei der Behandlung von Covid-Patienten im Krankenhaus?

GRANDT Seit Beginn der Pandemie wurden knapp 1400 Covid-Patienten stationär im Klinikum Saarbrücken behandelt. Wir verstehen heute viel besser die Erkrankung, ihre verschiedenen Stadien, die Komplikationen und die Risikofaktoren für einen schweren Verlauf. Aufgrund der großen klinischen Erfahrung können wir heute besser und frühzeitig Entscheidungen in der Behandlung treffen. Auch stehen uns Medikamente zur Verfügung, die wir zum Beginn der Pandemie noch nicht hatten.

Welche Medikamente stehen für die häufigsten Symptome von Covid-19 in der Klinik zur Verfügung?

GRANDT Die Erkrankung hat zwei Phasen. Die erste Phase ist durch die Vermehrung des Virus gekennzeichnet, die zweite Phase durch die massive Reaktion des Immunsystems auf die Infektion. In der ersten Phase – und nur da macht das Sinn – setzen wir Antikörper ein, um die Virusvermehrung zu verringern. In der zweiten Phase setzen wir Arzneimittel ein, die das Immunsystem hemmen. Keiner unserer ungeimpften Patienten stört sich übrigens zu diesem Zeitpunkt daran, dass Medikamente gentechnologisch hergestellt wurden und Nebenwirkungsrisiken haben, die die Nebenwirkungen der Impfungen deutlich übersteigen.

Welche Hoffnung setzen Sie in neue Medikamente für Covid-Patienten?

GRANDT Die Medikamente, die wir heute zur Behandlung von Covid einsetzen, können das Risiko schwerer Verläufe verringern, aber nicht sicher davor schützen. Trotz des Einsatzes dieser Medikamente versterben Patienten an Covid. Glücklicherweise haben wir ein Arzneimittel, das ziemlich sicher vor dem Tod durch Covid schützt, das ist die Impfung.

Wie helfen Sie Patienten, die einen langen Kampf auf der Intensivstation hinter sich haben?

GRANDT „Hinter sich haben“ vermittelt einen falschen Eindruck. Überleben nach Langzeitbeatmung bedeutet häufig, nicht schlucken, sich nicht bewegen und natürlich auch nicht laufen zu können. Für uns selbstverständliche Körperfunktionen müssen mühsam wieder erlernt und trainiert werden. Sie stehen nicht auf, schütteln sich einmal, und das Ganze ist vorbei. Von der psychischen Belastung ganz zu schweigen. Die Rehabilitation beginnt bei uns bereits auf der Intensivstation, wird auf der Normalstation fortgesetzt und ist bei Entlassung noch lange nicht abgeschlossen. Es ist ein langer und mühsamer Weg zurück ins Leben.

Was entgegnen Sie Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, weil sie das Risiko einer Corona-Impfung höher einschätzen als das einer Infektion?

GRANDT Der Mensch hat keine natürliche Begabung, mit Risiken, die er nicht aus eigener Erfahrung einschätzen kann, vernünftig umzugehen. Soziale Medien transportieren und potenzieren Ängste, helfen aber nicht, Impfungen zu verstehen. Wir haben keinen einzigen Patienten wegen Nebenwirkungen einer Impfung behandeln müssen. Es gibt kein Argument gegen eine Impfung, das einer sachlichen Prüfung standhält. Aber wer einmal gesehen hat, wie Patienten mit Covid-Pneumonie trotz Sauerstoff das Gefühl haben zu ersticken und an Covid versterben, versteht, dass es sehr gute Argumente für die Impfung gibt. Eines zum Beispiel ist, dass auch die überlebte Erkrankung im Gegensatz zur Impfung langfristige Schäden und Komplikationen nach sich ziehen kann.