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Mirka Borchardt, die ruhige Schöne vom Netzwerk freie Szene Saar

Mirka Borchardt: Porträt einer außergewöhnlichen Kulturfrau : „Ich bin von ganzem Herzen Saarländerin geworden“

Sie ist beim Netzwerk Freie Szene Saar aktiv, sie pflügt sich im Dienste der freien Kunst durch den Dschungel der Kulturförderungs-Richtlinien in der Großregion, und neuerdings ist Mirka Borchardt auch beim Kinder- und Jugendtheater Überzwerg beschäftigt. Porträt einer Vielseitigen.

Gerade hat sie sich einen Campingbus gekauft. Eigentlich ist in diesem Satz schon ganz viel von dem drin, was wohl Mirka Borchardts Persönlichkeit ausmacht. Öfter mal was Neues, rauskommen, unabhängig sein, neugierig bleiben.  Die studierte Kulturwissenschaftlerin hat in ihrem Leben schon sehr viele verschiedene Dinge gemacht. Sie hat etliche Jahre im Saarbrücker Szene-Café Schrill gekellnert, in Argentinien an einer Arbeit über deutsche (auch Nazi-)Zeitungen in den 40er-Jahren recherchiert. Sie hat ein paar Monate in Prag gelebt, sich in Granada als junges  Mädchen die Haare abrasiert. Sie ist ein paar Jahre durch Südamerika gereist und mit einem Baby wieder gekommen.

Sie hat Praktika bei Zeitungen (auch der Saarbrücker) gemacht, sich dann doch gegen Journalismus entschieden. Zwischendurch überlegte sie, Lehrerin zu werden, und stellte nach einem halben Jahr fest „Oh Gott, das ist nichts für mich“. Die Aufzählung ist sicher nicht vollzählig. „Mein Lebenslauf ist wirklich nicht gerade“, sagt die 34-Jährige beim Treffen im Saarbrücker Café am Schloss, nippt an ihrem Milchkaffee, und ihre hellen, blauen Augen schauen kein bisschen bedauernd.

Das Studienfach Historisch orientierte Kulturwissenschaften hat sie seinerzeit gewählt, „weil ich  mich da nicht entscheiden musste, da war alles drin, was ich mag“. So kam sie überhaupt erst von Gütersloh nach Saarbrücken. „Und ich bin sehr froh, dass ich hier gelandet bin“,  meint sie. „Ich bin von ganzem Herzen Saarländerin geworden“. Nur den Dialekt bekommt sie nicht hin, sagt sie und dreht sich eine  spindeldürre Zigarette. Aber bei aller Liebe: Auch das Saarland geht für sie dauerhaft nur, wenn sie regelmäßig raus kommt. Deshalb der Bus.

 Beim Theater Überzwerg kümmert sich Mirka Borchardt auch um die Öffentlichkeitsarbeit. Zum Beispiel für das Anne-Frank-Stück.
Beim Theater Überzwerg kümmert sich Mirka Borchardt auch um die Öffentlichkeitsarbeit. Zum Beispiel für das Anne-Frank-Stück. Foto: Foto: Mirka Borchardt

Wer in den letzten eineinhalb Jahren in der Saarbrücker Kulturszene unterwegs war, insbesondere bei den Aktivitäten des Netzwerks Freie Szene Saar, der kam an der schönen jungen Frau mit den malerisch verwuschelten Haaren kaum vorbei. Mirka Borchardt ist - neben Corinna Preisberg  und Katharina Bihler - das neue Gesicht des Netzwerks. Steht symbolhaft mit den anderen beiden Frauen für die Power, die diese Interessenvertretung der freischaffenden Kulturmenschen in den letzten eineinhalb Jahren zeigt.

„Corona hatte für mich tatsächlich viel Gutes“, sagt sie. Überhaupt öffnete die Seuche für einige Akteurinnen und Akteure der freien Szene neue Horizonte. Weil man plötzlich ohne Arbeit war, quasi den Kopf hob und sah, was um einen herum ist. „Die kulturelle Routine war außer Kraft, alle waren total offen“.

Mirka Borchardt war gleich am Anfang des ersten Lockdowns  schon bei Quasi.Live aktiv, einem Format, bei dem verschiedenste Konzerte professionell für Online-Präsentationen eingespielt wurden. Hier lernte sie Katharina Bihler vom Liquid Penguin Ensemble kennen, die bei Quasi.live ein Stück aufnahm. Kurz zuvor erst hatte sie die Schauspielerin Corinna Preisberg getroffen, als beide für ein Theaterprojekt der Waldorfschule engagiert waren – das dann wegen Corona ausfiel. Aber da war schon etwas angestoßen, der Kontakt zum Netzwerk war geknüpft, und als der Lockdown kam, legten sie  los.

 Mirka Borchardt (rechts) mit Corinna Preisberg bei der Eröffnung des Freistil-Festivals.
Mirka Borchardt (rechts) mit Corinna Preisberg bei der Eröffnung des Freistil-Festivals. Foto: laffitau/jean m. laffitau

Einiges, was in den letzten Monaten passiert ist, „wäre ohne Corona nicht denkbar gewesen“. Auf einmal gab es im Kultusminsterium quasi offenen Türen. Es gab neue Fördertöpfe wie „Neustart Kultur“ vom Bund. Und in der Szene erkannten immer mehr Leute, dass es in der Krise gut war, sich zu vernetzen. Damit gewann das Netzwerk freie Szene an Schlagkraft.

Dass dieses Netzwerk dann ein Festival wie Freistil aus dem Boden stampft, das auch noch im Weltkulturerbe Völklingen durchführen kann. Dass es nun auch noch das gerade laufende Plopp-Festival gibt, mit unzähligen kleinen aufploppenden Kultur-Ereignissen im ganzen Land: All das „ohne Corona undenkbar“, sagt Borchardt.

Aber wie kam Mirka Borchardt nach all den Umwegen über Prag und Buenos Aires nun überhaupt dazu, sich im Theatermilieu einzurichten? In die Wiege gelegt war es der Tochter eines Polizisten und einer Sozialpädagogin („Meine Mutter hat mit 40 Jahren  und vier Kindern, noch angefangen zu studieren“) eher nicht. Eine Begegnung in Saarbrücken war der Schlüsselmoment. „Die frühere Staatstheater-Dramaturgin Ursula Thinnes gab ein Seminar an der Uni“. Und Mirka Borchardt war begeistert. Dank Thinnes’ Vermittlung schnupperte die junge Frau Theaterluft, knüpfte Kontakt zur freien Theatergruppe Korso-op.Kollektiv und stellte fest: „Das ist das Umfeld, in dem ich arbeiten möchte“.

Dabei kommt ihr  zugute, dass sie eben keine „nur“ Künstlerin ist. Sie hat auch ein Händchen für den ganzen organisatorischen Hintergrund, den es braucht, um Kunst zu produzieren.

Vor ein paar Monaten hat sie ihre Internetseite „Hinterbühne“ freigeschaltet. Hier bietet sie nicht nur die dramaturgische Begleitung von Theaterprojekten an. Sie kann sich auch professionell um Zuschüsse kümmern und um die Öffentlichkeitsarbeit. Eine echte Marktlücke in der saarländischen Kulturlandschaft. Und sicher einer der Gründe, warum es derzeit beim Netzwerk Freie Szene so gut läuft. Schließlich ist sie da im Vorstand.

Aber, sagt sie, „jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht ausbrennen“. Corona ist sozusagen im Abklingen, alle machen wieder künstlerische Projekte. Aber all die Netzwerk-Arbeit, das Anträge schreiben, all der Orga-Kram ist ja nicht weg, der kommt oben drauf. Das kann so nicht bleiben: „Wir brauchen unbedingt eine Geschäftsstelle“, sagt Borchardt. Die freie Szene müsse professionell arbeiten können.

Und die Kunst braucht Raum. Das immer wieder geforderte Produktionshaus müsste endlich gefunden werden, meint sie. „So viele kulturelle Akteure brauchen Räume, das Netzwerk, das Theaterpädagogische Zentrum, die LAG Tanz.... es gibt so viel Bedarf“. Und eigentlich, sagt sie, gäbe es im Saarland ja auch sehr viel Leerstand. Aber das passende Gebäude zu finden, erweist sich als schwierig. Auch weil die Sicherheitsvorschriften  mittlerweile so streng seien, dass fast nichts mehr geht.

Mirka Borchardt selbst hat gerade gemeinsam mit ein paar Mitstreitern die hoch gelobte deutsch-luxemburgische Produktion „Linie 21 - La Pastèque“ in einem leer stehenden früheren Motorradladen gestemmt. Aber auch das war eine einmalige Sache. Ein dauerhafter Spielort wird der Laden nicht. Die Suche geht weiter.

Für die 34-Jährige wird die nächste Zeit so oder so arbeitsreich. Sie hat gerade beim Kinder- und Jugendtheater Überzwerg eine Stelle als Theaterpädagogin und für Social Media angetreten. Alles andere, die „Hinterbühne“, das Netzwerk und was sonst noch so ansteht, kommt dazu.

Und da ist ja noch der mittlerweile siebenjährige Sohn. Mit dem lebt sie in einer Erwachsenen-WG mit lauter künstlerisch tätigen Mitbewohnern. Eine Lebensform, die sie ideal findet, wenn man alleinerziehend ist. „Weil es noch andere gibt, die dem Kind mal Grenzen setzen“.

 Mirka Borchardt.
Mirka Borchardt. Foto: Iris Maria Maurer
 Bei dem viel gelobten Stück „La Pastèque“ besorgte Mirka Borchardt die Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit.
Bei dem viel gelobten Stück „La Pastèque“ besorgte Mirka Borchardt die Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit. Foto: Kerstin Kraemer/KERSTIN KRAEMER

Das Kind übrigens hat sie „mitten in der argentinischen Pampa“ in einem Provinzkrankenhaus bekommen. Da dürfte der saarländische Kultur-Dschungel ja auch zu stemmen sein. Vor allem, wenn man einen Bus hat.