1. Saarland
  2. Saarbrücken

Klima: Saarland steht schlecht da – Wie Politik die Energiewende behindert

Serie Was schadet unserem Klima? : Wie Strom die Erde zum Treibhaus macht

Unser Planet heizt sich auf. Schuld daran: der Mensch. Doch wo entstehen Treibhausgase und wie können sie reduziert werden? Diesen Fragen geht die SZ in einer neuen Serie nach. Teil 6: Energie.

Bereits im zwölften Jahrhundert soll sich an genau dieser Stelle eine Kirche befunden haben. 120 Jahre alt war der moderne Bau, der zudem seit 1985 unter Denkmalschutz stand. Am Ende nützte das dem Gotteshaus aber nichts: Die katholische Pfarrkirche St. Lambertus, im Volksmund wegen ihrer zwei Türme auch als „Immerather Dom“ bekannt, ist seit 2018 Geschichte. Genau wie der Ort, in dem sie stand: Immerath, ein Ortsteil der Stadt Erkelenz in Nordrhein-Westfalen, wurde mitsamt seiner Kirche weggebaggert – vom Energiekonzern RWE, um Platz für den Braunkohle-Tagebau zu schaffen.

<aside class="park-embed-html"> <iframe width="640" height="360" src="https://www.youtube.com/embed/7WPG-2X2gBg?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe> </aside>
Dieses Element enthält Daten von YouTube. Sie können die Einbettung solcher Inhalte auf unserer Datenschutzseite blockieren

Weitere Dörfer sollen in den nächsten Jahren folgen, obwohl die verbliebenen Anwohner dagegen protestieren. Unterstützung erhalten sie dabei von Klimaschützern, die scharfe Kritik am Vorgehen von RWE und der Landesregierung üben. 900 Millionen Tonnen soll der Energiekonzern nach dem Willen von Landesvater Armin Laschet (CDU) dort noch fördern – maximal 235 Millionen Tonnen dürften es noch sein, wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will.

Diese sind vor allem im Bereich Energie ehrgeizig. Kein anderer Sektor war 2020 für so viele Treibhausgas-Emissionen verantwortlich: 221 von insgesamt 739 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente gingen darauf zurück. Zwar gibt es auch gute Neuigkeiten: So hat sich dieser Wert seit 1990 mehr als halbiert (von ehemals 466 Millionen Tonnen im Jahr). Doch müssen diese Emissionen spätestens 2045 auf Null gesunken sein. Für dieses Jahr hat sich Deutschland das Ziel „Klimaneutralität“ auf die Fahnen geschrieben – Stromerzeugung durch fossile Brennstoffe ist dann nicht mehr möglich.

Alternativen wie Wind und Solar existieren bereits seit Jahren. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der deutschen Stromerzeugung ist laut Bundeswirtschaftsministerium kräftig gestiegen: von sechs Prozent im Jahr 2000 auf zuletzt 46 Prozent 2020. Doch trotz dieser positiven Entwicklung seit Beginn des neuen Jahrtausends kommt die Energiewende seit Jahren nicht mehr voran – besonders im Saarland, wo der Ausbau der erneuerbaren Energien nach einem kurzen Hoch wieder eingebrochen ist. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht das Saarland bei dem Thema deshalb unter allen Flächenländern weit abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Dabei steht die Mehrheit der Deutschen hinter der Energiewende: Bei der repräsentativen „Akzeptanzumfrage“, welche die Agentur für erneuerbare Energien (AEE) seit zehn Jahren jährlich durchführt, bewerten regelmäßig bis zu 90 Prozent der Befragten das Thema als wichtig (fast zwei Drittel sogar als „sehr“ oder „außerordentlich wichtig“). Doch scheint die Zustimmung rapide nachzulassen, sobald ein Kraftwerk in Sichtweite geplant ist. Als Gründe werden kurioserweise mögliche Schäden für Umwelt, Mensch und Tier angeführt. Dabei sind viele dieser Argumente inzwischen hinfällig. So wurden beispielsweise einer Studie, die im Jahr 2005 eine hohe Infraschall-Belastung durch Windräder unterstellte, in diesem Frühjahr eklatante Mängel nachgewiesen. Ein Rechenfehler gab die Belastung fälschlicherweise um ein Tausendfaches höher an. Auch das Argument des massenhaften Vogelsterbens durch Windräder ist nicht haltbar: Etwa 100 000 Tieren, die im Jahr in Deutschland durch Windräder zu Tode kommen (wobei diese Zahl inzwischen in Zweifel gezogen wird), stehen bis zu 18 Millionen gegenüber, die durch „Vogelschlag“ an Fenstern sterben.

Ob hinter den angeblichen Bürger­initiativen tatsächlich auch immer besorgte Anwohner stecken, ist zudem keineswegs sicher. Laut aktuellen Recherchen von Greenpeace und dem Magazin Spiegel entpuppen sich viele Bürger-Proteste bei näherer Betrachtung als Mogelpackung: Statt Anwohnern ziehen im Hintergrund Lobbyisten der Industrie die Fäden – in einem Fall reichen die Verbindungen sogar bis ins Bundeswirtschaftsministerium.

Da verwundert es wenig, dass viele politische Entscheidungen der vergangenen Jahre die Energiewende aktiv behindern. So sorgte die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Ende 2020 für massive Kritik. Bürger, welche die Energiewende durch die Installation einer Photovoltaik-Anlage unterstützen wollen, wird dieser Schritt unnötig erschwert: Für selbsterzeugten Strom ist Umsatzsteuer fällig – unabhängig davon, ob er ins Netz eingespeist oder selbst genutzt wird. Zuletzt sorgte auch NRW wieder für negative Schlagzeilen, weil die im Mai beschlossene Mindestabstandregel von 1000 Metern zwischen Windrädern und Wohnsiedlungen faktisch einem Todestoß für die Branche gleichkommt.

Ein möglicher Grund für solche Entscheidungen war kürzlich im sächsischen Landtag zu hören: „Jedes zusätzliche Windrad schwächt die Situation der Braunkohle“, sagte Georg-Ludwig von Breitenbuch (CDU) dort am 21. Juli. Nicht nur er fürchtet um die Arbeitsplätze, die an dem fossilen Brennstoff hängen: Knapp 20 000 waren es noch im Jahr 2020. Dem gegenüber stehen allerdings bedrohte Arbeitsplätze bei den Erneuerbaren: 40 000 sind allein in der Windkraft-Branche bereits verloren oder stehen auf der Kippe. Im Bereich Solar sollen seit dem Jahr 2010 sogar rund 100 000 Stellen vernichtet worden sein.

Lesen Sie auch: In Saarbrücken soll die Energiewende Fahrt aufnehmen