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Corona-Kolumne von Dr. Jürgen Rissland: Weihnachtswünsche eines Virologen

SZ-Kolumne Corona-Visite : Was sich Saar-Virologe Rissland mit Blick auf Weihnachten wünscht – und worum er Impfskeptiker bittet

In der „Corona-Visite“ berichten Ärzte und Pflegepersonal regelmäßig vom Alltag in der Pandemie. In dieser Woche der Virologe Dr. Jürgen Rissland vom Universitätsklinikum des Saarlandes. Er formuliert seine Wünsche für das zweite Weihnachtsfest in der Corona-Pandemie.

Das zweite Weihnachtsfest seit Beginn der Corona-Pandemie steht vor der Tür. Unverändert belegen hohe Infektionszahlen, zahlreiche Krankenhausaufenthalte und eben auch Todesfälle, dass die Infektionswelle trotz beachtlicher Impfquoten leider noch nicht gebrochen ist. Vielmehr steht mit dem Auftauchen der Omikron-Variante eine neue Facette vor der Tür, und niemand kann wissen, was 2022 ansonsten an Überraschungen für uns auf Lager hat.

Die zunehmende Müdigkeit und den Unmut in unserer Gesellschaft angesichts dieses Dauerthemas kann ich nur zu gut verstehen und mich hier selbst nicht ausnehmen. Auch ich bin erschöpft und die Pandemie leid. Testpflicht, Maskenpflicht, Impfpflicht, Kontaktreduktion, Abstandhalten – ein normales Weihnachtsfest scheint da weit entfernt.

Hinzu kommen die Gegensätze in unserer Gesellschaft: hier viele Impfwillige, größtenteils grundimmunisiert und gerade im Saarland schon vorbildlich geboostert – dort die impfskeptischen oder gar -kritischen Personen, deren Proteste über das aus ihrer Sicht überzogene Handeln des Staates zunehmend lauter werden.

Nicht zuletzt hören wir frustrierte Botschaften der jüngeren Generationen. Kinder in Kitas erleben die Schrecken, die ein (bisweilen auch falsch) positiver Schnelltest auslöst. Schulkinder kennen keinen normalen Musik- und Sportunterricht mehr, ganz abgesehen von sonstigen Widrigkeiten im Schulalltag oder Freizeitbereich. Studienanfänger können in ihrer neuen Umgebung nur schwer soziale Kontakte knüpfen, wenn Präsenzveranstaltungen an der Universität nach den ersten Wochen wieder abgesagt werden müssen. Manchen Medizinstudierenden fehlt in ihrem klinischen Studienabschnitt sogar seit fast vier Semestern der praktische Patientenkontakt – ein schwieriger Start für die kommende Generation von Ärztinnen und Ärzten. Was kann man dem Nachwuchs unserer Gesellschaft für das kommende Weihnachtsfest und Jahr sagen?

Man muss ihnen und uns allen zunächst reinen Wein einschenken: Die Pandemie wird nicht spontan verschwinden. Alles Bitten und Betteln ist leider nutzlos. Sie wird sich aber aller Voraussicht nach Zug um Zug abschwächen. Gleichwohl wird es weiterhin ein Weg mit Irrungen und Wirrungen bleiben, und eine seriöse Prognose über die genaue Länge dieses Weges kann keiner geben.

Aber etwas ist entscheidend: Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt. Wir sind keine Statisten, die passiv das Geschehen erdulden und dazu auch noch gute Miene zu dem teilweise bitterernsten Spiel machen müssen. Wir sind aktive Mitgestalter, die in eigener Entscheidung und Selbstverantwortung Einfluss auf die weitere Entwicklung der Pandemie wie auch unserer Gesellschaft nehmen können. Und dazu gehört für mich die Solidarität, diejenigen, die auf dem Weg an Kraft verlieren, zu unterstützen, Verständnis für ihre Hilfsbedürftigkeit zu haben und sie an die Hand zu nehmen, um gemeinsam das Ziel zu erreichen.

Wem das zu abstrakt oder gar zu theologisch ist, helfen vielleicht die Weihnachts-Wünsche eines Virologen. Ich wünsche mir mehr Rücksichtnahme auf andere durch das Bleiben auf Abstand oder durch das Tragen von Atemmasken, wo das Abstandhalten nicht funktioniert. Ich wünsche mir die eigene Überlegung, welche Kontakte – auch zu Weihnachten, zu Silvester und im Neuen Jahr – wirklich nötig sind. Ich wünsche mir die Bereitschaft, die Empfehlungen von Fachgremien und Expertengruppen zu akzeptieren und zu beachten. Und ich wünsche mir den Mut, dass die Impfskeptischen ihre Fragen stellen, die Offenheit, sie ihnen zu beantworten und allen Beteiligten die Kraft, mit der Situation vernünftig umzugehen.

Das Weihnachtsfest ist seit 2000 Jahren ein wiederkehrendes Ereignis mit einer klaren Botschaft: Die Geburt Jesu bietet (auch im Judentum und im Islam) Anlass zur Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Jahr, weniger Pandemie und mehr Normalität. Hoffnung, die durch aktives Mitgestalten Früchte tragen wird – für jeden von uns und generationsübergreifend.