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Bahnhof Friedrichsthal: Umsteige-Chaos wegen SEV – was die Stadt dazu sagt

Zumutung für Bahnreisende : Umsteigechaos in Friedrichsthal sorgt für Frust – Stadt äußert sich

Seit Mitte Juli ist auf der Sulzbachtalstrecke ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Das Umsteigen in Friedrichsthal wird vor allem für körperlich beeinträchtigte Menschen zur Tortur.

Absolut ungeeignet für Behinderte, ältere Leute oder Personen mit Kinderwagen“, stellte Jennifer Pratt in einem Leserbrief an unsere Redaktion fest – und meinte damit die Situation am alten Friedrichsthaler Bahnhof. Dort hat die vlexx GmbH, ein Eisenbahnunternehmer, Mitte Juli einen Umsteigebahnhof für den Schienenersatzverkehr eingerichtet, der wegen der Bauarbeiten am Bildstocker Eisenbahntunnel notwendig geworden war. Das Problem: „Um den Bahnsteig in Friedrichsthal zu erreichen, müssen die Bahnreisenden zunächst einen steilen Berg und danach viele Treppen bewältigen“, erklärt Jennifer Pratt weiter. Um es präzise zu sagen: Es sind 75 Stufen und der „steile Berg“ hat geschätzt eine Steigung von 15 Prozent aufzuweisen und dürfte gut 150 Meter betragen. Für alpine Sportler kein Ding, für den Normalbürger zumindest anstrengend, für körperlich beeinträchtigte Personen unmöglich.

Wir haben den Test gemacht. Hierbei mussten wir feststellen, dass die vlexx GmbH die Reisenden in der Bahn über den Schienenersatzverkehr nicht aufklärt. Was der geschätzte Kunde bei Ankunft in Friedrichsthal zu tun hat, um irgendwie weiterzukommen, bleibt daher offen. Eine Lautsprecherdurchsage? Nein. Hinweisschilder? Fehlanzeige. Unser Fazit: Bei der derzeitigen Umsteigesituation werden einige vlexx-Kunden von der Teilnahme am öffentlichen Personenverkehr tatsächlich ausgeschlossen.

 Diesen Berg müssen die Kunden des Schienenersatzverkehrs erklimmen, wollen sie am Bahnhof in Friedrichsthal wieder in den Zug einsteigen.
Diesen Berg müssen die Kunden des Schienenersatzverkehrs erklimmen, wollen sie am Bahnhof in Friedrichsthal wieder in den Zug einsteigen. Foto: Dieter Steinmann

Deutsche Bahn und die Stadt äußern sich

Die Deutsche Bahn hat mit dem Ersatzverkehr zwar nichts zu tun, sie ist aber durchaus für die nicht-barrierefreie Situation am Bahnsteig verantwortlich, der gehört ihr. Auf unsere Anfragen zu den Bahnsteigen auf der Strecke, erhalten wir von der Bahn zur Antwort, dass „grundsätzlich bei umfassenden Modernisierungen von Bahnhöfen diese barrierefrei ausgestattet (werden), wenn mehr als 1000 Reisende diese Station täglich nutzen.“ Das ist in Friedrichsthal nicht der Fall.

Die Bahnreisenden dürfen also weiterhin an den meisten Bahnhöfen im Saarland schiefe und steile Treppenauf- und Abgänge erklimmen. Oder eben zuhause bleiben. Aber weiter in Sachen Schienenersatzverkehr und mit der speziellen Situation in Friedrichsthal. Und zur Frage, was die Stadt selbst tun könnte, um den Reisenden die Weiterfahrt zu erleichtern oder überhaupt zu ermöglichen. Die Antwort auf unsere Anfrage fällt ebenso einfach wie bitter aus: „Nichts können wir tun“, erklärt uns Vanessa Bock von der Pressestelle der Stadt. „Wie und wo der Ersatzverkehr eingerichtet wird, das bestimmt alleine die Bahn. Lediglich dann, wenn der Verkehr in der Stadt betroffen ist oder wenn es um Baumaßnahmen in der Nacht in Verbindung mit Baulärm geht, können wir Einfluss nehmen.“

Stellen wir also Fragen an die vlexx GmbH. Zum Beispiel diese: „Warum hat die vlexx GmbH den Schienenersatzverkehr nicht bis zur übernächsten Station Sulzbach Hauptbahnhof verlängert? Dort gibt es erstens einen Fahrstuhl zum Bahnsteig, zweitens eine Bushaltestelle direkt vor dem Bahnhofsgebäude.“ Perfekt also für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, Menschen im Rollstuhl, mit einem Rollator oder auch mit Kinderwagen. Das Unternehmen habe „in enger Zusammenarbeit mit dem Zweckverband Personenverkehr Saarland (ZPS) die Situation vor Ort geprüft“, heißt es in einer Antwortmail der vlexx GmbH. Und weiter: Man habe „sich dazu entschieden, den Zugverkehr so weit wie möglich aufrechtzuerhalten, um unnötige Umstiege auf den Ersatzverkehr (also auf Busse, Anm. der Red.) und Fahrtzeiterhöhungen zu vermeiden.“ Außerdem sei der Aufzug zurzeit defekt, ebenso wie auch die Ansageapparatur in den Zügen.

Wir stehen inzwischen bei unserem Selbsttest erstaunt und schnaufend auf der obersten Stufe der Brücke, schauen über den Bahnsteig in Friedrichsthal, vor uns die Ruine des alten Bahnhofs. Viele Fragen bleiben offen. Vor allem die Frage, wie es nun die Menschen mit Beeinträchtigungen in Friedrichsthal jemals in einen Zug der vlexx GmbH schaffen können. Im Moment jedenfalls gar nicht.

Wir nehmen die aktuelle Situation zum Anlass, um zukünftig einen besseren Kompromiss speziell für ältere Menschen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu finden“, schreibt die Vlexx GmbH. Wir werden wieder nachfragen.