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Katharina Ritter ist seit 100 Tagen Chefin der Stadtgalerie Saarbrücken

Begegnung mit Katharina Ritter : „Das Saarland liegt mir ernsthaft am Herzen“

Rund 100 Tage ist Katharina Ritter neue Chefin der Saarbrücker Stadtgalerie. Ein Besuch in ihrer Ausstellung und ein Gespräch über Pläne und Ziele, die weit über die Galerie-Räume hinaus gehen.

Es klingt vielleicht ein bisschen seltsam, aber wenn man Katharina Ritter und ihre Arbeitsweise beschreiben möchte, fällt einem spontan weiches Wasser ein. Alles an ihr wirkt sanft und freundlich. Die dunkle, warme Stimme, die zugewandte Art. Aber zugleich hat die 39-Jährige eine beeindruckende Fähigkeit, sich auszubreiten, Raum zu finden, Verbindungen auch.

Diese Fähigkeit des weichen Wassers, das bekanntlich ja auch harte Steine brechen kann, kommt ihr sehr zugute in ihrem neuen Job. Seit rund 100 Tagen ist die junge Frau Direktorin der Saarbrücker Stadtgalerie. Und sie drückt dem Haus bereits ihren Stempel auf, knüpft Kontakte in die ganze Stadt.

„Es läuft sehr gut“, sagt sie. „Wir sind jetzt an einen Punkt gekommen, wo wir künftige Projekte anstoßen.“ Nicht mehr auf Sicht fahren, kurzfristig arbeiten, wie in ihrem letzten Jahr als Interims-Leiterin der Galerie, nicht ohne Plan sein müssen, weil Corona jeden Plan gefährdete. Jetzt können sie und ihr kleines Team in die Zukunft denken, das Profil schärfen.

Gerade hat sie ihre erste Ausstellung als neue Chefin eröffnet. Und die sehr verschiedenartigen Arbeiten von Gillian Brett und Matej Bosnic sind in gewisser Weise bereits eine gute Visitenkarte für die Art, wie Katharina Ritter die Galerie führen will, wo ihre Interessen auch liegen.

Die Marseillerin Gillian Brett hat zum Beispiel eine Art Metzgerei-Labor aufgebaut. Steril wie in einem Apple-Store präsentiert sie künstliche, mit Elektroschrott gefüllte „Wurstwaren“ und trifft damit zielgenau die Fragen unserer Zeit. Fragen nach der Zukunftsfähigkeit der Menschheit, nach Naturzerstörung und einer Technologie, die den meisten Menschen längst entwachsen ist.

Diese Fragen sind es, die auch Katharina Ritter umtreiben: Nachhaltigkeit (bis hin zum regionalen Essen bei den Kindersonntagen in der Galerie), das Weiterexistieren der Menschheit, die großen Fragen, auf die man auch im Kleinen Antworten suchen muss. 

Gillian Brett hat sie über intensive Recherche gefunden. Matej Bosnic ist ein alter Bekannter. „Ihn kenne ich noch von meiner Arbeit in den Künstlerhäusern von Worpswede“, sagt Ritter. „Meistens arbeite ich mit Künstler*innen, die ich seit Jahren begleite“. Katharina Ritter spricht das Gendersternchen immer und überall mit. Und diese kleinen Pausen klingen bei ihr so selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen, dass man einen Eindruck davon bekommt, wie sich Sprache wandelt – sanft, aber beharrlich. So wie Katharina Ritter auch das Profil der Stadtgalerie vorsichtig wandelt und sich von ihrer Vorgängerin und Mentorin Andrea Jahn absetzt.

Am Morgen vor dem SZ-Besuch hatte die junge Chefin ungewöhnliche Gäste in ihrer neuen Ausstellung. Das Luxemburger Kollektiv Lucoda ließ die Arbeiten dort auf sich wirken. Daraus entstand eine 15-minütige Performance, die gerade beim Festival Perspectives gezeigt wurde. Und zwar nicht in der Galerie, sondern auf der Waldbühne im Deutsch-Französischen Garten (DFG).

Auch das ist typisch für die Arbeit von Katharina Ritter. Sie will raus aus dem Elfenbeinturm Museum, rein in die Stadt, in die Stadtteile. Im DFG macht sie gleich eine ganze Veranstaltungsreihe. „Stadtgalerie draußen“ heißt die und bringt auch inklusive Workshops, die zudem grenzüberschreitend sind. „Ich möchte, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf die gleichen Angebote bekommen wie alle.“

Grenzen verwischen, Hürden abbauen, das sind Sachen, die Katharina Ritter ganz offensichtlich wichtig ist. Wie das gehen wird? Zum Beispiel mit moderner Graffiti-Kunst: Wenn man die Stadtgalerie über den Innenhof verlässt, trifft man in der Katholisch-Kirch-Straße seit ein paar Tagen auf ein nagelneues Wandbild des Saarbrücker Comic-Künstlers Eric Schwarz. Er hat die Fassade eines Getränkehandels in der Katholisch-Kirch-Straße gestaltet. Mit vielen gemalten Augen symbolisiert er hier, was das Sehen oder auch nicht gesehen werden in sozialen Netzwerken mit den Menschen macht. Ein Hingucker.

Und da kommt noch mehr: Gerade hat Katharina Ritter eine Zusammenarbeit mit der Saarbrücker Siedlungsgesellschaft (SGS), dem kommunalen Wohnungsunternehmen der Landeshauptstadt, bekanntgegeben. Dank dieser Kontakte wird die Künstlerin Joni Majer eine Fassade in der Dudweiler Fischbachstraße gestalten. Weitere „Murals“, wie diese Wandbilder genannt werden, sind in anderen Stadtteilen geplant.

Ein anderes spannendes Projekt mit der „Siedlung“ startet gerade. Die angehende Kuratorin Katja Pilisi wird sich für ihre Masterarbeit an der Hochschule der Bildenden Künste Saar mit der Bespielung und Nutzung von leerstehenden Immobilien in unterschiedlichen Stadtteilen beschäftigen. Betreut von Ritter, unterstützt von der „Siedlung“. Eine Win-win-Situation könnte man sagen. Alle profitieren, die Kuratorin, die Stadt und die Kunst. Die Fäden dafür hat Ritter gesponnen.

Vernetzen ist ihr eben wichtig. Stärker noch als alle ihre Vorgänger sucht Katharina Ritter die Kooperation. „Wir wollen aus der Stadtgalerie raus, zu den Menschen gehen“. Mit Vereinen will sie arbeiten, auch weniger beachtete Stadtteile wie Brebach oder den Eschberg mal in den Fokus nehmen.

Man sollte nun aber nicht meinen, dass diese „Stadtteilarbeit“ bedeutet, das die neue Direktorin vielleicht provinziell denkt. Ganz im Gegenteil. „Lokale Themen, die hier für die Menschen relevant sind, brauchen eine internationale Verknüpfung“.

Für Provinzialität hat Ritter bei aller Heimatliebe auch schon zu viel von der Welt gesehen. Aufgewachsen auf einem Pferdehof in Rubenheim, hat sie nach ihrem Studium an der HBK des Saarlandes in Burkina Faso, Südamerika, Myanmar und in Chicago gearbeitet. Sie leitete den traditionsreichen Ulmer Kunstverein und war Künstlerische Leiterin der Künstlerhäuser Worpswede.

Aber es zog sie doch wieder nachhause an die Saar, die Stadtgalerie ist ihr Traum-Job. „Das Saarland ist meine Heimat, es liegt mir am Herzen, aber ernsthaft“, sagt sie. Die Überschaubarkeit hier, findet sie, hat viele Vorteile. „Weil man hier so nahbar ist und trotzdem den Weitblick haben kann.“

Und weil man unterstützt wird. „Dass man als kleines Team in so kurzer Zeit so viel erreichen kann, das geht nur im Saarland mit seiner Schafferkultur und seiner Vereinsdichte“, sagt sie. Und dank der öffentlichen Stellen. „Das Kulturamt und die unterschiedlichen Mitarbeiter*innen der Stadt beteiligen sich, das genieße ich sehr“, sagt sie und macht wieder die Gender-Pause.

 Im Auftrag der Stadtgalerie Saarbrücken hat der Künstler Eric Schwarz zwei Wandbilder in der Katholisch-Kirch-Straße gemalt.
Im Auftrag der Stadtgalerie Saarbrücken hat der Künstler Eric Schwarz zwei Wandbilder in der Katholisch-Kirch-Straße gemalt. Foto: Iris Maria Maurer

Längst sind die Planungen für kommende Ausstellungen in Arbeit, wenn sie auch noch nichts Konkretes verraten möchte. In Richtung Foto- und Videokunst wird es gehen, aber auch mal um eine architektonische Auseinandersetzung mit der Stadt zum Beispiel. Und natürlich kommt erstmal die große Ausstellung zum wichtigsten grenzüberschreitenden Kunstpreis der Region. „Ich freue mich wahnsinnig, dass der Schuman-Preis genau in mein erstes Jahr fällt“, sagt Katharina Ritter. Denn über Grenzen gehen, das ist nun mal ihr Ding.
https://stadtgalerie.saarbruecken.de/