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Heidstock: Kolonial-Verbrecher bleiben in Völklinger Straßennamen

Kolonial-Verbrecher als Namensgeber : Nach Angriffen und Droh-Anrufen gegen Befürworter – Straßen-Umbenennung in Völklingen abgelehnt

Seit Wochen sorgt das Thema für Diskussionen in Völklingen. Jetzt steht fest: Die fünf Straßennamen auf dem Heidstock, die im Nationalsozialismus nach deutschen Kolonialverbrechern benannt wurden, bleiben erhalten. Das entschied der Ortsrat mit großer Mehrheit.

Seit Monaten schwelt in Völklingen eine Debatte um das Kolonialviertel im Stadtteil Heidstock. Nach einer großen Informationsveranstaltung Anfang November für Ratsmitglieder, Bürgerinnen und Bürger konnte der Völklinger Ortsrat am Donnerstagabend über die Zukunft der Straßennamen im Kolonialviertel entscheiden. In geheimer Wahl haben sich die gewählten Ortsratsmitglieder mit großer Mehrheit gegen die Beschlussvorlage aus dem Rathaus und damit gegen die Umbenennung ausgesprochen.

Uwe Steffen (CDU) erklärte vor der Abstimmung in einer langen Rede, dass es notwendig wäre, den grausamen Teil der deutschen Geschichte aufzuarbeiten. Doch seine Partei wolle eine Entscheidung für die Anwohner treffen, und die hätten sich nun mal klar gegen eine Umbenennung ausgesprochen. In ihrer Antwort erinnerte Oberbürgermeisterin Christiane Blatt (SPD) daran, dass der Ortsrat nicht nur eine Entscheidung für die Anwohner, sondern für 40 000 Menschen in ganz Völklingen treffe: „Es geht um das Ansehen einer ganzen Stadt, nicht nur um fünf Straßen.“

Wolfgang Lorenz (Grüne) ging daraufhin die Oberbürgermeisterin scharf an und musste mehrmals von Ortsvorsteher Stephan Tautz (Wir Bürger) ermahnt werden. Lorenz erklärte dazu, dass er sich aufgrund seiner Gesundheit sogar noch zurückhalten würde. Außerdem fände er es schlimm, dass die Ortsräte unter Druck gesetzt würden.

Heidstock: Kolonial-Verbrecher bleiben in Völklinger Straßennamen
Foto: Stadt Völklingen

Uwe Steffen sagte zudem, dass die Politik aus „irgendwelchen fadenscheinigen Gründen“ an den Bedürfnissen der Leute vorbeigehen würde. Dann stand der CDU-Ortsrat auf, drehte sich zu den Gästen um, und rief, dass man sich in Berlin und Saarbrücken etwas von seiner Haltung abschauen solle. Die anwesenden Anwohner des Kolonialviertels quittierten den Auftritt mit Applaus.

Aus dem Rat meldete sich kein Befürworter der Umbenennungen zu Wort. Stattdessen erteilte der Ortsvorsteher dem Linken-Politiker Paul Ganster das Rederecht, dessen Fraktion den ursprünglichen Antrag eingereicht hatte. In seinem Redebeitrag berichtete Ganster von Einschüchterungsversuchen gegen ihn. Man wäre ihn auf offener Straße körperlich angegangen, hätte ihm vorgeworfen, er mache „unsere deutschen Helden“ kaputt, und er hätte nachts Drohanrufe bekommen. Die Ratsmitglieder solidarisierten sich nicht mit dem Lokalpolitiker. „Sie sind selber schuld, wenn sie angegriffen werden“, sagte der Grüne Wolfgang Lorenz.

Und Dieter Pick (CDU) machte seinem Ärger über die gesamte Umbenennungs-Debatte Luft: Nach dem heftigen Streit über die Röchlinghöhe hätte man in der Verwaltung doch wissen müssen, dass Umbenennungen in Völklingen kein Selbstläufer seien. „Es ist bekannt, dass die Leute da nicht mitziehen. Das war ein völlig vermeidbarer Zoff, und jetzt haben wir ein schlechtes Image wegen dem Streit“, sagte Pick.

Die Umbenennung war der erste Tagesordnungspunkt der Ortsrat-Sitzung in der Hermann-Neuberger-Halle gewesen. Neben über 30 Gästen war auch die Völklinger Oberbürgermeisterin Christiane Blatt (SPD) gekommen. In ihrer Begrüßung hatte sie sich an die Ratsmitglieder gewandt und erneut betont, dass die Verwaltung bei einer Umbenennung den Anwohnerinnen und Anwohnern umfassende Unterstützung geben werde. Mit diesem Argument war sie jedoch nicht durchgedrungen. 13 Mitglieder wollten letztlich keine Umbenennungen auf dem Heidstock, nur fünf waren dafür und ein Mitglied enthielt sich.

Nach der Abstimmung gegen die Umbenennung feierte die Fraktion der CDU gemeinsam mit den anwesenden Gästen. Oberbürgermeisterin Blatt zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung. Der Kompromisslösung, Infotafeln an den Straßenschildern anzubringen, erteilte sie erstmal eine Absage mit der Frage: „Wollen wir auch noch darauf hinweisen, welche Verbrecher wir da ehren?“ Mit der Entscheidung des Ortsrates bleiben jedenfalls die Namen von Carl Peters, Adolf Lüderitz, Hermann von Wissmann, Gustav Nachtigal und Paul von Lettow-Vorbeck auf den Heidstocker Straßenschildern.

Zur Meinung hier und zum Vorbericht hier.