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Bundestagswahl: Ortleb bezwingt AKK in Saarbrücken – Sieg im Prestigeduell

SPD gegen CDU im Wahlkreis Saarbrücken : Ortleb bezwingt Kramp-Karrenbauer: Sieg im Prestigeduell

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Josephine Ortleb behauptet sich im Wahlkreis Saarbrücken und schlägt CDU-Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Alles andere als ein Routine-Wahlkampf. Warum das Duell um die Gunst der Saarbrücker Wähler über ein einfaches Ringen zwischen CDU und SPD hinausging.

Saarbrücken bleibt in SPD-Hand. „Wir haben den Wahlkreis verteidigt!“, teilte die wiedergewählte Direktkandidatin Josephine Ortleb am Sonntagabend mit. „Ich werde auch in Zukunft mit aller Kraft den gesamten Wahlkreis im Interesse der Bürgerinnen und Bürger im Deutschen Bundestag vertreten.“ Ihre Konkurrentin Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag und erklärte die bundesweiten Verluste mit einer für die CDU „extrem schwierigen“ Situation ohne den Amtsbonus. Der entscheidende Punkt sei, dass die CDU eine Dynamik nach vorne entwickelt habe.

Dieses Duell war politisch, weil bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Saarbrücken mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine ehemalige Ministerpräsidentin des Saarlandes und aktuelle Bundesministerin, und mit Josephine Ortleb eine Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion gegeneinander antreten. Mit Kramp-Karrenbauer und Ortleb hatten die Wähler auch noch die Wahl zwischen zwei persönlich recht unterschiedlichen Profilen.

Kramp-Karrenbauer ist studierte Rechts- und Politikwissenschaftlerin, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Als amtierende Bundesverteidigungsministerin ist sie bundesweit und international bekannt. Damit kann die 1962 in Völklingen Geborene eine politische Karriere vorweisen, die im Saarland besonders ist. Nachdem Kramp-Karrenbauer ab 2000 verschiedene Ministerposten im Saarland bekleidet hat, wird sie 2011 die erste hiesige Ministerpräsidentin. Das Amt, das sie von ihrem Vorgänger Peter Müller (CDU) übernimmt, übt sie bis 2018 aus. Dann kommt Berlin.

Im Februar 2018, ein knappes Jahr nach ihrer Wiederwahl im Saarland, gibt sie ihr Regierungsamt im Saarland ab, nachdem CDU-Chefin Angela Merkel sie als neue Generalsekretärin vorgeschlagen hat. AKK wird Vorsitzende der CDU Deutschlands und ein Jahr später Bundesministerin der Verteidigung. Schnell geht ein neuer Spitzname um – schmeichelhafter als die harten Initialen. „Merkels Kronprinzessin“ soll vor einer möglichen Kandidatur als Merkel-Nachfolgerin bekannter werden, heißt es. Ein Missverständnis, laut Kramp-Karrenbauer. „Das Konzept einer Kronprinzessin wurde zwischen uns so nie besprochen.“

Im Karneval 2019 zieht sie Zorn auf sich, als sie abwertend über intergeschlechtliche Menschen witzelt. Ein knappes Jahr später tritt sie vom CDU-Vorsitz zurück und verzichtet damit auf die Kanzlerkandidatur. Im Zuge der jüngsten Krise in Afghanistan muss auch Kramp-Karrenbauer als Verteidigungsministerin die Kritik an der Regierung aushalten, der Machtübernahme der Taliban nicht vorgegriffen und Ortskräfte nicht früher außer Landes gebracht zu haben. In punkto Evakuierung mache sie sich noch immer Vorwürfe – weil sie sich mit ihrem Wunsch nach schnellerem Ortskräfteverfahren mit vereinfachter Sicherheitsüberprüfung in Berlin nicht eher habe durchsetzen können, erklärt sie jüngst der SZ. Dabei macht Kramp-Karrenbauer, die am liebsten Verteidigungsministerin bleiben würde, klar, warum ihr der Wahlkreis so wichtig ist. „Man hat ein anderes Standing in der Bundestagsfraktion und kann Interessen noch besser durchsetzen, wenn man einen direkt gewonnenen Wahlkreis im Rücken hat.“

Den direkt gewählten Wahlkreis im Rücken hat Josephine Ortleb, die in diese Bundestagswahl als Titelverteidigerin gegangen ist. Lange war Saarbrücken ein rote Hochburg, die Ortleb nach zwei CDU-Intermezzi im Jahr 2017 knapp zurückholt. Die 1986 in Saarbrücken Geborene ist Restaurantfachfrau und Fachwirtin im Gastgewerbe, und zeigt auf ihrer offiziellen Internetseite private Fotos von sich, auch aus sehr frühen Krabbeltagen. 2014 wurde Ortleb in den Saarbrücker Stadtrat gewählt, wo sie Co-Sprecherin im Kulturausschuss und Mitglied im Haupt- und Wirtschaftsausschuss ist. Ein Jahr später bekommt sie den Helene-Weber-Preis, mit dem herausragendes Engagement von Kommunalpolitikerinnen ausgezeichnet wird.

 Die Saarbrücker SPD jubelte auf ihrer Wahlparty.
Die Saarbrücker SPD jubelte auf ihrer Wahlparty. Foto: BeckerBredel

Seit der Rückeroberung des Saarbrücker Wahlkreises für die SPD gehört Ortleb als direkt gewählte Wahlkreisabgeordnete dem Deutschen Bundestag an. Dort ist sie Ordentliches Mitglied im Ältestenrat und im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, und als stellvertretendes Mitglied unter anderem in der Projektgruppe 3 der „Enquête Berufliche Bildung“. Seit gut einem Jahr ist sie Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, aber im Vergleich zu Kramp-Karrenbauer bundesweit eine politisch völlig Unbekannte. Doch Ortleb gibt sich schlagfertig und kampflustig. „Dann zeige ich AKK jetzt mal, wie Verteidigung geht“, kontert sie, als Kramp-Karrenbauers Kandidatur in demselben Wahlkreis ankündigt. Denn im Wahlkreis 296 liegt Ortleb, „Josephine. Eine von hier. Eine wie wir“, wie ihr Wahlslogan lautet, in der Wählergunst weit vorne. Laut election.de stehen die Chancen für ihren Sieg zwei Wochen vor der Wahl bei 91 Prozent. Dann muss Ortleb aus dem Wahlkampf aussteigen.

Zehn Tage vor der Wahl kommt die überraschende Nachricht, dass Ortleb, die erst im August ihre Schwangerschaft bekanntgegeben hatte, eine Frühgeburt erlitten hat. Sie und ihr Sohn bleiben vorerst in der Klinik. „Alle Eltern mit Frühgeborenen wissen, wie sich Sorgen um das Kind und Erstaunen und Glück über den kleinen Erdenbürger in den ersten Tagen abwechseln. Mein Sohn braucht jetzt meine ganze Kraft“, teilt sie in einer persönlichen Stellungnahme mit. Ortleb sagt alle restlichen Wahlkampftermine ab, ihr Team betreibt weiter Wahlkampf für sie und Olaf Scholz.

An diesem Sonntag dann die nächste Überraschung. Während ihre Konkurrentin per Brief gewählt hat, gibt Ortleb, die sich seit der Frühgeburt rar machen musste, am Nachmittag ihre Stimme persönlich in der Saarbrücker Frauengenderbibliothek ab. Bis zum Ergebnis über 296 soll es dann noch Stunden dauern. Dann wird sie sich bei der Unterlegenen bedanken: „Vielen Dank auch an Annegret Kramp-Karrenbauer für den jederzeit fairen Wahlkampf.“