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Saarbrücken: Was die Bücher-Telefonzelle am Schloss alles bietet

Schatzkiste in Orange : Was die Bücher-Telefonzelle am Saarbrücker Schloss bietet

Früher konnte man dort telefonieren, heute kann man dort nach Büchern stöbern – unter anderem: Die Büchertausch-Telefonzelle am Saarbrücker Schloss ist ein Kleinod – das fast verschrottet worden wäre.

Hier gibt es nichts, was es nicht gibt, wenn es um Bücher geht: Romane, Bildbände, Kochbücher, Ratgeber, Reisereportagen, Comics, ab und an sogar Lyrikbände. Wie immer man sie auch nennen mag – ob nun Bücher-Telefonzelle, Bücherschrank, Bücherzelle oder Büchertauschzelle: Das orangerote Häuschen am Saarbrücker Schloss ist ein Schmuckstück, das nie zu schlafen scheint. Geht man spät abends dort vorbei und dann gleich wieder am nächsten Morgen, schaut das Angebot schon wieder anders aus, die Regale scheinen über Nacht an- und abzuschwellen, wobei sie so gut wie immer gut geordnet bleiben. Am Morgen, wenn die Sonne noch tief über dem Saarbrücker Schloss steht, kann man stets Menschen beobachten, darunter einen Mann mit meist buntem Hut, die das Angebot ordnen, nach Größe des Buchrückens, manchmal auch nach Gattung und Genre oder Autor/Autorin.

„Frag Mutti“

Das Konzept ist simpel: „Tauschregal gratis“ ist auf einem Aufkleber zu lesen, „… abgeben … mitnehmen … abgeben“. Also einfach weggeben, was man ausgelesen hat, und mitnehmen, was einen interessiert. Und für jeden ist etwas dabei: Wer sich in Konsaliks knarzigen Kolportagen versenken will, wird hier ebenso fündig wie Freunde und Freundinnen des wundersamen Weltschmerzes von Michel Houellebecq. Skandinavische Kochkunst, Wandern, Radfahren, die Gestaltung von Glückwunschkarten, Makramee und Ratgeber, die unter anderem „Frag Mutti!“ heißen – hier wird man fündig für alle Lebenslagen.

Gibt es dabei so etwas wie eine Bestseller-Rangordnung im Regal? Auffällig oft findet man in der Romansparte Stephen Kings Blicke in menschliche Abgründe, Jacques Berndorfs Blicke auf die Eifel und Donna Leons venezianische Brunetti-Krimis. Aber auch kleine feine Einzelstücke findet man, die eher Spezialisten ansprechen werden: etwa die „Eisenbahn-Verkehrsordnung“. Lange Jahre war die Telefonzelle eben genau das, eine Telefonzelle – bis die Telekom sie in der Ära der allgegenwärtigen Handys außer Betrieb nahm. Aus dem Dornröschenschlaf erlöste sie dann Sibille Strauch, die neben der Zelle die „Tomate 2“ betreibt. Vor fünf Jahren strich sie die Zelle in Orange und baute ein Regal hinein. Bücherfans waren entzückt - die Telekom aber nicht. Diese Benutzung sei illegal, teilte sie mit und kündigte die Demontage an. Erwerben könne Strauch die Zelle nicht, hieß es, denn laut Telekom sei das Häuschen ein unverkäufliches Sondermodell mit Spitzdach, das damit dem Denkmalschutz am Schloss hatte gerecht werden sollen.

Telekom lässt sich erweichen

Nach einiger auch medialer Aufmerksamkeit und auch Kritik an der Telekom ließ sich das Unternehmen erweichen und verkaufte das Objekt, buchstäblich in letzter Sekunde vor der drohenden Demontage, an den Regionalverband, für 150 Euro. Im März 2017 haben Techniker des Regionalverbands eine solarbetriebene Beleuchtung installiert. Seitdem können auch literarische Nachtschwärmer das Angebot durchstöbern, das immer wieder über Bücher hinausgeht, auch wenn schon mal ein Zettel mit „Bitte nur Bücher!“ in der Zelle hing. Musikcassetten kann man finden, DVDs, Schallplatten, Zeitschriften, auch Puzzles und Spiele. Und auch antiquarische Funde gilt es zu bergen.

Auch „Kaiser Franz“ ist mit dabei

Etwa eine betagte Zeitschrift von 1964 mit Romy Schneider auf dem Cover, ein dicker Band mit utopischen Romanen zur seligen „Raumpatrouille“ des Weltall-Kreuzers Orion, ein französisches „Gaston“-Comic aus den 1980ern und betagte Groschenhefte: „Jerry Cotton“ en masse und sogar Westernbändchen, markiert mit dem Kaufpreis „80 Pf“ und herrlich reißerischen Titeln wie „Dollar Jimmy kassiert“. Und manchmal wird die Zelle gar zu einer Art Filmbörse, wenn sich dort VHS-Kassetten aus der Anfangs-Zeit des Videorekorders stapeln. Etwa gut abgehangener Grusel  wie „Die Vampire des Dr. Dracula“ (offenbar hat der Blutsauger promoviert) und ein Video aus der Zeit, als der kickende Kaiser noch nicht abgedankt hatte: „Die Franz Beckenbauer Story“. Oder auch alte Fußball-Videos über den „Sieg der Herberger-Elf“ und „Das Drama von Wembley“. Da kann man sogar in der kleinen Telefonzelle auf große Zeitreise gehen.