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Malstatt: Was tut Saarbrücken gegen das "Wohnungselend an der Saar"?

Anlass zur Sorge : „Das Wohnungselend an der Saar“ – Was tut Saarbrücken gegen die prekäre Wohnlage in Malstatt?

Im Sozialausschuss der Stadt Saarbrücken ist über die Lage der Menschen in dem Stadtteil gesprochen worden.

Vor 100 Jahren ist Saarbrücken-Malstatt Thema in der New York Times gewesen. Das legendäre Blatt aus der Weltmetropole hatte einen Reporter in das noch junge Saargebiet entsandt, der einen erschreckenden Bericht unter dem Titel „Das Wohnungselend an der Saar“ über den großen Teich sendete. Darin war zu lesen, in welchen Bruchbuden Familien mit mehr als zehn Kindern in Malstatt hausen mussten, es grassierten die Spanische Grippe, Tuberkulose und Typhus. Die hygienischen Bedingungen mit Plumpsklos hinterm Haus und fehlenden Wasseranschlüssen in den Wohnungen schockierten die Leserinnen und Leser in den USA. Es wurde dort Geld gesammelt, um im Armenhaus Saargebiet zu helfen.

Doch auch heute, 100 Jahre später, gibt die soziale Lage in Malstatt Anlass zur Sorge. Der Ausschuss für soziale Angelegenheiten und Integration der Stadt Saarbrücken beschäftigte sich in dieser Woche auch mit der prekären Wohnsituation für die Menschen in Malstatt. Nach der Vorstellung des Projektes „Europa Leben“ (Eule) durch die Awo-Referentin Stephanie Buchheit gab es Nachfragen zu den prekären Wohnverhältnissen in dem durch die Bahnlinie durchschnittenen Stadtteil, der auch die Heimat des Fußball-Drittligisten 1. FC Saarbrücken ist. Buchheit bestätigte, dass es eine Liste mit den verwahrlosten Immobilien gebe, die auch im Benehmen mit dem Ordnungsamt bearbeitet werde. Sozialamtsmitarbeiter Frank Schmitt sprach dann von rund 40 Wohn-Immobilien in Malstatt, deren Zustand „prekär“ sei. Das heißt, in Malstatt müssen viele Familien in Wohnungen leben, die ein menschenwürdiges Dasein kaum zulassen.

Das Eule-Projekt, das von der Awo mit fünf Mitarbeiterinnen alleine betrieben wird, nachdem die Diakonie vor kurzem ausstieg, versucht, die vielen Zugezogenen in Malstatt und die Obdachlosen bei ihren alltäglichen Sorgen und Problemen zu helfen. So würden etwa Sprachkurse für Erwachsene angeboten. Das sei vor allem wichtig, weil wegen zum Teil geringer deutscher Sprachkenntnisse bei den zugezogenen Migrantinnen und Migranten eine große Verunsicherung hinsichtlich der Corona-Verordnungen herrsche. „Da kursieren viele Fake News in der Community“, sagte Awo-Expertin Buchheit. Verschwörungstheorien zu Corona-Impfungen und Corona-Tests seien in Malstatt im Umlauf. Es sei ein „schwieriges Arbeiten“ in den vergangenen zwei Jahren gewesen. Als Erfolg bezeichnete Buchheit den Sonder-Corona-Impftermin in Burbach, als 90 Menschen geimpft worden seien.

Für Kinder in Malstatt hätten die Eule-Mitarbeiterinnen Besuche bei einer Imkerei, im Wildpark und im Kletterpark im Sommer organisiert. Jetzt im Dezember sei ein Kurs für Kinder und Erwachsene zur Mülltrennung geplant. Die Sprachförderprogramme für die Schulkinder hätten während der Corona-Pandemie sehr gelitten. Buchheit stellte große Defizite fest. Es sei jedoch gelungen, feste Strukturen aufzubauen, die auf eine Existenz-Sicherung der Neuankömmlinge hinausliefen. Das sei auch der Grund, warum die EU-Mittel fließen würden. Allerdings nur noch bis Juli 2022, danach seien neue Anträge notwendig. Hauptziele für 2022 seien die Alphabetisierung und die Grundorientierung für die neuen Zuwanderinnen und Zuwanderer, sowie die Herausgabe einer neuen „Ankommensbroschüre“.

Sozialdezernent Tobias Raab (FDP) erklärte, dass der Kampf um das Fördergeld immer wieder auf der Tagesordnung stehe. Das Thema prekäres Leben in Malstatt sei auch Thema im Landtagssozialausschuss gewesen. Der Ausschuss nahm schließlich den Bericht von Buchheit zur Kenntnis und dankte der Awo-Mitarbeiterin für die Arbeit.