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Juden waren angesehene Bürger in Völklingen – bis die Nazis kamen

Jüdisches Leben in Völklingen : Angesehene Bürger – bis die Nazis kamen

Es gab nur wenige jüdische Völklinger – und noch weniger kamen nach dem Krieg zurück.

Das Stadtarchiv Völklingen und die Volkshochschule der Stadt laden an diesem Donnerstag zu einem Vortrag über die Geschichte des jüdischen Lebens in Völklingen ein. Im Interview mit der SZ gibt Stadtarchivar Dr. Röhrig vorab einen Einblick.

Herr Dr. Röhrig, war es leicht, Informationen zu dem Thema zu finden?

Dr. Michael Röhrig: Im Stadtarchiv Völklingen befinden sich dazu einzelne Dokumente. Eine systematische Auswertung der historischen Quellen lag bisher nicht vor. Sehr aussagekräftig sind die Akten des Landesentschädigungsamtes im Landesarchiv Saarbrücken. Darin schildern Juden nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Schicksale. Insgesamt ist die Quellenlage schwierig. Außerdem lebten in Völklingen nur relativ wenige Juden.

Welchen Anteil hatten die Juden an der städtischen Bevölkerung?

Röhrig: 1905 wurden bei einer Zählung 22 Bürger jüdischen Glaubens erfasst. In den Folgejahren stieg ihre Zahl an, Ende 1933 wohnten 139 Juden in Völklingen. Aber auch das waren nur 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. In anderen Teilen der Region war ihr Anteil höher.

Gab es eine Synagoge in Völklingen?

Röhrig: Nein, Völklingen gehörte zur jüdischen Kultusgemeinde Saarbrücken. Die Juden, die eine Synagoge besuchen wollten, mussten dorthin. In Völklingen gab es aber private Betsäle in Wohnungen.

Welche Berufe hatten die jüdischen Bürger?

Röhrig: Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gab es in Völklingen einen jüdischen Arzt und einen jüdischen Anwalt. Fast alle anderen arbeiteten als Kaufleute. Sie handelten mit Textilien, Lederwaren oder Schuhen. Ein kleinerer Teil war auch im Viehhandel tätig. Seine Blütezeit erlebte der jüdische Handel in den 1920er Jahren. 1926 wurden 14 jüdische Geschäfte im Bereich der heutigen Rathausstraße, Poststraße und Bismarckstraße gezählt. Neben den etablierten Geschäftsleuten gab es auch arme Juden, die vom Land kamen. Sie versuchten, als Hausierer ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ein Großteil der Juden war also Teil der Stadtgesellschaft?

Röhrig: Ja, sie sahen sich als Teil der Gesellschaft, schließlich hatten sie im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, und unter ihnen befanden sich angesehene Geschäftsleute.

Wann verschlechterte sich die Situation für die Juden?

Röhrig: Anfang der 1930er Jahre begann die Völklinger NSDAP gegen Juden zu hetzen. Erste illegale Schriften wurden noch beschlagnahmt. Vor allem ab 1933 kam es zu Boykotten jüdischer Geschäfte. Nationalsozialistische Wachleute, die sich vor den Geschäften postiert hatten, schüchterten Kunden ein und bedrohten sie.

Es blieb aber nicht bei verbalen Anfeindungen.

Röhrig: Nach der Saarabstimmung und dem Anschluss an das „Dritte Reich“ 1935 verschärfte sich die Situation. Die Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden mit Teer beschmiert. Während der sogenannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 demolierten Eindringlinge die Einrichtung des Hauses von Dr. Rudolf Fromm in Luisenthal. Der jüdische Arzt wurde verhaftet und deportiert. Nach einigen Wochen kehrte er zurück. Seine Praxis konnte er nicht mehr öffnen, der Mediziner wanderte nach New York aus.

Wie entwickelte sich die Zahl der jüdischen Bürger?

Röhrig: Die meisten Juden emigrierten in den Jahren 1935/36, vor allem nach Frankreich und Luxemburg. Viele von ihnen wurden während des Krieges deportiert und ermordet. Bei einer Volkszählung im Mai 1939 wurden in Völklingen nur noch zehn Juden registriert. Mit Kriegsbeginn wurde die Stadt evakuiert. 1940 kehrten vier jüdische Frauen, die mit nicht-jüdischen Männern verheiratet waren, aus der Evakuierung nach Völklingen zurück – obwohl der Bürgermeister das verhindern wollte.

Endete mit dem Zweiten Weltkrieg die Geschichte der jüdischen Kaufleute in Völklingen?

Röhrig: Nein, Léon Ostrolenk, der einzige KZ-Überlebende seiner Familie, kehrte nach Völklingen zurück. Er eröffnete ein Kaufhaus, das in den 1950ern gegenüber dem Alten Rathaus lag, und wohnte bis zu seinem Tod in Völklingen. Es kamen jedoch nur wenige der überlebenden Juden zurück nach Völklingen. 1959 zählte man hier nur zehn jüdische Einwohner.

 Der Völklinger Stadtarchivar Dr. Michael Röhrig .
Der Völklinger Stadtarchivar Dr. Michael Röhrig . Foto: BeckerBredel
 Die Praxis des Arztes Dr. Rudolf Fromm in Luisenthal wurde 1938 von willfährigen Nazi-Schergen demoliert, der Arzt verhaftet.
Die Praxis des Arztes Dr. Rudolf Fromm in Luisenthal wurde 1938 von willfährigen Nazi-Schergen demoliert, der Arzt verhaftet. Foto: Unbekannt

Am Donnerstag, 4. November, laden das Stadtarchiv und die Volkshochschule Völklingen zu einem Vortrag über die Geschichte des jüdischen Lebens in Völklingen bis zum Zweiten Weltkrieg ein. Ab 18 Uhr informiert Stadtarchivar Dr. Michael Röhrig im Festsaal des Alten Rathauses über die historische Entwicklung. Um Anmeldung wird gebeten unter Telefon (0 68 98) 13 25 97 oder per Mail an vhs@voelklingen.de. Es gilt die 3G-Regel.