1. Saarland
  2. Saarbrücken
  3. Landeshauptstadt

Saarbrücken: Dolly Hüther knöpft sich in ihrem Buch die SPD vor

Saarbrücker Autorin legt ein neues Buch vor : Die Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Dolly Hüther ist erst mit 90 Jahren „tiefenentspannt“

Die Frauenrechtlerin Dolly Hüther rannte 44 Jahre lang gegen Strukturen in der „Männerpartei“ SPD an, erwarb sich den Ruf einer Nervensäge. Heute ruft sogar der CDU-Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) bei ihr an.

Früher, als eine der ersten Hardliner-Feministinnen in der guten, alten Saar-SPD, trug sie Latzhosen. Aus tiefster Kampf-Überzeugung. Da war sie schon fast 50 Jahre alt, nicht „erwerbstätig“, aber sie arbeitete – als Hausfrau und Mutter. Diese Diskrepanz in der gesellschaftlichen Anerkennung machte sie zu ihrem Lebensthema. Heute nennt sich Dolly Hüther Autorin und setzt sich für den Fotografen die lila Ballonkappe auf – aus Werbezwecken. Sie ist 90 Jahre alt, schreibt ihre Briefe immer noch mit lila Tinte, und das auffällige Accessoire gehört erst seit Kurzem zu ihrem Outfit. Hüther bestellte sich die Mütze kurzerhand im Internet, nachdem eine junge Grafikerin ein Cover mit diesem Motiv für das neue Buch „Ich bleibe“ entwickelt hatte. „Sowas kann man doch in deinem Alter nicht mehr tragen!“, das hat Hüther schon oft in ihrem Leben hören müssen, und hat immer schon entgegnet: „Man vielleicht nicht, aber frau kann tragen, was sie will.“

Das ist einer dieser Basta-Sätze, in die Welt gefeuert wie eine Gewehrsalve, in einer Energie strotzenden Stimmlage, die Hüther so jung macht, dass man gar nicht mehr ins Staunen gerät darüber, wie federnd sie sich durch ihr lila-rosa eingerichtetes Wohnzimmer auf dem Rodenhof bewegt. Sie platzt vor Stolz, sie hat noch ein Buch geschrieben, keine klassische Biografie, eher eine Kompilation von Dokumenten, seien es Briefe, Mitschriften, Parteireden oder Tagebuchnotizen.

Für ihre nächsten Auftritte hat Hüther nun also ein kesses Markenzeichen. Das gefällt der Frau mit Geltungsdrang – an letzterem ließ Hüther nie einen Zweifel, hinterfragte in früheren Texten die ihr unterstellte „Gefallsucht“ und „Eitelkeit“. Das Nachvorne-Drängen, das Sich-Durchboxen, sei ein roter biografischer Faden, sagt sie. Der Anfang sei in der Familiengeschichte zu finden: Dolly war ein „Sandwichkind“ zwischen zwei akademisch aufgestiegenen Geschwistern. Kurz vor der Mittleren Reife gab sie schulisch auf, machte nie einen Abschluss, wurde dann aber als „Spätberufene“ mit 65 noch Gasthörerin an der Uni, belegte Vorlesungen in Soziologie oder in Vergleichender Literaturwissenschaft. Über Hüthers Computer stehen heute noch dickleibige Anthologien von Franz Kafka und Edgar Allen Poe.

„S‘ Dolly“ war und ist in Saarbrücken bekannt wie ein bunter Hund. Man traf sie bei Ringvorlesungen, Parteikundgebungen, Demonstrationen.Trotzdem reibt man sich die Ohren, wenn man hört, Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) habe sich kürzlich persönlich auf ihre Einladung zur Buchpräsentation gemeldet. Nach wenigen Interviewminuten wird klar, warum dieses lange politische Leben in der Saar-SPD nie zu einem bedeutenden Amt führte, sondern „nur“ in den Landesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen. Die Überzeugungs- und Erzähl-Lust dieser Frau ist auch durch gezieltes Fragen nicht zu bändigen. Es passt kein Punkt und kein Komma zwischen die amüsant erzählte Anekdote über Willy Brandt (SPD) und das Zitat aus einem linguistischen Fachbuch zur Frauensprache, nur ein Halbsatz trennt die Alters-Sex-Episode von dezidierten Ausführungen über die Abschaffung des Webeverbotes für Schwangerschaftsabbrüche.

Dieses Ineinanderfließen von Erinnerungen und politischer Argumentation, der Verzicht auf strukturierte Analyse oder Chronologie kennzeichnen auch Hüthers Schreibstil und findet sich schon in der Erstveröffentlichung „Dolly, ess dei Supp“.

Im neuen Buch „Ich bleibe“ schildert Hüther ihre feministischen Ziele und das laue, träge Verhalten ihrer Partei dazu – ein womöglich repräsentatives Leben einer sozialdemokratischen „Basisfrau“ über 45 Jahre. Das Buch offenbart, wie viele Kränkungen die unangepasste, vorlaute Hüther davontrug, und wie tief beispielsweise bis heute der Stachel sitzt, dass Oskar Lafontaine, damals noch in der SPD, ihren Aufstieg in den Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen verhinderte. Das ist Hüthers Version ihrer härtesten Niederlage. Doch zum Schlüsselroman taugt das Buch nur bedingt, obwohl viele Protagonisten auftauchen, die einst Polit-„VIPs“ waren: Kultusminister Prof. Diether Breitenbach (SPD), Gesundheitsministerin Brunhilde Peter, die Saarbrücker Gleichstellungsbeauftragte Ilona Caroli, die (spätere) Europaparlaments-Abgeordnete Doris Pack (CDU).

„Ich ging denen allen auf den Wecker, ich wollte immer mehr durchsetzen als alle anderen“, stellt Hüther fest. Sie weiß sehr wohl um ihren Ruf als Nervensäge und Krawallschachtel. Lässt immer noch nicht locker: Die innerparteiliche Gleichstellung von Mann und Frau, die Quotierung, sei noch nicht durch, und die Genderdebatte gelte in der SPD als „Pfui-Thema“. Mit Sorge beobachtet sie die allgemeine Politikmüdigkeit vieler Bürger. „Ich verstehe das nicht, ich habe Poltik immer als lustvoll erlebt“, sagt Hüther, sieht sich im Rückspiegel allerdings durchaus auch als „verbiesterte“ Person. Ihr jüngster Sohn „coache“ sie jetzt, sagt sie: „Ich bin total tiefenentspannt. Sie sehen eine glückliche Frau. Wer will mir noch was?“