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Saarbrücken: Deutsche Bahn macht Kahlschlag am Rodenhof – "Trauriger Anblick"

„Trauriger Anblick“ : Anwohner empört – Deutsche Bahn macht Kahlschlag am Rodenhof

Eine gesamte Böschung hat die Deutsche Bahn an der Steilwand über der Güterbahnstrecke an der Grülingsstraße am Rodenhof kahlschlagen lassen. Anwohner sind empört. Jetzt hat die Bahn Gründe für die Aktion genannt.

Manche Anwohner des Saarbrücker Stadtviertels Rodenhof traf der Anblick der Steilwand über der Güterbahnstrecke an der Grülingsstraße dieser Tage wie ein Schock. Die Deutsche Bahn hat dort die ganze Böschung kahlschlagen lassen. „Da wurde ich auf dem Heimweg aus der Stadt sonst immer von Vogelgesang begrüßt. Wo sollen sich die Vögel denn jetzt niederlassen?“, beklagt eine Passantin. „Diesen traurigen Anblick müssen wir jetzt den ganzen Winter ertragen“, ärgert sich kopfschüttelnd eine andere.

Nicht nur Buschwerk, auch dicke Bäume haben Arbeiter dort abgeholzt. Nur die Baumstümpfe stecken noch in der Erde. Allein schon an der Dicke mancher Baumstämme lässt sich erkennen: So stark zurückgeschnitten hat die Deutsche Bahn die Vegetation hier schon lange nicht mehr oder sogar noch nie. Was steckt dahinter?

 Ein Baum nach dem anderen fällt an der Böschung entlang der Bahnlinie am Saarbrücker Stadtviertel Rodenhof.
Ein Baum nach dem anderen fällt an der Böschung entlang der Bahnlinie am Saarbrücker Stadtviertel Rodenhof. Foto: Silvia Buss

Tatsächlich hat das staatseigene Unternehmen sein „Vegetationsmanagement“ seit 2018 verstärkt, wie die Bahnpressestelle auf Anfrage der SZ mitteilt. Bundesweit hat die Bahn das Budget dafür auf 125 Millionen Euro aufgestockt, hat ein Expertenteam für Naturgefahren installiert und über 1000 Forstfachleute und Waldarbeiter, die, unterstützt von externen Dienstleistern, die Vegetation an den rund 30.000 Kilometer deutschen Bahnstrecken kontrollieren und bearbeiten.

Zuvor hatten nämlich Fahrgäste, Eisenbahn- und Güterverkehrsunternehmen, Verbände und Politik die Bahn immer wieder dafür kritisiert, dass sie nicht sturmfest genug sei und Unwetter durch umfallende Bäume den Verkehr lahmlegten. Der Fahrgastverbandverband sah darin wohl nicht mangelnde Erkenntnis, sondern verfehlte Sparpolitik im Zuge der Privatisierung. Der Grund für Schäden durch Stürme und umstürzende Bäume ist jedoch wohl im Klimawandel zu sehen. Gutachten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hätten 2018 und 2021 der Bahn bescheinigt, „von den Auswirkungen des Klimawandels so stark betroffen zu sein wie kein anderes großes Unternehmen in Deutschland“, so die Bahnsprecherin. Vermehrte Trockenheits-Sommer, stärkere Sturmperioden und langanhaltende Regenfälle führten nach ihrer Darstellung dazu, dass die Vegetation entlang der Bahnstrecken häufiger präventiv bearbeitet werden muss, um einen verlässlichen Bahnverkehr für die Kundinnen und Kunden zu gewährleisten.

Sechs Meter links und rechts der Gleise müssen die Arbeiter nach den Vorschriften der Bahn einen bodentiefen Schnitt in U-Form ausführen, erst daneben – in der sogenannten Stabilisierungszone – dürfen Bäume stehen, die jedoch auf Stabilität hin kontrolliert würden, heißt es in den Vorschriften. Alle Vegetationsarbeiten seien mit den Naturschutz- und Umweltbehörden abgestimmt und folgten klaren Vorgaben, bekräftigt die Bahnsprecherin. So würden etwa Rückschnitte nur in den Monaten von Oktober bis Ende Februar durchgeführt. Wie viele Kilometer Randstreifen die Bahn im Saarland zu pflegen hat und wie viele Tonnen Biomasse dabei anfallen, könne sie nicht sagen, so die Bahnsprecherin.

 Die Deutsche Bahn hat auch an der Bahnunterführung Lützelbachtunnel im Quartier Eurobahnhof in Saarbrücken keinen Strauch oder Baum stehen lassen.
Die Deutsche Bahn hat auch an der Bahnunterführung Lützelbachtunnel im Quartier Eurobahnhof in Saarbrücken keinen Strauch oder Baum stehen lassen. Foto: Silvia Buss

Wie die Bahn den Grünschnitt verwertet? „ Bei größeren Maßnahmen mit guter Zuwegung“, teilt sie mit“, wird das Schnittgut abtransportiert und in Verbrennungsanlagen gebracht oder als Stammholz verkauft. In anderen Fällen könne das Schnittgut auch gehäckselt werden und verbleibe nicht zuletzt auch als Lebensraum für Kleintiere vor Ort.

Und womit kann das Verkehrsunternehmen die Vogelfreundinnen und -freunde trösten? Ziel der Bahn sei es, die Belange von Verkehrssicherheit und Naturschutz möglichst optimal miteinander zu vereinen. „Für beides sind biodiverse Bereiche mit niedrig wachsenden Gehölzen vorteilhaft – vor allem auch für Kleintiere und Singvögel“, sagt die Bahnsprecherin. Damit an den Strecken etwa durch schnell wachsende Robinien, wie sie am Lützelbachtunnel standen, kein sturmanfälliger Hochwald entstünde, müssten die Gehölze verjüngt und alle paar Jahre stärker zurückgeschnitten werden.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat am Verhalten der Bahn nichts auszusetzen. Entlang der Bahnstrecken habe für ihn ähnlich wie bei Stadtbäumen nicht der Naturschutz Vorrang, sondern die Verkehrssicherheit, sagt Christoph Hassel, Landesvorsitzender des BUND Saar. „Wo viele Leute sich bewegen, muss man auch drauf achten, dass es nicht zur Gefährdung wird.“ Zum Ausgleich sollte man dafür sorgen, Räume zu schaffen, in denen „Bäume alt werden können“. „Gesamtökologisch betrachtet ist das für uns jetzt nicht der große Umweltfrevel“, so Hassel. Auch der Öffentliche Nahverkehr trage ja zum Umweltschutz bei, und dessen Betriebssicherheit müsse auf jeden Fall gewährleistet sein.