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Staatstheater zeigt Pat To Yan "Eine kurze Chronik des künftigen China"

Politik und Theater, China und Hongkong. Ein Gespräch vor der Premiere : Schön schrecklich im Reich der Mitte

Eigentlich hätte „Eine kurze Chronik des künftigen China“ schon längst Premiere gehabt. Als europäische Erstaufführung. Aber jetzt ist es hoffentlich endlich so weit: Das Staatstheater wirft einen Blick in eine politisch und kulturell fremde Welt, und der Chefdramaturg erzählt, warum er begeistert ist.

Die Volksrepublik China. Wer dabei an mehr denkt als an Fernreisen und billige Elektroartikel im Discounter, kann dieses Land nicht ohne seine Politik sehen: Völkermord an den Uiguren, Unterdrückung in Tibet und der inneren Mongolei, Zwangsumsiedlungen der eigenen Bevölkerung, Gewalt gegen die Opposition in Hongkong, Kriegsdrohung gegen Taiwan und dazu ein wachsender Überwachungsstaat, gegen den Orwells „Big Brother“ fast schon putzig erscheint.

Aber China ist auch eine riesige Wirtschaftsmacht. Alle wollen hier Geschäfte machen, billig produzieren, Profit einstreichen. Und schauen bei allem anderen weg. Gerade wurde das Smart-Werk im lothringischen Hambach geschlossen. Mercedes produziert den Smart künftig in China. 1600 Menschen in Hambach bangen um ihre Jobs. „Ich kann nicht verstehen, dass das von Politik und Gesellschaft so hingenommen wird“, sagt Horst Busch, Chefdramaturg am Saarländischen Staatstheater.

Diese China-Politik „ohne Biss“, dieses Nicht-Hinschauen treibt ihn um. Wir haben uns zum Gespräch über eine neue, die vielleicht interessanteste, Schauspielproduktion in dieser durch Corona so seltsamen Spielzeit getroffen. Am 11. April hat „Eine kurze Chronik des künftigen China“ des Hongkonger Autors Pat To Yan jetzt hoffentlich endlich Premiere. Als europäische Erstaufführung.

Zum Gespräch mit der SZ hat Horst Busch auch Kai Strittmatters China-Buch „Die Neuerfindung der Diktatur“ mitgebracht. Weil man Pat To Yans Stück nicht ohne Chinas Politik denken kann. Der Autor gehört zur Oppositionsbewegung in Hongkong.

Viel politischer Gesprächsstoff also. Aber wenn man dann beginnt, mit dem Chefdramaturgen über das Stück selbst zu reden, kommt sogleich der leidenschaftliche Theatermensch hervor, der er  natürlich auch ist. Er würde, hat man den Eindruck, am liebsten jeden Zuschauer, jede Zuschauerin persönlich überzeugen, sich auf das einzulassen, was er und sein Team im Schauspiel des Saarländischen Staatstheaters so anbieten. „Wie verführe ich Menschen, auf künstlerische Entdeckungsreise zu gehen?“, fragt er sich.

Denn eine etwas fremde Theaterwelt wird es schon werden, was da am 11. April über die Bühne der Alten Feuerwache geht. Als er das Stück in die Hand bekam, erzählt er freimütig, habe er erst mal „ups“ gedacht. Weil es schon sehr ungewöhnlich ist.

Aber in der Dramaturgie des Saarländischen Staatstheaters sind sie nach und nach „daran hängen geblieben“, erzählt Horst Busch. Weil es ein so märchenhaftes Stück voller Assoziationsmöglichkeiten ist. „Und in der Kultur geht es ja um die Wahrnehmung, die Schärfung der Sinne.“ Pat To Yans Text sei eine herrliche „Einladung, selbst zu assoziieren“.

Für die Regie haben sie dann ein Brüderpaar mit bekanntem Saarbrücker Namen gefunden. Regisseur Moritz Schönecker und den Bühnenbildner Benjamin Schönecker. Die beiden waren sieben Jahre künstlerische Leiter am Theaterhaus Jena und arbeiten zum ersten Mal fürs Saarländische Staatstheater. Ihr Inszenierungsstil passe sehr gut zum Stück. „In Form eines Märchens mit allegorischen Figuren wird eine politische Geschichte erzählt“, beschreibt Horst Busch.

Es gibt verschiedene Handlungsstränge, und es tauchen surreale, für unsereins auch schon mal recht fremde Wesen auf. Die Katze mit dem Loch im Bauch, heißt eine. Die weiße Knochenfrau eine andere. Da denke man erst mal „ah ja, schwierig, und dann: ja toll!“, sagt Busch.

All diese Figuren – es gibt zum Beispiel noch den Mann, der Schmerz mitansieht, oder das unheimliche Mädchen, aber auch das Mitglied der politischen Partei – sie alle haben eine Bedeutung. „Im Chinesischen gilt die Katze zum Beispiel als Beherrscherin der Zeit“, erzählt Busch. Ihn erinnere Pat To Yans Erzählweise an Theater in der  DDR, wo man auch mit Anspielungen arbeitete, „und jeder wusste, was gemeint war“.

Aber man muss sich nun nicht in chinesischer Kultur auskennen, um „Eine kurze Chronik des künftigen China“ zu genießen. „Es wird ein märchenhaftes Bildertheater, wo man politische Anklänge finden kann, aber nicht muss.“ Der Chefdramaturg hofft sehr, dass sich viele Zuschauer darauf  einlassen. Jeder dürfe hier seine eigenen Deutungen finden. Denn letztlich, so sagt er, „ist es die Chance der Kunst, dass ich mich darin selbst erkennen kann“. Außerdem verspricht er einen „spannenden, rätselhaften, bilderreichen Theaterabend mit fantasievollen Kostümen“.

Übrigens schreibt Pat To Yan als Untertitel zu seinem Text: „Auch wenn im Stücktitel China steht, kann dieses  Stück überall auf der Welt spielen.“ Man könnte es, meint Horst Busch, „auch als ein Wehret den Anfängen! verstehen“. Und damit meint er nicht nur die China-Politik der Bundesregierung.

„Eine kurze Chronik des künftigen China“ hat am Sonntag, 11. April, 19.30 Uhr, in der Alten Feuerwache Premiere als Europäische Erstaufführung. Weitere Termine werden noch bekannt gegeben. Infos, Karten und Anmeldung: (0681) 3092-486.
www.staatstheater.saarland