1. Saarland
  2. Saarbrücken

Saarbrücken-Altenkessel fühlt sich von Wildschweinen umzingelt

Anwohner schlagen Alarm : Altenkessel fühlt sich von Wildschweinen umzingelt

Die Tiere kommen zuhauf in die Gärten in Altenkessel spaziert, wühlen alles durcheinander und lassen sich nicht verjagen. Die Landeshauptstadt Saarbrücken sagt, man kenne das Problem, aber beheben könnten es nur die Anwohner selbst mit Zäunen. Das allerdings kostet Unsummen.

Im Gartengrundstück von Annerose Wild kommt man sich vor wie im Wildpark. Ein Zaun trennt Mensch und Tier, das Problem ist nur, dass die Menschen gerne auf ihrer Seite bleiben, während die Tiere nach Belieben zu wechseln scheinen. Es geht um Wildschweine. Die 73-jährige Altenkesselerin hat seit 43 Jahren ihre Parzelle im Alsbachtal – einst erworben vom Bergbaukonzern RAG zur Pferdehaltung, heute eine Oase mit Teich, Blockhütte und einer großen Wiese.

Allerdings sieht die Wiese in Teilen wie umgepflügt aus, dann arbeitet die ältere Dame mit Hacke und Schaufel, um es wieder geradezuziehen, kommt aber kaum noch nach. „Morgens habe ich immer Sorge. Wenn ich zurück zum Garten gehe bin ich gespannt, was wieder kaputt ist. Es wird immer mehr. Das Viehzeug hat sich verändert“, sagt die alteingesessene Altenkesselerin, die in früheren Jahren diese Probleme nicht kannte.

Heute lebten die Wildschweine eben nicht mehr im Wald, sondern in den Brombeerhecken des Alsbachtals. „Da liegt die Bache nur drei Schritte hinter meinem Zaun mit sechs Frischlingen und stört sich nicht mal daran, wenn ich zum Zaun komme. Wenn ich in die Hände klatsche, dann steht sie auf und trottet drei Meter weiter. Das war es dann aber auch“, beschreibt Wild ihr Wildpark-Erlebnis am Gartenzaun. Die Schweine hätten keinerlei Scheu, schwimmen im Teich, finden ständig neue Löcher im Zaun, die sie meist selbst gemacht haben, trotten selbst mittags um 12 Uhr durch den Garten und seien nicht zu erschrecken. In der Wiese graben sie nach Futter.

 Annerose Wild aus Altenkessel hat ihren Gartenzaun mit allerhand Materialien zusätzlich gegen die Wildschweine abgesichert.
Annerose Wild aus Altenkessel hat ihren Gartenzaun mit allerhand Materialien zusätzlich gegen die Wildschweine abgesichert. Foto: BeckerBredel

„Ich habe das ganze Grundstück eingezäunt, den Zaun verstärkt und eingegraben. Nachbarn haben mir geholfen. Aber manchmal denke ich, die Schweine können fliegen“, sagt die Gartenbesitzerin. Ein Förster habe ihr gesagt, die Schweine könnten ziemlich hoch springen. Und sie grübelt, ob ihr Zaun hoch genug ist. Aber sie kann es sich nicht vorstellen, wie eine ausgewachsene Wildsau den brusthohen Zaun überspringen soll. Auch andere Nachbarn sind genervt.

Helmut Kohler von der Bürgerinitiative für ein sauberes und sicheres Altenkessel sagt sogar, der Ort sei von Wildschweinen umzingelt. Rund um den Ort beobachte man dasselbe. Die Schweine seien in Gärten und Wiesen regelrecht zuhause. Man habe das Grünamt informiert, Fotos an die Stadt geschickt, bitte um Lösungen. Petra Ostermann aus der Alleestraße traut sich in der Dämmerung nicht mehr hinter das Haus. „Es sind Rotten mit bis zu 14 Tieren unterwegs und die kommen bis zum Haus. Ich verzichte auf das Kompostieren und habe mir ein Angebot für einen Zaun machen lassen, aber wenn der wildschweinsicher sein soll, ist der richtig teuer. Das erste Angebot lag bei 7000 Euro. Jetzt machen wir es selbst, aber das kostet immer noch 3500 Euro.“ Die Gärten seien nicht mehr sicher.

Mehrere Hundehalter erzählen, dass auch sie Angst vor den Schweinen hätten, denn die Hunde dürften den Rotten nicht begegnen. „Wildschweine töten einen Hund mühelos“, erzählt Anwohner Christof Schacht. Daher könne man auch nicht empfehlen, ihn als Wachhund im Garten einzusetzen. Ein Dutzend Anwohner kam zu einem Ortstermin der Bürgerinitiative, alle wünschen sich eine gezielte Jagd.

Saarbrückens Pressesprecher Thomas Blug kennt die Probleme. Auch im Grünamt seien die Wildschweine ein Dauerbrenner. Aber nahe an den Häusern spreche man von einem befriedeten Bezirk, wo eine aktive Jagd mit Schusswaffeneinsatz tabu sei. Nur der passive Schutz mit Zäunen könne langfristig helfen.

Annerose Wild tröstet das nicht. Sie hat einen Zaun und wird das Wildpark-Gefühl nicht los. Nur, dass sie es auch nicht einsieht, sich selbst ein Gehege zu bauen. Dass die Wildschweine jegliche Scheu verloren haben, sorgt sie sehr. „Die werfen inzwischen zweimal im Jahr und kommen bei Tag und Nacht. Ich würde den Schweinen sogar einen Teil des Gartens überlassen. Sie treffen nur leider keine Vereinbarung“, sagt die 73-Jährige. Die Bürgerinitiative wünscht sich eine Jagd im befriedeten Bezirk und glaubt daran, dass es Jäger geben müsse, die sich das zutrauen. Den Dialog mit dem Grünamt werde man weiterhin suchen.

Vergangene Woche hat sich eine Rotte Wildschweine mit Frischlingen auf dem Friedhof in Altenkessel eingenistet, wie die Stadtpressestelle mitteilte. Mitarbeiter der Stadt entdeckten die Tiere auf dem Gelände. Daraufhin wurde der Friedhof geschlossen – und er wird noch mehrere Tage geschlossen bleiben, so Stadt-Pressesprecher Thomas Blug. Zusammen mit dem Saarforst werden nun die Zäune untersucht, ein Zaun in Waldrichtung geöffnet und die Tiere heraus getrieben. Dann könne der Friedhof wieder geöffnet werden. Die Bürgerinitiative Altenkessel gab an, ein Mitarbeiter der Stadt sei von einem Wildschwein angegriffen worden. Diese Aussage ist laut Stadtpressesprecher Blug allerdings nicht zutreffend.