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UN-Klimakonferenz: Experte aus Saarland ist mit dabei - und findet klare Worte

Saarländer bei UN-Klimakonferenz in Glasgow : Experte aus dem Saarland zum Stopp des Klimawandels: „Wir haben keine Alternative“

Diese Woche versammelt sich die Welt in Glasgow zum UN-Klimagipfel. Auch dabei: Maximilian Jungmann aus Fischbach, der Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit berät.

Während sich seit diesem Sonntag Vertreter aus fast 200 Nationen im schottischen Glasgow zur UN-Klimakonferenz versammeln, ist auch ein Saarländer dabei: Politikwissenschaftler Dr. Maximilian Jungmann aus Fischbach ist unter anderem Experte für den gesundheitspolitischen Aspekt der Klimakrise. Seit 2019 ist er Geschäftsführer des Heidelberg Center for the Environment an der Universität Heidelberg. Die SZ hat mit ihm über seine Erwartungen an die Konferenz gesprochen – und darüber, wie die Gesellschaft, aber auch Unternehmen von Klimaschutz profitieren können.

Dr. Jungmann, was ist Ihre Aufgabe bei der Weltklimakonferenz?

MAXIMILIAN JUNGMANN Die Konferenz ist riesig. Zum einen finden dort die Verhandlungen statt zwischen den einzelnen Staaten, zum anderen gibt es unglaublich viele Nebenveranstaltungen, zu denen sowohl Menschen aus der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft, aus Unternehmen, aber auch Entscheidungsträger der Staaten und internationalen Organisationen kommen. Veranstaltungen finden in den Räumlichkeiten der Vereinten Nationen statt, aber einzelne Staaten haben Pavillons, auch die Bundesregierung. In diesem deutschen Pavillon spreche ich zum Thema Klimawandel und Gesundheit. Ich bin Teil einer Delegation des Heidelberg Center for the Environment („Heidelberg-Zentrum für Umwelt“, Anm. d. Red.). Unsere Aufgabe ist es, die Verhandlungen zu beobachten und die Ergebnisse anschließend entsprechend einzuordnen. Ich werde beispielsweise danach in der Klima Arena in Sinsheim über den Prozess berichten.

Der Klimawandel wird häufig nur als naturwissenschaftliches Thema wahrgenommen, Sie dagegen sind Politikwissenschaftler. Wie sieht Ihre Arbeit aus?

JUNGMANN Ich habe in Heidelberg in der Politikwissenschaft promoviert, aber interdisziplinär eng zusammengearbeitet mit Leuten aus dem Global Health Institut des Universitätsklinikums, aus der Geografie und anderen Bereichen. Dabei ging es um neue gesundheitspolitische Herausforderungen des Klimawandels. Ich habe dort einen internationalen Vergleich gemacht mit 191 Staaten: Wie sie neue Gesundheitsrisiken wahrnehmen und darauf reagieren, um ihre Bevölkerung zu schützen. Parallel zu meiner Promotion habe ich 2018 auch ein Startup gegründet, Momentum Novum. Da beschäftigen wir uns mit dem Knowledge-Action-Gap.

Wissen-Handlungs-Lücke? Was bedeutet das?

JUNGMANN Im Prinzip geht es um die Frage: Wie kann es sein, dass wir als internationale Gemeinschaft auf der einen Seite immer mehr Wissen haben über Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Herausforderungen – aber auch die Chancen –, aber gleichzeitig nicht oder zu spät handeln? Gerade mit Blick auf die SDGs (“Sustainable Development Goals“, siehe Grafik, Anm. d. Red.) oder das Pariser Klimaabkommen. Das treibt mich persönlich um und uns bei Momentum Novum. Wir unterstützen da insbesondere Unternehmen, aber arbeiten auch mit internationalen Organisationen und öffentlichen Einrichtungen zusammen, um Handeln zu mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen, auch ganz konkret Transformationsprozesse in Unternehmen zu gestalten.

 Die Vereinten Nationen haben 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (englisch „Sustainable Development Goals“, kurz SDGs) formuliert. Sie traten im Rahmen der „Agenda 2030“ im Jahr 2016 in Kraft und gelten für alle Mitgliedsstaaten.
Die Vereinten Nationen haben 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (englisch „Sustainable Development Goals“, kurz SDGs) formuliert. Sie traten im Rahmen der „Agenda 2030“ im Jahr 2016 in Kraft und gelten für alle Mitgliedsstaaten. Foto: UNRIC

Gibt es da denn einen Bedarf?

Jungmann Zumindest für uns ist die Nachfrage in der Unternehmenswelt enorm gestiegen. Da scheint wirklich ein Schalter umgelegt worden zu sein. Diejenigen, die uns ansprechen, wissen bereits, was die Vorteile von mehr Nachhaltigkeit sind. Aber viele Unternehmen sehen zwar das Potenzial, brauchen jedoch Unterstützung bei der Umsetzung. Aber es ist nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren, als man gerade bei Unternehmen noch viel Überzeugungsarbeit leisten musste. Das hat sich geändert.

Und dennoch sprachen Sie anfangs von der Schwierigkeit, Menschen zum Handeln zu bewegen. Wie ist das zu erklären, obwohl die Faktenlage doch ganz klar ist?

Jungmann Mich fasziniert die Frage, seitdem ich in der Schule Al Gores Film „Eine unbequeme Wahrheit“ gesehen habe. Der Klimawandel ist die größte Herausforderung, die die Menschheit jemals hatte, wir wissen, was wir dagegen unternehmen können, aber tun nichts. Wieso? Ich forsche parallel an der Universität Heidelberg zu genau dieser Fragestellung in einem interdisziplinären Forschungsprojekt mit Kolleginnen und Kollegen aus der Umweltphysik. Ein Projekt nennt sich Climate Action Science. Und da geht es einerseits um die Frage, inwiefern Informationen zu Treibhausgas-Emissionen vor Ort – beispielsweise im eigenen Stadtviertel – politisches Handeln beeinflussen können, als auch die individuelle Wahrnehmung von diesem globalen Phänomen. Wir arbeiten dabei auch mit Psychologen zusammen. Das Problem mit dem globalen, recht abstrakten Phänomen „Klimawandel“ ist oft, dass Menschen den Bezug zum eigenen persönlichen Handeln nicht sehen. Zwar sind immer mehr Menschen überzeugt, dass etwas getan werden muss, aber die Verhaltensänderung tritt trotzdem nicht ein. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, Treibhausgas-Emissionen besser messbar zu machen, aber ob das tatsächlich zu einer Handlung führt, ist eine Frage, die wir noch nicht beantworten können. Was macht es mit individueller Wahrnehmung und Verhalten? Und was macht das mit Entscheidungsträgern – in Städten und Kommunen bis hoch zur internationalen Ebene? Wie beeinflusst das gegebenenfalls Verhandlungen auf der Weltklimakonferenz? Da stehen wir noch am Anfang. Gleichzeitig haben Gruppen wie Fridays for Future das Thema sehr stark
gepusht in den vergangen Jahren und es auf die Agenda gesetzt. Spätestens durch die Flutkatastrophe haben wir auch in Deutschland gesehen, dass der Klimawandel keine Zukunftsherausforderung ist, sondern schon begonnen hat und immer schlimmer wird.

Das Saarland wurde kürzlich verklagt, weil es kein Klimaschutzgesetz hat. Die Reaktionen aus der Politik darauf waren eher verhalten. Ein wenig klang das nach: Was wollt ihr denn, wir tun doch schon so viel.

Jungmann Ich möchte da niemandem zu nahe treten. Generell gesprochen sehe ich schon starke Unterschiede im Nachhaltigkeitsverständnis. Klimaschutz ist ja nur ein Aspekt davon. Es fehlt an Grundlagenwissen. Nachhaltigkeit wird häufig nur auf die Umwelt reduziert und dann heißt es: Das ist nicht mein Gebiet, darum sollen sich andere kümmern. Zweites Problem: Nachhaltigkeit wird immer noch als Last empfunden, als lästige Pflicht. Aber die Vorreiter, die jetzt schon profitieren, die sehen das als Chance. Jede Herausforderung geht mit ganz vielen Möglichkeiten einher. Das wünsche ich mir auch für das Saarland – dass wir beispielsweise die enorme Kompetenz nutzen, die wir im IT-Bereich haben, um eine neue Innovations-Plattform für Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu schaffen, so Investoren ins Saarland zu locken und daraus Kapital zu schlagen.

Nachhaltigkeit als Chance – wie kann das konkret aussehen?

Jungmann Ein Beispiel aus der Chemie: Ein Startup in München hat sich die Frage gestellt: Wie kann es sein, dass bei Reinigungsmitteln so unglaublich viel Plastik produziert wird und der Weg zum Kunden so ineffizient ist? Diese Produkte bestehen fast vollständig aus Wasser und nur einem Bruchteil Reinigungsmittel. Wir transportieren Massen an schweren Plastikflaschen durch die Gegend, was unnötige Emissionen verursacht. Das Startup ist also hingegangen und hat das Reinigungsmittel konzentriert, was das Gewicht enorm reduziert. Das lässt sich als Brief verschicken, die Kunden müssen es nur noch in Wasser auflösen und können dafür dieselbe Flasche immer wieder verwenden. Das Startup hat mit einem klassischen Reinigungsmittel angefangen, inzwischen bringt es alle paar Monate ein neues Produkt auf den Markt – für Spülmaschinen, WC, Waschmaschinen. Das wäre so ein konkretes Beispiel, wie man die Herausforderung in eine Chance umwandelt. Das ist eine strategische Entscheidung, man muss das komplette Verständnis ändern. Und das gilt sowohl für die Politik als auch für die Wirtschaft.

Ein oft genanntes Beispiel in dem Zusammenhang ist ja die Idee einer autofreien Innenstadt. Eigentlich geht es dabei darum, die Städte lebenswerter zu gestalten und mehr Platz für die Menschen zu schaffen, aber bei vielen kommt das anders an.

Jungmann Gerade bei kommunalen Projekten ist es wichtig, dass man die Bürger von Anfang an mitnimmt und die nicht das Gefühl haben, dass da jetzt jemand aus einem privilegierten akademischen Umfeld mit seiner tollen Idee kommt. Und der drängt die uns dann auf und nachher dürfen wir alle kein Auto mehr fahren. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann, weil man so das Vertrauen der Menschen verliert. Es gibt Kommunen, die das erfolgreich anders gemacht haben: Die haben zuerst eine öffentliche Veranstaltung gemacht und die Bürger gefragt, was ihnen wichtig ist. Daraus wurde dann eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. So fühlen die Bürger sich ernst genommen, können vielleicht sogar in Projekte investieren und tragen sie dann auch mit. Ich glaube, wichtig ist, dass man nicht immer mit dieser internationalen Ebene anfängt, sondern mit den eigentlichen Alltagsproblemen der Menschen und dann die Verbindung herstellt zu den großen globalen Zielen, weil sie dann sehen, dass es sie persönlich betrifft. Wenn ich beispielsweise Förderung für Solaranlagen auf meinem Dach bekommen kann, dann habe ich letztendlich mehr Geld im Geldbeutel, weil die Energiepreise immer höher werden und es sich einfach rechnet.

Trotzdem noch einmal zurück zur internationalen Ebene: Welche Themen werden auf der Weltklimakonferenz am wichtigsten sein?

Jungmann Man kann das Pariser Klimaabkommen kritisieren, weil es nicht weit genug geht. Dennoch ist die Tatsache, dass sich über 190 Staaten darauf geeinigt haben, ein riesiger Erfolg. Was fehlt, sind Sanktionsmaßnahmen und Kontrollmechanismen. Wie genau schaffen wir es, dass die Staaten ihre Versprechen umsetzen? Zudem reichen die angekündigten Maßnahmen, obwohl sie von vielen Staaten bereits verschärft worden sind, nicht aus, um das Ziel von Paris zu erreichen, die globale Erwärmung auf deutlich unter
2 Grad – besser 1,5 Grad – zu begrenzen. Wichtig ist auch die Frage, wie wir Finanzierungsmöglichkeiten für Staaten des globalen Südens schaffen, um sich nachhaltig zu entwickeln und auch anzupassen an den Klimawandel. Das Ziel dort sind
100 Milliarden Dollar pro Jahr, was die entwickelten Staaten zur Verfügung stellen sollen. Das haben wir letztes Jahr noch nicht geschafft. Ich erwarte, dass die Verhandlungen sehr schwierig werden, aber die Entwicklungen der letzten Monate stimmen mich hoffnungsvoll.

Glauben Sie denn persönlich, dass wir den Klimawandel noch stoppen können?

Jungmann Wir haben keine Alternative. Wenn wir aufgeben, schaffen wir es auf keinen Fall. Wir wissen, was wir tun müssen, und wir wissen auch, dass wir es tun können. Und ich sehe ganz viele, die darin auch neue Chancen sehen. Wir müssen die Emissionen reduzieren, aber gleichzeitig auch so realistisch sein und uns schon heute möglichst nachhaltig anpassen an das sich verändernde Klima. Ich glaube, es ist noch nicht zu spät, das Schlimmste zu verhindern. Aber es ist allerhöchste Zeit, ins Handeln zu kommen.