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Ruth Rousselange macht sich Gedanken über das Gefühlsleben von Steinen

Kolumne So kann’s gehen : Fröhliche Steine auf Rädern

Steine sind nicht nur schnödes Baumaterial. Ein Blick auf Laster-Ladeflächen und in die Literaturgeschichte beweist es.

Wie oft es vorkommt, dass vor Ihnen fröhliche Steine fahren, weiß ich nicht, aber sowas gibt’s. Neulich in der Stadt sind welche vor mir rumgekurvt. Die hintere Klappe eines Lkw zeigte viele Steine mit aufgemalten Lachmündern, drunter stand: „Wir transportieren fröhliche Steine.“ Hatte ich mir gedacht, auch ein Stein will glücklich und zufrieden sein. Bisher ist mir nur noch keiner untergekommen, der das so augenscheinlich von sich behauptete. Andererseits versichert diese Firma womöglich nur, ihre Steine seien fröhlich. Und öffnet man die Lkw-Klappe, gucken einem mürrische Steine entgegen. Manch einer heult wohl gar zum Steinerweichen. Denke ich über den Emotionshaushalt von Gestein nach, fallen mir nur Geschichten ein, in denen die Steinrolle eine tragische ist: „Der steinerne Gast“ von Puschkin, da geht’s um Liebe, Leidenschaft, Mord und die Rückkehr des einst Gemeuchelten als rächende Steinstatue. „Das kalte Herz“ von Hauff, da lässt sich der arme Köhler Peter Munk vom Holländer Michel anstelle seines fühlenden Herzens eines aus Stein einsetzen. Und wird drauf boshaft, arrogant und reich. Peter braucht eine verstoßene Mutter, eine ermordete Ehefrau und das Glasmännlein, bevor er merkt, dass es sich mit dem Steinding in der Brust nicht so genehm lebt. „Die Steinflut“ von Franz Hohler, da wird ein Schweizer Dorf von einer Steinlawine verschüttet. Eine lesenswerte Novelle, aber froh haben diese Steine wohl keinen gemacht. Und waren bestimmt nicht vergnügt. Mir fällt doch noch was ein: Das Bilderbuch „Steinalt“ (cbj 2021) von Deb Pilutti, da erzählt ein offenbar frohgemuter Stein von seinen gar nicht langweiligen Zeitaltern. Geht doch. Und sollten Ihnen mal ein paar echt glückliche Steine über den Weg hüpfen, lassen Sie es mich bitte wissen!