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Bauprojekt in Saarbrücken-Scheidt: Streit eskaliert – Angriff mit Kettensäge

Kettensägen-Angriff und Bedrohungen : Streit um Bauprojekt in Scheidt eskaliert – Polizei ermittelt

Im Scheidter Dichter-Straßen-Viertel geht die Angst um. Die Stadtverwaltung spricht von einem Angriff auf engagierte Bürgerinnen und Bürger und davon, dass es nicht akzeptiert werden könne, dass sie mundtot gemacht werden. Die Polizei ermittelt.

Angst. Sie habe einfach Angst, sagt die Frau. Deshalb werde sie ihren Namen nicht nennen. Sie wolle nicht die Nächste sein, die ins Visier von Menschen gerät, die, wie sie sagt, „Recht und Gesetz nicht kennen“ und „mit Gewalt ihren Willen durchsetzen wollen“. Was der Frau und anderen Mitgliedern der Bürgerinitiative Scheidt Angst macht, sind zwei Angriffe auf eine ihrer Sprecherinnen.

Die Initiative versucht, ein Bauprojekt in der Nachbarschaft zu verhindern. Es geht um die Grundstücke der sogenannten Brandvilla, einer ausgebrannten Ruine, die schon länger unbewohnbar ist, und der denkmalgeschützten Oppenheimer-Villa am Hermann-Löns-Weg. Dorthin soll ein „Megabauprojekt“, warnt die Bürgerinitiative seit gut einem Jahr. 35 bis 70 neue Wohneinheiten sollen entstehen. Das bedeute: Es werde Wald gerodet, Waldwege würden zerstört, der „Naherholungsbereich vieler Scheidter Bürger“ sei bedroht. Der Bau einer neuen Zuwegung, die bisher nicht existiert, werde für viel Verdruss sorgen.

Jahrelanger Baulärm befürchtet

Die Anwohner würden in der Folge durch Beiträge zum Straßen- und Kanalbau finanziell belastet. Ihre Immobilen verlören an Wert. Außerdem bestehe die Gefahr, dass ein Hang abrutsche und es Überflutungen gebe. Einige Anwohner befürchten, dass ihre Häuser durch die Erdbewegungen und andere Bauarbeiten beschädigt werden. Das Wohngebiet werde durch „meterhohe Stützmauern“ verschandelt. Die eh schon angespannte Verkehrssituation werde sich weiter verschlimmern. Ganz zu schweigen vom jahrelangen Baulärm.

 Das Haus der Sprecherin der Scheidter Bürgerinitiative wurde beschmiert.
Das Haus der Sprecherin der Scheidter Bürgerinitiative wurde beschmiert. Foto: BI Scheidt

Man habe der Initiative von Seiten der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik zugesagt, dass sie informiert werde, sobald sich im Bebauungsverfahren etwas tue, sagt eine Sprecherin der Initiative. Man habe lange nichts gehört. Um so überraschter sei man gewesen, als man am Mittwoch die Geräusche einer Kettensäge aus dem Waldstück gehört habe. Eine der Sprecherinnen hat sich das angeschaut und einen Mann, der offenbar anfangen wollte Bäume zu fällen, nach einer Genehmigung gefragt.

Pullover verfängt sich in Kettensäge

Der Mann sei aggressiv geworden und habe die Frau den Hang heruntergestoßen. Nachdem sie nicht, wie von ihm gefordert, nach Hause gehen wollte und darauf beharrte, dass es keine Genehmigung gebe für Baumfällarbeiten, habe der Mann sie mit der Kettensäge angegriffen. Es gibt Fotos, auf denen der zerfetzte Ärmel des Pullovers der Initiativen-Sprecherin zu sehen ist. Der Pullover habe sich in der Kettensäge verfangen und diese gestoppt. Sonst wäre noch Schlimmeres passiert.

Die Frau informierte die Polizei und die Baubehörden. Die Polizei will zu dem Fall nichts Konkretes sagen und verweist auf ein laufendes Ermittlungsverfahren. Das bezieht auch einen zweiten Vorfall ein, der in der Nacht von Freitag auf Samstag geschehen ist. Fenster und Glastüren des Hauses der Frau wurden eingeworfen. Die Hausfassade und das Protest-Transparent der Initiative wurden beschmiert. „Drecksau“ steht da unter anderem.

 Am Haus der Sprecherin der Scheidter Bürgerinitiative wurden Scheiben eingeworfen.
Am Haus der Sprecherin der Scheidter Bürgerinitiative wurden Scheiben eingeworfen. Foto: BI Scheidt

Die Saarbrücker Stadtverwaltung bestätigte am Montagnachmittag, dass die Bürgerinitiative Recht hatte mit der Annahme, dass es keine Genehmigungen gibt. „Für das private Bauvorhaben im Hermann-Löns-Weg gibt es keine Baugenehmigung. Auch planungsrechtlich gibt es derzeit keine Grundlage für ein solches Bauvorhaben. Es gibt lediglich einen Aufstellungsbeschluss für ein Bebauungsplanverfahren. Für die nächsten Schritte in dem Verfahren fehlen noch wesentliche Voraussetzungen“, teilt Stadtpressesprecher Thomas Blug mit.

Nachdem die Stadtverwaltung erfahren habe, dass im Hermann-Löns-Weg Bäume gefällt werden, haben man die Arbeiten noch am selben Tag in Abstimmung mit dem Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz „umgehend gestoppt“. Auch die Abrissarbeiten der Villa sind in Abstimmung mit dem Landesamt eingestellt worden. „Wir arbeiten die Vorgänge derzeit auf und beraten die weiteren Schritte. Dazu wird im Laufe der Woche ein erster Austausch mit den beteiligten Behörden, zum Beispiel dem Umweltamt, der Bauaufsicht und dem Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz stattfinden“, kündigt Blug an.

Übergriffe sind inakzeptabel

„Eine Stadt lebt vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger. Die Bürgerinitiative Scheidt bringt sich aktiv und kritisch in die Diskussion um das private Bauvorhaben am Hermann-Löns-Weg in Scheidt ein. Die Nachrichten über den Angriff auf eine Sprecherin der BI machen uns umso betroffener, wir verurteilen die Tat. Das kritische Stimmen mundtot gemacht werden, ist auf keinen Fall zu akzeptieren. Es handelt sich um eine Straftat. Wir haben keinen Zweifel daran, dass die Polizei ihr Möglichstes tun wird, um die Tat aufzuklären“, sagt Blug.

Auch die Grünen verurteilen die Tat und stellen sich hinter die Initiative. Es dürfe „nicht der Rest eines Zweifels bestehen, dass der Rechtsstaat nichts unversucht lässt, etwaige Übergriffe auf ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich zu einem politisch umstrittenen Projekt positionieren, zu verhindern und zu unterbinden“.