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Krav Maga-Probetraining in Akademie für Selbstverteidigung Saarbrücken

Serie Abenteuer in der Region : Kleine Griffe mit großer Wirkung

Krav Maga gilt als eine der effektivsten Kampfsportarten. Unsere Autorin hat es ausprobiert – und hatte viel Spaß dabei.

Ein bisschen versteckt, in einem kleinen Durchgang zur Berliner Promenade in Saarbrücken, betreibt Werner Gück seit 2005 seine Akademie für Selbstverteidigung. Heute darf ich mit dem 72-Jährigen einen Krav Maga-Kurs machen. Disziplin spüre ich schon beim Hereinkommen in den Trainingsraum. Überall am Rand stehen mannshohe Boxsäcke, große rechteckige Boxpolster und Boxdummies in menschlicher Form.

Umso überraschender ist es für mich, dass das Training mit Musik im Hintergrund startet. Das macht die Konditionsübungen am Anfang, verschiedene Arten von Laufen, mit Kniebeugen und Sprüngen zwischendurch, umso angenehmer. In Zweiergruppen wird Kraft und Körperspannung geübt, indem wir uns Rücken an Rücken versuchen wegzuschieben und immer ein Partner den anderen an der Hüfte festhält, während dieser versucht, sich vorwärtszubewegen. Nach 15 Minuten bin ich und die rund zehn anderen Teilnehmer klatschnass geschwitzt. Wir dürfen uns kurz abtrocknen, sagt der Trainer, dann geht’s schon weiter.

Zusammen mit meiner Trainingspartnerin, die heute außer mir die einzige Frau ist, darf ich nun erste Verteidigungsbewegungen am Sandsack üben. Dieser ist gut einen Kopf größer als ich. Und wird nun mit den ersten drei Griffen, die Trainer Gück vormacht, von mir fertiggemacht. Zunächst hebe ich die Arme abwehrend, sage laut „Stopp“, denn an erster Stelle steht im Krav Maga die Deeskalation. Es geht um die reine Verteidigung, wenn der Gegner sich nicht beruhigen lässt. Ein quasi „pazifistischer“ Kampfsport. Kommt der Gegner näher, strecke ich die angespannten Arme aus, um ihn auf Abstand zu halten. Wenn auch das nicht wirkt und er mich angreifen möchte, blocke ich mit links seinen Arm weg, rutsche nach vorn, drücke mit links nun gegen seinen Hals. Jetzt hab ich ihn in Schach, ein schneller Schlag mit der rechten flachen Hand gegen den Kopf, dann mit links noch einer. Die Handgriffe laufen bei Gück so schnell ab, dass ich mich sehr konzentrieren muss, sie nachzumachen.

Dennoch sind die Techniken an sich recht simpel und schnell zu lernen, auch für Kampfsport-Unerfahrene. „Natürliche und instinktive Reaktionen werden sinnvoll eingebunden“, sagt Gück, „es geht nicht darum zu kämpfen, sondern darum, sich zu verteidigen. Gefahrensituationen zu erkennen, die richtige Taktik im richtigen Moment anwenden zu können. Dabei vor allem geschickt zu sein, möglichst wenig Kraft aufwenden zu müssen und mit zunächst harmlos wirkenden kurzen Griffen den Gegner zu stoppen. So möglichst erst gar keinen Kampf zustande kommen zu lassen.“

Eindrucksvoll zeigt Gück, wie er sich mit einer kleinen Drehung der Handgelenke aus einem beidseitigen Griff befreit. Eine andere Möglichkeit, wenn man von jemandem an beiden Handgelenken gepackt wird, ist, mit rechts an das linke Handgelenk, den Griff des Angreifers zu packen. Dabei mit dem Ellenbogen Druck auf den Arm des Gegners auszuüben und nun dessen Hand so zu verdrehen, dass dieser nur noch auf den Boden sinken kann vor Schmerz. Bei mir gehen diese Griffabfolgen zwar noch nicht so schnell, aber mein Trainingspartner liegt mehrfach auf dem Boden.

Und das, obwohl er, was die physische Kraft angeht, klar überlegen ist. Ich genieße es, reihenweise Trainingspartner „plattzumachen“. Und verstehe auch gleich, was Gück damit meint, dass es auch wichtig sei, sich stark zu fühlen, sich darauf verlassen zu können, zu wissen, wann ich am besten wohin treffe. Gerade für Frauen sind die einfachsten Ziele: die Augen (mit den Fingern), der Hals, die Ohren und der Genitalbereich. Dafür tragen die Krav Maga Schüler einen Genitalschutz, so kann ich ungehemmt Kniestöße und Schläge üben.

Im Vergleich zu anderen Sportarten ist Krav Maga sehr nah am Trainingspartner, also eine Kontaktkampfsportart. Die Ursprünge des Krav Maga sollen auf den 1910 in Budapest geborenen Imrich Lichtenfeld zurückgehen, der als Boxer und Ringer erfolgreich war, erzählt Gück. Er hatte von seinem Vater, einem Polizisten, Jiu-Jitsu-Techniken gelernt. In den 1930er Jahren lehrte Lichtenfeld zum ersten Mal seine Kampfmethode, um Juden gegen antisemitische Übergriffe zu unterstützen. Nach Stationen bei den zionistischen Untergrund­organisationen wurde Lichtenfeld ab 1948 Nahkampfausbilder bei der israelischen Armee.

Beeindruckend ist auch Gücks Lebenslauf. In den 1970er-Jahren trainierte er das Saarbrücker SEK, hat den 7. Dan in Karate und im Kickboxen. Eine der höchsten Stufen, die man erreichen kann. Zum Vergleich: der 1. Dan belegt den Meisterstatus im Kampfsport, dann trägt man den schwarzen Gürtel. Schon dazu braucht man jahrelanges intensives Training. „Krav Maga hat sich aus sämtlichen Kampfsportarten die besten Sachen rausgesucht“, meint Gück. Es vereint Techniken aus Jiu Jitsu, Aikido, Kung Fu und Karate. Ihm gefällt vor allem die Realitätsnähe. „Das sind alles Techniken, die man sofort auf der Straße anwenden kann, ohne eine bestimmte physische Kraft oder Kondition zu haben“, sagt er und empfiehlt Krav Maga gerade auch Frauen.

Ich lerne hier zwar keine ästhetischen Bewegungen oder Kampfchoreografien, wie zum Beispiel im Taekwon-Do. Dafür aber ganz einfach kurze Griffe, Tritte und Schläge, mit denen ich mich aus diversen Angriffen befreien kann. So zum Beispiel aus einem Griff von hinten um den Bauch, aus einem Griff von vorne um die Schulter, oder wenn mich jemand an den Armen festhalten will. Zum Schluss geht’s nach anderthalb Stunden Verteidigung nochmal zur Sache: Liegestütze, auch mal einarmig, und ein Trainingsende, das ich besonders genieße: Jeder darf sich ein großes Boxpolster nehmen und die letzten Kräfte beim Boxen rausschlagen. Perfekt auch, um Aggressionen abzubauen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder vom Probetraining im Krav Maga