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Karcherhof in Bischmisheim: Kinder-Therapie mit Ochse und Kälbchen

Karcherhof in Bischmisheim : Schmusen mit Ochse und Kälbchen auf einem Therapie-Bauernhof

Auf dem Karcherhof in Bischmisheim geht es ganz anders zu als auf den allermeisten Bauernhöfen. Dabei spielt nicht nur der „Therapie-Ochse“ Maurice ein schwergewichtige Rolle.

Der Ochse Maurice hat gute 1000 Kilo. Iris Schättgen vom Karcherhof in Bischmisheim ruft seinen Namen, da macht es „Muuh“ und das tonnenschwere Rind trottet gemütlich auf sie zu. Maurice ist der „Therapie-Ochse“ auf dem Karcherhof, ein Tier zum Anfassen, kinderlieb, zutraulich und süchtig nach Streicheleinheiten. Iris Schättgen krault ihn auf der Brust, Maurice wirft den Kopf zurück wie eine verschmuste Katze.

„Wir arbeiten mit diesem Ochsen und Kindern. Mit diesem Tier erklären wir den Kindern das Tier selbst und die Schattenseiten der Fleischwirtschaft, ohne aber Menschen zu Vegetariern machen zu wollen“, sagt Schättgen und ist plötzlich mittendrin in einem Vortrag über tiergerechte Viehhaltung und gutes Fleisch, das man in Ensheim oder dem Bliesgau mit gutem Gewissen kaufen könne. Doch das ist ein anderes Thema.

 Iris Schättgen und ihr Sohn Benjamin auf dem Karcherhof mit dem Kälbchen Ginny und dem kleinen Highland-Rind-Bullen Harry.
Iris Schättgen und ihr Sohn Benjamin auf dem Karcherhof mit dem Kälbchen Ginny und dem kleinen Highland-Rind-Bullen Harry. Foto: BeckerBredel

Bis vor Kurzen hatte Maurice noch zwei Freundinnen. Mit Babette und Bärbel stand er auf der Weide. Bärbel war mit 22 Jahren die älteste lebende Kuh im Saarland, sie starb im Januar. Jetzt hat er zwei neue Gefährtinnen: „Hedwig und Hermine, aber das sind zwei Hexen“, sagt Schättgen und suchte für die soziale Arbeit nach zwei neuen Schmusetieren. Denn der Karcherhof ist eine therapeutische Einrichtung für Kinder und Erwachsene.

Da Schättgen als Tierschützerin gut vernetzt ist, übernahm sie im Sauerland den Jungbullen „Harry“ und das Kälbchen „Ginny“. Harry war in einem fürchterlichem Zustand von einem Besitzer übernommen worden, der Tiere hortete, aber nicht artgerecht hielt, und Ginny war ein „Abfallkalb“ aus einer Zwillingsgeburt, ein Jungtier, das bestenfalls zu Hundefutter verarbeitet worden wäre, sagt Schättgen. „Natürlich gibt es Hunderte solcher Fälle in Deutschland. Warum wir ausgerechnet diese beiden Tiere genommen haben? Es ist halt so. Aber jetzt ziehen wir sie mit Kindern gemeinsam mit der Flasche auf, so wie auch Maurice von Hand aufgezogen wurde. Wir gewöhnen sie an den Menschen, zeigen ihnen aber auch Grenzen, damit sie nicht den Respekt verlieren.“ Insgesamt sollen sie zutraulich werden, was bei Ginny nicht so schwer sein dürfte, wie Schättgen sagt. „Bei Harry darf man jetzt den richtigen Zeitpunkt der Kastration nicht verpassen und muss die Pubertät abwarten. Beide sollen aber als zahme Rinder in der Arbeit mit Kindern eingesetzt werden, und wir sind optimistisch, dass das klappt.“

Momentan sieht es jedenfalls gut aus. Harry, der zottelfellige Highlander schmust mit jedem, der ihm begegnet, und Ginny ist ein so weiches zartes Wesen, dass Kinder es lieben, mit ihr spazieren zu gehen. An ein Halfter haben sich beide Tiere schon gewöhnt.

Der Karcherhof ist kein Erwerbsbetrieb. Hier arbeitet man mit Tieren, um Menschen in schwierigen Lebensphasen über den Umgang mit Tieren neue Werte zu vermitteln. Auf dem Bauernhof kommen zum Beispiel Menschen mit Down Syndrom und Autisten zusammen. Auch Menschen, die in ihrem Leben schlechte Erfahrungen gemacht haben, sind dort. Sie alle ernten Heu und Holz, pflanzen Kartoffeln und Gemüse oder kümmern sich um Tiere. 14 Erwachsene, zwölf Kinder und 25 Menschen in Arbeitstherapie werden von einem Team aus Therapeuten und Sozialarbeitern betreut.

Aus acht Schulen werden Kinder abgeholt, die auf dem Hof essen, Hausaufgaben machen und dann den Tag verbringen, bevor sie nach Hause gebracht werden. Kostenträger sind Sozial- und Jugendämter oder das Landesamt für Soziales. Trotzdem kommt der Hof, der in der Trägerschaft eines eigenen Vereins ist, gerade so über die Runden. Für die beiden Kälbchen werden Paten gesucht, die mit einer Einmalspende oder einem monatlichen Festbetrag die Therapiearbeit unterstützen wollen.

Kontakt zum Trägerverein: www.vpem.de