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Corona-Visite: Wir brauchen fürs Saarland die Bazooka in der Pandemie

SZ-Kolumne Corona-Visite : Wir brauchen fürs Saarland jetzt die Bazooka in der Corona-Pandemie

In der „Corona-Visite“ berichten Ärzte und Pflegepersonal regelmäßig vom Alltag in der Pandemie. In den Sommermonaten haben wir pausiert. Jetzt kommt die Kolumne zurück – mit einem eindringlichen Text von Chefarzt und Intensivmediziner Konrad Schwarzkopf vom Klinikum Saarbrücken.

„Hit hard and early“ („Schlage hart und früh“) ist der wichtigste Grundsatz in der Intensivmedizin. Gemeint ist, dass wir Infektionserreger so früh wie möglich mit allen verfügbaren Mitteln so aggressiv wie möglich bekämpfen, um den Schaden für den erkrankten Patienten möglichst gering zu halten.

„Leben und leben lassen“ war allerdings das Motto außerhalb des Krankenhauses im deutschen Sommer 2021. Nicht darin enthaltene Verhaltensweisen: Aus Fehlern der ersten drei Wellen lernen, Impfkampagnen konsequent und gegen Widerstände durchziehen, Wellenbrecher-Lockdowns beispielsweise für die Herbstferien vorbereiten, um sicher in die Vorweihnachtszeit zu gehen. Im Superwahljahr 2021 hat sich das keiner getraut, stattdessen gab es völlig ohne Not Wahlparolen wie „keine Impfpflicht“ und „kein Lockdown“. Freedom-Day statt RKI.

Blöd nur: Dem Virus ist Politik einfach egal. Dieser Herbst hat uns gelehrt, dass Naturgesetze aber nun mal über menschengemachten Regeln stehen. Eine weitere verrückte Idee: Auf Experten hören, auch wenn deren Prognosen nicht schön sind. Wenn das alle mitmachen würden, wären wir ein Stück weiter auf dem Weg Richtung „Bildungsrepublik Deutschland“.

Dies ist aber leider zu viel Konjunktiv. Das Virus kennt nur den Indikativ: Das Virus „würde“ nicht, es wird, wenn wir nichts tun. Welche Optionen also haben wir, um die nächsten Wochen zu überstehen?

1. Eine höhere Impfquote: Eine allgemeine Impfpflicht darf keinesfalls ausgeschlossen werden. Für die vierte Welle nützt das nichts mehr, es hilft aber dabei, eine fünfte Welle zu vermeiden.

2. Auffrischungen: Nach dem Boostern sind Menschen binnen einer guten Woche extrem gut vor einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt. (Ja, auch ein „geboosterter Mensch“ kann infektiös sein, nur für wenige Tage und weniger ausgeprägt.) Wer heute geboostert wird, wird an Weihnachten kein Intensivbett wegen Corona belegen. Das hilft uns jetzt, das hilft uns in der vierten Welle. Jede Ampulle zählt.

3. Kontakte beschränken: Nicht nur auf dem Papier und theoretisch, sondern praktisch und überprüfbar. Impfausweise und Tests sind nicht fälschungssicher, manche Spezialisten denken, das sei der Weg heraus. Ist es nicht. Daher: konsequente Kontaktreduktion für alle. Keine Regeln, die nicht durchsetzbar sind, sondern Regeln, die alle verstehen: Bleib zu Hause. Gehe nicht ins Stadion, gehe nicht über den Weihnachtsmarkt. Nur niedrige Ansteckungsraten ab sofort lassen uns die vierte Welle ohne Katastrophe überstehen.  

Werden wir es schaffen, das Schlimmste zu vermeiden? Ich bin optimistisch! Warum?

Uns stehen immer noch im Vergleich zu (fast allen) anderen Ländern der Welt viel mehr betreibbare Intensivbetten mit exzellenter Ausstattung zur Verfügung (bezogen auf die Bevölkerungszahl), auch wenn viele Intensivpflegekräfte in den vergangenen 18 Monaten den Beruf verlassen haben.

Es kommen inzwischen fast monatlich neue Medikamente zur Behandlung einer Corona-Infektion bei uns an. Von Patienten mit schwersten Verläufen sterben nicht mehr 95 Prozent, sondern inzwischen 40 bis 50 Prozent. Das ist medizinischer Fortschritt im Zeitraffer!

Die mRNA-Impfstoffe haben die Erwartungen übererfüllt. Sie sind inzwischen milliardenfach eingesetzt, wir kennen die Nebenwirkungen und wissen, dass sie extrem sicher sind und dass sie zeitnah auch an massive Mutationen angepasst werden können.

Wir Ärzte fokussieren uns wieder auf unser Berufsethos, dank der Erfahrung der gegenseitigen Hilfe, ob national im Kleeblatt oder international grenzüberschreitend, zum Beispiel mit Frankreich. Dieses Zurück zum Kern unserer Tätigkeit tut uns gut, es bedeutet nämlich: bedingungslose grenzenlose Hilfe für alle Menschen. Im Übrigen selbstverständlich auch für Ungeimpfte.

Und: Ich weiß, wenn es darauf ankommt – also genau heute –, wird in unserem Intensivteam keiner aufgeben, keine Pflegekraft, keine Stationshilfe, keine Reinigungskraft, keine Physiotherapeutin, keine Sekretärin, kein Notfallsanitäter, kein Medizingerätetechniker, keine Ärztin, kein Arzt. Kapitulation ist keine Option, für niemanden im Team.

Ich wünsche mir vom Christkind, dass sich die Menschen außerhalb des Krankenhauses nach Corona daran erinnern werden, was im Krankenhaus in dieser Zeit der Krise geleistet wurde. Nach Corona müssen die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus in Ordnung gebracht werden – am besten mit der viel zitierten Bazooka unseres neuen Bundeskanzlers: Whatever it takes…. (was auch immer es braucht).

Alle Teile der Kolumne Corona-Visite finden Sie hier.

PD Dr. Konrad Schwarzkopf (54) ist stellvertretender Ärztlicher Direktor des Klinikums Saarbrücken und Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin.